Gericht stellt Verlauf der Juninacht 2007 nach

Todesschuss: Gutachter entlastet Polizisten

Gerichtsmediziner spricht nach Ortstermin von einem "Reflex". Beamter wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.

Der Mann fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, ganz offensichtlich. Sein Blick wirkt ein wenig gequält, die Haltung verkrampft. Kein Wunder, eine Schusswaffe ist auf ihn gerichtet, von hinten, ein Entkommen scheint unmöglich. Und doch besteht keinerlei Gefahr. Denn die Schusswaffe ist weiß und aus Kunststoff.

Als harmlose Attrappe ruht sie in der Hand von Professor Klaus Püschel, hoch geachteter Leiter des Instituts für Rechtsmedizin - und in diesem Fall Darsteller bei einem Ortstermin für einen Strafprozess vor dem Amtsgericht gegen den Polizisten Hans-Peter A. (52). Ihm wird fahrlässige Tötung vorgeworfen.

Und so wie Professor Püschel den Angeklagten mimt, wird auch das Opfer nur gespielt. Die Szene, die hier nachgestellt wird, ist am 26. Juni 2007 traurige Realität geworden: Polizisten observieren zwei Männer in einem Wagen an der Börsenbrücke (Altstadt). Die benehmen sich verdächtig. Es sind mutmaßliche Kreditkartenbetrüger. Die Beamten wollen die Männer überprüfen und festnehmen. Als Polizist Hans-Peter A. beim Zugriff eine Tür des Autos öffnen will, löst sich ein Schuss aus seiner Waffe und trifft den 27 Jahre alten Tibor C. tödlich.

Soweit ist die Faktenlage eindeutig. Doch die rechtliche Bewertung ist strittig. Laut Anklage handelt es sich um fahrlässige Tötung, weil der Zivilfahnder seinen Finger bei dem Zugriff verbotswidrig am Abzug hatte. Doch aus Sicht der Verteidigung war es ein tragischer Unglücksfall. Der tödliche Verlauf sei für den Angeklagten "so nicht vorhersehbar und nicht vermeidbar" gewesen, sagte der Verteidiger des Polizisten, Walter Wellinghausen. Zu dem umstrittenen Griff an die Waffe sei es gekommen, als der Beamte die Fahrertür des Autos öffnen wollte und seine Pistole dabei von der rechten in die linke Hand wechselte.

Einen der strittigen Punkte sollte jetzt der Ortstermin klären. Dieser war nötig, weil ein Sachverständiger im Prozess ausgesagt hatte, dass der Fahrersitz, auf dem das Opfer gesessen hatte, verstellt worden sei. Diese nachträgliche Veränderung mache es ihm unmöglich, den genauen Schusswinkel und damit den genauen Standort des Polizisten zu bestimmen.

Der Gutachter sagte, es sei "sehr ungewöhnlich", einen derartigen Eingriff in den Tatort vorzunehmen. Aus Sicht der Nebenklage ist dies nur ein Kritikpunkt von vielen: "Pleiten, Pech und Pannen", sagt Anwältin Astrid Denecke, die den sechs Jahre alten Sohn des Opfers vertritt. In dem Prozess habe es "skandalöse Ermittlungspannen" gegeben. So sei es unter anderem nicht möglich gewesen, Schmauchspuren an den Händen des verdächtigen Polizisten festzustellen, weil er sich vorher die Hände habe waschen dürfen. "Der Angeklagte wollte verhindern, dass Schmauchspuren gesichtet werden", vermutet Denecke. Aus ihrer Sicht ist dies ein Hinweis, dass der Polizist nicht, wie von ihm behauptet, mit der linken, sondern mit der rechten Hand geschossen habe. "Denn sonst wäre es in seinem Interesse gewesen, die Spuren zu sichern."

Doch ob Hans-Peter A. nun mit links oder rechts geschossen hat, ist nach Überzeugung von Rechtsmediziner Püschel, der im Anschluss an den Ortstermin ein Gutachten vortrug, nicht eindeutig festzustellen. Jedoch gebe es "viele Anhaltspunkte", dass sich der Schuss versehentlich und aus einem "Reflex" gelöst habe. Beim Wechsel der Waffe und gleichzeitigem Greifen an die Fahrertür war der Wagen laut Zeugen nach vorn geruckelt. Dadurch habe sich durch einen normalen Muskelreflex die Greifbewegung von der rechten auf die linke Hand übertragen, so der Gutachter. Bei anderen Festnahmen habe es schon vergleichbare Vorfälle gegeben. Püschel: "Für mich ist das ganz logisch."

Der Prozess wird am 25. Juni fortgesetzt.