Retro-Schick

Die 50er-Jahre leben in Hamburg wieder auf

| Lesedauer: 8 Minuten
Genevieve Wood
Friseurmeister Antje Höhne (r., in roter Strickjacke) zeigt ihren Workshop-Teilnehmerinnen, wie sie sich im Stil der Nachkriegszeit frisieren

Friseurmeister Antje Höhne (r., in roter Strickjacke) zeigt ihren Workshop-Teilnehmerinnen, wie sie sich im Stil der Nachkriegszeit frisieren

Foto: Roland Magunia

Anhänger der alten Zeit kleiden sich im Retro-Schick, tanzen zu Rock ’n’ Roll und Swing – ein Einblick in die Szene in Hamburg.

Altstadt.  Sie lieben es, sich als Frau zu fühlen, ihre Kurven zu zeigen und sich im Stil der 50er-Jahre zu kleiden. Doris Day, Marilyn Monroe sind modische Vorbilder. Simone Theophilus-Speer und Antje Höhne fallen auf. Die Freundinnen leben den Retro-Stil, machen stilistisch gern Ausflüge in die 1920er- bis 1950er-Jahre, hören Swing und Rock’n Roll. Die Vergangenheit lebt in Hamburg auch an anderen Orten auf, wie an der 50er-Jahre-Old­timertankstelle Brandshof und in Clubs: Die Szene trifft sich zum Tanztee und zum Swing-Unterricht.

Antje Höhne fällt auf. Dunkelblauer Bleistift-Rock bis über die Taille, eine Cateye-Brille, rote Pumps und ihre kupferroten Haare zu Victory Rolls aufgedreht. Dass sie die Blicke auf sich zieht, ist sie gewohnt. Das ist keine Eitelkeit, es ist eine Lebenseinstellung, auch zum Discounter in High Heels und mit zurechtgemachter Frisur zu gehen. „Ein älterer Herr sprach mich auf mein Äußeres an und sagte, Sie sehen so toll aus! Es ist so schön, mal wieder eine richtige Frau zu sehen“, erzählt sie.

Während der ältere Herr sich vermutlich an seine Jugendzeit erinnerte, mögen Feministinnen bei diesem Satz zusammenzucken – Antje Höhne freut es. Ist es doch das, wonach die 31-Jährige strebt: „Das Bild der Frau in den 50er-Jahren fasziniert mich. Die Frauen haben viel in ihr Äußeres investiert, in Haut- und Haarpflege.“ Es sei erschreckend, wie viele Frauen verlernt hätten, mit ihren Haaren umzugehen. Und genau das bringt die Friseurmeisterin an diesem Sonnabendabend Hamburgerinnen bei.

Workshop Vintage Hair

Im Workshop Vintage Hair zeigt Antje Höhne vom Friseurladen Kavaliere & Stadtschönheiten (Mildestieg 4 in Barmbek), Tricks, um besondere Frisuren für den Alltag zu schaffen (65 Euro Teilnahmegebühr). Eine, die das lernen möchte, ist Juliane Hälbig. Die Konditorin hat sich schon immer für die Zeit der 40er- und 50er-Jahre interessiert, trägt ein schwarz-weißes Kleid im Retro-Stil, elegante Stiefeletten.

Über die Vorliebe für alte amerikanische Autos hat sie ihr Weg in die 50er geführt. Die 27-Jährige sitzt mit sechs anderen Frauen an einem großen Tisch im Geschäft Fräulein Stadtfein am Schopenstehl in der Altstadt und lernt den Umgang mit heißen Lockenwicklern, Lockenstab- und Lockeisen, Haarnadeln und Toupierbürste. Das ist ein Mädelsabend mit Hugo in Sektgläsern, Chips und Haarspray. „Sing, sing, sing, sing“ von den Andrew Sisters läuft im Hintergrund. Passend zur Musik werden aus Juliane Hälbig, Stefanie, Astrid und den anderen innerhalb von drei Stunden Diven mit aufgedrehten Haartollen und Hochsteckfrisur. Schließlich sind die 50er-Jahre von Weiblichkeit und Glamour geprägt.

„Man ist nie verkleidet“

Ladenbesitzerin Simone Theophilus-Speer steht auf die Mode der 50er-Jahre und verkauft sie bei Fräulein Stadtfein. „Das ist besondere Mode, aber man ist nie verkleidet“, sagt die 43-Jährige. Typisch 50er: Rock- und Kleiderlänge enden grundsätzlich unterm Knie und betonen die Taille. „Die Kleidung unterstreicht das Weibliche, ohne dass es billig wirkt.“ Ganz nach dem Motto von Marylin Monroe: „Your clothes should be tight enough to show you’re woman. But loose enough to show you’re lady“ – Deine Kleidung sollte eng genug sein, um zu zeigen, dass du eine Frau bist. Aber weit genug, um zu zeigen, dass du eine Dame bist.“

Was die Mutter von zwei erwachsenen Kinder an dieser Zeit so fasziniert? Die Höflichkeit und der Umgang miteinander. „Ich genieße es, wenn ein Mann mir die Tür aufhält und mir in meinen Mantel hilft“, sagt sie und gibt zu, dass sie das ihrem eigenen Gatten erst beibringen musste.

Die gute alte Zeit also. Professor Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen: „Heute sehnen sich viele nach einem Gegenpol in einer sich immer schneller drehenden Welt. Dort erfüllt sich ihre Sehnsucht nach mehr Beständigkeit und Ruhe sowie der Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen und kurz in eine andere – heile – Welt einzutauchen. Zudem macht es aber auch schlichtweg Spaß, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die man vielleicht an anderer Stelle vermisst.“

„Sie leben den Stil der damaligen Zeit“

Antje Höhne und Simone Theophilus-Speer mögen die Musik, nehmen Tanzunterricht und gehen zum Swing-Tanztee, sonntags im Haus 73 oder zum Dockside Swing in den Nochtspeicher. Die Community in Hamburg ist gemischt – Rockabillys treffen auf Swing-Fans. Das Alter reicht von Anfang 20 bis Mitte 60. Manchmal sind Florian Hansmann, Martin, genannt Red Martin, und Stephan Griebel mit ihrer
50er-Jahre-Band The Nymonics auf solchen Veranstaltungen, häufig allerdings touren sie im Ausland. Auf Zypern, Teneriffa und in Spanien gibt es große 50er-Jahre-Festivals, da sind die drei aus Hamburg mit klassischem Rock ’n’ Roll und Doo Wop gefragt. Sie leben den Stil der damaligen Zeit.

Stephan Griebel lebt retro, weil er die Musik aus der Zeit mag und die Mode. Heute, glaubt der 46-jährige Gitarrist, sei es schwieriger, sich mit Gleichgesinnten zu identifizieren und einer bestimmten Gruppe anzugehören. „Das ist unter den Kids nicht so verbreitet, oder ich weiß davon nichts“, sagt er und lacht. Lebensgefühl 50er-Jahre? „Unsinn. Ich möchte nicht in dieser Zeit gelebt haben. Die war viel zu spießig.“

Das sind die Retro-Gebiete

Ob Oldtimertankstelle, 50er Jahre Motel, Klamottenläden, Musik, Tanztees oder 50er Jahre Frisuren: Hamburg ist in vielen Gebieten retro. Das Abendblatt stellt einige Anlaufstellen vor:

50er Jahre Oldtimertankstelle Brandshof, Billhorner Röhrendamm 4. Nahe den Elbbrücken steht die frühere Tankstelle, die heute keine mehr ist. Dafür gibt es dort ein Café, und im Sommer treffen sich hier regelmäßig Oldtimer-Fans mit ihren Fahrzeugen. Die Chefs sind selbst 50er Jahre Fans und Oldtimer-Sammler. Öffnungszeiten: 4 Uhr bis 18 Uhr, am Wochenende: 11 bis 17 Uhr. Infos unter: www.tankstelle-brandshof.de

Stilecht übernachten können Hamburg-Besucher im Motel an der Hoheluftchaussee in Hoheluft-West. Das „Motel Hamburg“ des Architekten Herbert Schmedje von 1957-58 ist Hamburgs erstes Motel und wurde unter Denkmalschutz gestellt. Als Dokument für die Zeit des Wirtschaftswunders erzählt es anschaulich von der motorisierten und reisenden Gesellschaft, die sich mit dieser neuen Bauaufgabe am Vorbild USA orientiert. Preise: ab 57 Euro. Infos unter www.motel-hamburg.de

50er Jahre Mode gibt es bei Fräulein Stadtfein, Schopenstehl 23. Tel. 380 748 80. Infos unter www.fraeuleinstadtfein.de

Die passende Frisur gibt es bei „Kavaliere & Stadtschönheiten“ in Fuhlsbüttel, Mildestieg 4. Tel. 64560490, Infos unter www.kavaliere-stadtschoenheiten.de. Preis für einen Workshop von Antje Höhne: 65 Euro.

Tanzen:

Im Haus 73, Schulterblatt 73, gibt es sonntags den Tanztee: Los geht es um 16 mit einem Swingtanz-Crashkurs mit der Swingwerkstatt für alle Neugierigen mit und ohne Partner, ohne Anmeldung. Danach startet „Swing die Schanze“ für alle bis 20 Uhr. Eintritt frei. Infos unter www.dreiundsiebzig.de

Der Nochtspeicher lädt regelmäßig zum Dockside-Swing ein. Sonnabends ab 21 Uhr, Eintritt: zehn Euro. Infos unter www.nochspeicher.de

In der Barmbeker Zinnschmelze gibt es die Swingschmelze mit Einführungskurs in den Lindy Hop durch die New Swing Generation und anschließender Party. Zinnschmelze, Maurienstraße 19. Eintritt: fünf Euro. Nächster Termin unter www.zinnschmelze.de

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