Göttingen

Explosion: Keine Anhaltspunkte für strafbares Verhalten

Foto: dpa

Nach derzeitigem Stand sind den Mitgliedern des Kampfmittelräumdienstes keine strafrechtlich relavanten Vorwürfe zu machen.

Göttingen. Nach der tödlichen Explosion eines Blindgängers hat die Staatsanwaltschaft Göttingen bislang keine Anhaltspunkte für ein strafbares Verhalten. Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand seien den Mitgliedern des Kampfmittelräumdienstes keine strafrechtlich relavanten Vorwürfe zu machen, sagte Sprecher Andreas Buick. Gleichwohl führe seine Behörde das Vorermittlungsverfahren weiter. Dies sei üblich in Fällen, in denen Menschen zu Tode kommmen. Bei der Detonation der Weltkriegsbombe am Dienstagabend waren drei Mitglieder des Kampfmittelbeseitigungsdienstes gestorben.

Am Vortag hatten Anwohner noch gemeckert, als Polizisten das Viertel um den Göttinger Schützenplatz evakuierten. Ein Beamter erinnert sich gut. "Viel Lärm um wenig", habe ihm ein Mann vorgehalten. Gestern beschwerten sich in der Universitätsstadt keine Passanten oder Autofahrer mehr über Umwege wegen der weiträumigen Absperrung, es war totenstill rund um den Explosionsort. Nur Polizeifahrzeuge und ein Leichenwagen passierten die Kontrollpunkte zu jener Baustelle für eine Sporthalle, wo am Vorabend drei Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes Niedersachsen regelrecht zerfetzt worden sind von einer Zehn-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg.

+++ Ursache der Bombenexplosion weiter völlig unklar +++

Die Bombe von Göttingen hatte einen Säurezünder. Davor haben die Sprengstoffspezialisten besonders großen Respekt, weil diese Zünder häufig noch nach Jahrzehnten intakt sind: "Die Säurezünder sind nicht das alltägliche Geschäft", umschrieb das gestern Christian Grahl, Chef der Zentralen Polizeidirektion Niedersachsen, zu der die Bombenräumer gehören. Andererseits waren die drei Männer - 55, 52 und 38 Jahre alt - seit Jahrzehnten im Geschäft. Die beiden älteren Männer, so rechnete ein sichtlich betroffener Innenminister Uwe Schünemann auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Göttingen vor, "haben jeder zwischen 600 und 700 Bomben entschärft".

Nur einmal, Ende der 70er-Jahre, hatte es einen solch schweren Unfall mit Todesopfern in Niedersachsen gegeben. Zuletzt ist vor sechs Jahren in Bayern ein Sprengstoffexperte bei einer Entschärfung umgekommen. Am Donnerstag vergangener Woche hatte der Einsatz für die Experten in Göttingen begonnen. Da hatten die Männer eine erste gefundene Bombe unter die Lupe genommen. Es lief alles wie immer: die Evakuierung im 1000-Meter-Umkreis, der Einsatz modernster Technik. Seit Anfang des Jahres verfügt der Räummitteldienst über ein neues, ferngesteuertes Spezialgerät mit Wasserschneidetechnik, das den Zünder von der Bombe trennt.

Die zweite Bombe, die letztlich drei Menschenleben kostete, wurde bei weiteren Untersuchungen erst am Montag entdeckt. Aber irgendwie müssen die Verantwortlichen schon vor diesem Fund Angst bekommen haben. Am Tag zuvor nämlich, dem Sonntag, gab es auf dem Gelände des Schützenplatzes gleich neben der Baustelle einen Flohmarkt. Stadtrat Hans-Dieter Suermann, auf diese Veranstaltung angesprochen, räumte gestern auf der Pressekonferenz ein: "Manche beobachteten das mit einem unguten Gefühl." Und auf Nachfrage, wer denn "manche" seien, sprach er von Mitarbeitern der Feuerwehr und der Verwaltung.

Am Dienstagabend in der Heinrich-Heine-Schule hatte anfangs noch buntes Treiben geherrscht. Hier war eine Auffangstation für die rund 7000 Anwohner, die am frühen Abend den Sperrbezirk räumen mussten. Kinder spielten mit Luftballons, verteilt vom DRK. Nachbarn setzten sich zusammen, redeten, spielten Karten. Aber als dann die Nachricht kam, die Bombe sei explodiert und es seien Menschen zu Schaden gekommen, da wurde es ganz still. Viele schlugen die Hände vors Gesicht, vielleicht dachte genau jetzt manch einer daran, dass er die weiträumige Absperrung für übertrieben gehalten hatte. Und eine ältere Frau sprach es dann auch aus: "Das hat keiner geglaubt, dass so etwas passieren könnte."

Wer hinausfährt zum Unglücksort, der kommt kurz davor am Bahnhof vorbei. Er ist ein Knotenpunkt, war Ziel der alliierten Bomberpiloten. Bis gestern Mittag konnte die Polizei vor Ort noch nicht ermitteln. Erst prüften Experten des eilig herbeigerufenen Räummitteldienstes Thüringen die unmittelbare Umgebung der Unfallstelle. Dann gaben sie Entwarnung.

Sechs wichtige Augenzeugen der Explosion stehen unter Schock, zwei von ihnen liegen schwer verletzt im Krankenhaus. Bei ihren Befragungen wird es vor allem um die Frage gehen, ob die drei Sprengstoffmeister tatsächlich nur neben der Bombe standen und ihr nicht zu nahe kamen. Laut Feuerwehrchef Martin Schäfer gab es nur "vorbereitende Arbeiten". Um 21.36 Uhr ist die Bombe explodiert, wie aus dem Nichts, zu spüren in der Innenstadt und noch zu hören in den Vororten. Laut Zeitplan, den die Sprengstoffexperten selbst so aufgestellt hatten, sollte die Entschärfung nicht vor 22.30 Uhr losgehen. Erst dann hätte der letzte ICE des Abends den Bahnhof passiert. Danach sollten die Gleise zur Sicherheit gesperrt werden.

Über die Unglücksursache herrschte zunächst Rätselraten. Göttingens Polizeipräsident Robert Kruse formulierte gestern betont vorsichtig: "Wir versuchen, uns der Ursache zu nähern." Innenminister Schünemann sprach den Angehörigen der Toten im Namen der Landesregierung sein Beileid aus. Er sagte den Hinterbliebenen psychologische Betreuung zu.

"Die Stadt Göttingen steht unter Schock", sagte Stadtrat Suermann. Per Pressemitteilung wies die Kommune darauf hin, dass wegen der Untersuchung auf weitere Bomben an diesem Donnerstag die Parkplätze auf dem Schützenplatz nicht zur Verfügung stehen. Niemand ist gewillt, auch nur das kleinste Risiko einzugehen. Im 300-Meter-Sperrbezirk liegen nur zwei Wohnungen, aber Schulen und Firmen. Ein Pharmaunternehmer fragte gestern nach, wann er wieder produzieren könne. Stadtrat Soermann konnte es ihm nicht sagen: "Es geht um höchstmögliche Sicherheit." Der Schock sitzt tief.