Er gilt als Deutschlands kreativster Kopf

Amir Kassaei: Werber und Revoluzzer

Der Revoluzzer raucht Kette. Der Mann, der mit Worten verletzt, mit Ideen begeistert. Tweedsakko, Krawatte in Bordeaux, glänzende Lederschuhe.

Der qualmende Amir Kassaei gilt als Deutschlands, wenn nicht Europas, kreativster Kopf. Er ist einer von zwei DDB-Bossen, steht der international agierenden Werbeagentur vor. Mit sprachlicher Sicherheit und Schärfe zerstört er freudvoll und wiederkehrend Konzepte und Visionen seiner Branchenkollegen. Eine vergangene Ära ist in seinen Augen die Zeit, als Konsumenten auf bunte Bilder und lustige Sprüche ansprangen. Wer als Agentur in der aktuell siechenden Werbebranche überleben wolle, der müsse Unternehmen ausführlich beraten.

Sätze im Staccato, jeder Gedanke geprüft, zu Ende gedacht. Kassaeis Hobby ist das Polarisieren, er zelebriert Sätze dann geradezu. Beispiel gefällig? "Der Art Directors Club Deutschland soll der Club der herausragenden Kreativen dieses Landes sein und nicht eine Ansammlung von weltfremden Kreativen, die den Zug der Zeit verpassen." Der logisch folgende, auf ihn gerichtete Zorn stört ihn dabei nicht. Nicht im Geringsten. "Hätte ich geliebt werden wollen, wäre ich Krankenschwester geworden", sagt der 39-Jährige ohne Koketterie. "Klar bekomme ich dafür Gegenwind", sagt er und schießt nach: "Aber wenn die Theorie stimmt, dass man nur einmal lebt, sollte man das Beste daraus machen."

Klingt dieser Satz aus seinem Mund auch befremdlich, wie eine Floskel, so hat er bei Kassaei Bedeutung. Spielt darauf an, dass er mit 15 Jahren aus seinem Heimatland Iran fliehen musste. Als Kindersoldat hatte er im Iran-Irak-Krieg kämpfen müssen, bis er im Kofferraum eines Schleuserautos über die Türkei nach Wien gelangte. Völlig auf sich allein gestellt, hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, studierte und kam schließlich in Hamburg bei der Werbeagentur Springer & Jacoby an - eine extrem erfolgreiche Entscheidung. Trotzdem wechselte er zur DDB - natürlich entgegen allen Ratschlägen. "Meine Geschichte ist nicht gerade gewöhnlich, ich musste meinen Weg gehen", sagt der hundertfach ausgezeichnete Kassaei, während er die dritte Zigarette in den Glasaschenbecher des Anglo German Clubs drückt. Gekommen war er auf Einladung der "7" des Marketeer Clubs Europe, um über die Zukunft der Werbebranche zu referieren.

"Daher habe ich sehr gute Menschenkenntnis, ich kann ziemlich schnell beurteilen, woran ich bei Menschen bin." Klingt auch nach Einzelkämpfer. "Ich bin nicht auf Harmonie aus", stimmt er zu. Doch er bekommt sie, bei seiner Familie. Vier Kinder hat er mit drei Frauen, ist verheiratet und wohnt in Berlin. Die Kinder leben in unterschiedlichen Städten. "Sie sind meine Achillesferse", sagt er und lächelt einmal, "bei ihnen bin ich viel zu weich." Mit allen vier habe er ein sehr gutes Verhältnis, "auch die Kinder untereinander lieben sich sehr". Das sei ihm wichtig. Er stößt den Zigarettenrauch aus. Ob er denn immer so viel rauche? "Mein Luxus. Ich nehme aber immer nur drei Züge." Er wolle immer wahrhaftig sein, sagt er dann noch.