Hamburger Bauwende

Aus fürs Einzelhaus? Das Comeback der „Verbotspartei“

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Matthias Iken
Ein grün-roter Beschluss in Hamburg-Nord und die Folgen: Deutschland diskutiert, ob der Bau von Eigenheimen noch zeitgemäß ist.

Ein grün-roter Beschluss in Hamburg-Nord und die Folgen: Deutschland diskutiert, ob der Bau von Eigenheimen noch zeitgemäß ist.

Foto: imago images

Die Republik diskutiert über den Sinn von Einzelhäusern. Beschluss im Bezirk Nord ist bundesweites Wahlkampfthema geworden.

Hamburg. Mediale Karrieren gehen manchmal verschlungene Wege. Vor knapp 16 Monaten beschloss die grün-rote Koalition im Bezirk Hamburg-Nord, keine neuen Baufelder für Einfamilienhäuser auszuweisen. Die Republik nahm den Vorstoß des grünen Bezirksamtsleiters Michael Werner-Boelz achselzuckend zur Kenntnis. Andere Grüne hatten ähnliches gefordert und der Parteitag der Grünen goss die Bauwende 2019 in einen Beschluss.

Nun, im Wahljahr 2021, ist alles anders. Es reichte ein hartnäckig geführtes „Spiegel“-Interview mit dem grünen Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter, um das Thema nicht nur aus der Versenkung zu holen, sondern ihm maximalen Schub zu verleihen.

Das Einzelhaus ist beliebt wie nie zuvor

Medien, Verbände und Politiker im In- und Ausland stürzen sich auf das mögliche Aus fürs Traumhaus. Aufgeregt diskutiert die Republik über Sinn – und Unsinn – von Einzelhäusern. Zweifellos fällt deren Ökobilanz schlechter aus als im Geschossbau, doch der Beliebtheit tut das keinen Abbruch: Der Bestand an Einfamilienhäusern wuchs bundesweit seit der Jahrtausendwende von knapp 14 auf 16 Millionen.

Für die politischen Wettbewerber der Grünen kam das Hofreiter-Interview einem Elfmeter im Wahlkampf gleich. Auch wenn Werner-Boelz im Herbst 2019 eigentlich nur für künftige Projekte in Hamburg-Nord befand, hat der heraufziehende Wahlkampf in Deutschland sein erstes großes Thema. Der Streit ums Eigenheim birgt alle Zutaten, um zu polarisieren: Familie, Klima, Naturschutz, Luxus – und das Comeback der „Verbotspartei“.

Der Vorstoß im Hamburger Bezirk Nord geht weit

Wie wäre es denn, wenn in Zukunft wirklich keine Einfamilienhäuser in der Hansestadt mehr gebaut werden? Der Vorstoß in Nord geht weit – nicht nur der frei stehende Bungalow steht bald auf der schwarzen Liste, sondern wohl auch Doppelhaushälften und Reihenhäuser, die nicht nur deutlich platzsparender (und ökologischer) sind, sondern der Mittelschicht noch den Traum von den eigenen vier Wänden erlauben.

Das ist bitter für alle Häuslebauer – und eine großzügige Förderung für die, die schon eins haben. Wer das Produkt Einzelhaus verknappt, organisiert am Ende seine Wertsteigerung. Ein Haus unter einer Million Euro dürfte es in Hamburg bald nirgends mehr geben. Und noch eine Reaktion ist erwartbar: Junge Familien, die vom Eigenheim träumen, ziehen ins Umland.

Die Zersiedelung, die das Verbot verhindern soll, könnte sogar befördert werden. Durch die Pendelei dürfte auch der Klimaeffekt ins Negative drehen. Der grüne Bezirksamtsleiter glaubt nicht an eine Verdrängung von Familien: „Die Zahlen sprechen eine andere Sprache, jedenfalls in Hamburg“, sagte Werner-Boelz der „Zeit“. „Die Menschen wollen in die urbanen Gebiete, weil dort die Infrastruktur bei Bildung, Gesundheit und Kultur gut ist – einen Trend zum Wegzug ins Umland sehen wir nicht.“

Ein Haus unter einer Million Euro bald kaum möglich

Offenbar kennt der Mann die eigenen Statistiken nicht genau: Zwar wächst die Stadt, aber zuletzt allein durch den Zuzug von Ausländern. Seit Jahren ist dieser Saldo positiv, während Hamburger mit deutschem Pass die Stadt seit 2016 im Saldo verlassen. 2019 zogen 4154 Deutsche mehr fort als zu. Spannend ist auch, in welcher Altersgruppe die Wanderungsverluste am höchsten sind: Besonders groß fällt das Minus in der Gruppe der 35- bis unter 45-Jährigen mit 2928 Personen aus. Das war, wohlgemerkt, vor Corona. Ob es besonders klug ist, gerade diese Altersgruppe ans Umland zu verlieren?

Finanzpolitiker verweisen darauf, dass diese Mittelschicht zu den interessanten Steuerzahlern gehört, die kaum die Sozialkassen beanspruchen und aufgrund ihrer Einkommen etwa Kita-Gebühren oder die Ganztagsbetreuung selbst bezahlen können. Wenn diese Mittelschicht verloren geht, bleiben noch wenige Reiche, die sich gern die Fünftwohnung in der Elbphilharmonie gönnen, und eben die, die wenig haben.

Einfamilienhaus-Beschluss nur Polit-PR?

Auch andere Zahlen schüren die Zweifel an der Nachhaltigkeit einer Politik, die ihr Heil im Geschossbau sucht. Zwar ist Hamburg-Nord mit rund 5400 Bewohnern pro Quadratkilometer dichter besiedelt als andere Bezirke. Aber Hamburg ist eher dünn besiedelt – mit 2515 Einwohnern liegt die Hansestadt deutschlandweit auf Platz 20, zwischen Gelsenkirchen und Unterhaching.

War der Beschluss in Nord am Ende also nur Polit-PR? Dann ging sie nach hinten los. Überflüssig war der Beschluss ohnehin: Die letzten Einfamilienhäuser hat der Bezirk Nord 2005 ausgewiesen.