Hamburg-Wahl im Newsblog

Umstrittener Linken-Kandidat Radtke nicht in Bürgerschaft

Der Bürgerschaftskandidat der Linken, Tom Radtke, hat  für einen Skandal gesorgt.

Der Bürgerschaftskandidat der Linken, Tom Radtke, hat für einen Skandal gesorgt.

Foto: imago / Andre Lenthe

Auszählungspanne am Wahlabend, eine Heilungsregel, die zusätzliche Stimmen bringt, und das Ergebnis der zweiten Zählung.

Hamburg. Wahlkrimi in Hamburg, zweiter Teil: Zwar standen die Sieger der Bürgerschaftswahl bereits am Wahlsonntag fest, doch ob es auch für die FDP gereicht hat, war bis zum Montagabend unklar. Um 19.27 Uhr stand es dann fest: Die FDP hat den Wiedereinzug in die Bürgerschaft verpasst.

Die SPD mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher ist klar stärkste Kraft geblieben und kommt laut vorläufigem amtlichen Ergebnis vom Montagabend auf 39,2 Prozent nach 45,6 Prozent vor fünf Jahren. Die Partei der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank kann ihren Stimmenanteil verdoppeln: Die Grünen erreichen 24,2 Prozent.

Die CDU sackt auf 11,2 Prozent ab und unterbietet damit das bislang schlechteste Bürgerschaftswahlergebnis von 2015 mit 15,9 Prozent. Die Linke kommt auf 9,1 Prozent (2015: 8,5 Prozent). Die AfD musste lange um den Wiedereinzug zittern, schaffte es aber mit 5,3 Prozent erneut in die Bürgerschaft.

Besonders bitter für die FDP: Laut vorläufigem Ergebnis am Sonntagabend lagen die Liberalen bei 5,0 Prozent – mit 120 Stimmen schaffte es die FDP über die Fünfprozenthürde. Beim zweiten Auszählungsdurchlauf blieben sie jedoch mit 4,9 Prozent unter der Fünfprozentmarke. 1582 Stimmen fehlten der Partei. Insbesondere eine Auszählungspanne (siehe unten) sorgt für das bessere Ergebnis am Wahlsonntag.

Verfolgen Sie hier die wichtigsten Ergebnisse und Reaktionen zur Hamburg-Wahl 2020.

Treuenfels verhilft Linken-Chefin in die Bürgerschaft

Linken-Chefin Olga Fritzsche zieht dank dem Direktmandat von FDP-Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels in die Hamburger Bürgerschaft. Möglich macht dies das komplizierte Hamburger Wahlrecht. Wegen des Direktmandats würde es statt 121 Sitzen 122 Sitze im Hamburger Parlament geben. Weil es aber immer eine ungerade Zahl sein muss, bekommt nach einer Berechnung die Linke ein weiteres Mandat.

Umstrittener Linken-Kandidat Radtke nicht in Bürgerschaft

Der von den Hamburger Linken im Nachhinein ungewollte Listenkandidat Tom Radtke wird der neuen Bürgerschaft nicht angehören. Laut vorläufigem amtlichen Endergebnis erhielt der 18-Jährige, der Ende Januar durch einen relativierenden Holocaust-Tweet bundesweit Empörung ausgelöst hatte, nicht die nötigen Stimmen. "Ich wurde nicht gewählt, werde aber weiter Politik machen", twitterte er am Montagabend. Radtke stand auf Platz 20 der Linken-Landesliste. Inzwischen läuft nach Angaben der Linken ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn.

Der Schüler hatte sich in seiner Wahlbewerbung als Klima- und Netzaktivist vorgestellt. Später hatte er im Netz schwere Anschuldigungen gegen führende Köpfe der Fridays-for-Future-Bewegung sowie gegen Linke und Grüne erhoben. Zuletzt hatte er einen Tag vor der Bürgerschaftswahl ein Bild von sich mit einer Fahne der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Identitären Bewegung gepostet – aus der Gedenkstätte für den von den Nazis ermordeten Kommunisten-Führer Ernst Thälmann.

Anna von Treuenfels Dank Direktmandat in der Bürgerschaft

Die Spitzenkandidaten der FDP bleibt in der Bürgerschaft. Anna von Treuenfels sicherte sich in ihrem Wahlkreis in Blankenese ein Direktmandat. Damit zieht sie als fraktionsloses Mitglied in das Hamburger Parlament.

Marcus Weinberg nicht in der Bürgerschaft vertreten

Der Spitzenkandidat der CDU, Marcus Weinberg, ist künftig nicht mehr Teil der Hamburger Bürgerschaft. Seine Partei kommt mit 11,2 Prozent der Stimmen auf 15 Sitze – und diese werden exakt durch die errungenen 15 Direktmandate vergeben. Die Landesliste, auf der Weinberg an Platz eins stand, ist damit nicht relevant.

Hamburger SPD will rasch Sondierungsgespräche führen

Die SPD in Hamburg will Grünen und CDU noch in dieser Woche Termine für Sondierungsgespräche anbieten. „Wir wollen die Hamburgerinnen und Hamburger nicht länger als nötig auf eine neue Regierung warten lassen“, sagte die SPD-Landesvorsitzende und Sozialsenatorin Melanie Leonhard am Montagabend am Rande der Sitzung des Landesvorstands. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) betonte: „Wir werden jetzt sehr bald zunächst auf die Grünen, aber eben in einem zweiten Schritt auch auf die CDU zugehen und ein Gespräch anbieten.“ Die „erste Option“ sei aber ein rot-grüner Koalitionsvertrag.

Friedrich Merz: Die Grünen sind unser Hauptgegner

Der frühere Unionsfraktionschef Friedrich Merz bezeichnete das Hamburger Wahlergebnis als „Desaster“ für die CDU. Jetzt sei die richtige Analyse wichtig. Diese heiße, dass die Grünen wahrscheinlich der Hauptgegner der CDU bei den nächsten Bundestagswahlen seien. „Und da freu ich mich schon drauf“, sagte der 64-Jährige. Merz sprach sich zugleich für „frühe Neuwahlen“ in Thüringen aus. Die CDU habe dort einen Riesenfehler gemacht, sagte er mit Blick auf die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich mit AfD-Stimmen zum Ministerpräsidenten. „Aber wir stehen zusammen.“

SPD profitiert von der Heilungsregel

Am Tag nach der Wahl werden alle ungültigen Stimmzettel noch einem genau unter die Lupe genommen. Ist der eigentliche Wählerwille zu erkennen, fließt diese Stimme in das Endergebnis. Möglich macht dies die sogenannte Heilungsregel. Von dieser profitiert die SPD am stärksten. 59,6 Prozent der quasi "geheilten Stimmen" gehen an die Sozialdemokraten. In absoluten Zahlen sind das 29.315 Stimmen, die zunächst ungültig waren und nun doch gewertet werden. Die Grünen bekommen zusätzlich 4885 Stimmen (9,9 Prozent). Die FDP profitierte von der Heilungsregel hingegen nicht. Ihre 1760 zunächst ungültigen Stimmen, machen nur 3,6 Prozent aller "geheilten Stimmen" aus.

CDU eher unbeliebt bei jungen Wählern

Umfragen nach der Wahl haben gezeigt: Die jüngeren Wähler zwischen 16 und 24 Jahren stimmten teilweise anders ab als ältere Wähler. Besonders gut schnitten bei den Jüngeren zum Beispiel die Grünen ab. Die CDU hingegen wurde bei den Jüngeren seltener gewählt. Im Unterschied zur Bundestagswahl, bei der erst ab 18 Jahren gewählt werden darf, durften bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg auch 16-und 17-Jährigen an die Wahlurnen.

SPD ist in einem Altenheim am stärksten

Das hamburgweit stärkste SPD-Ergebnis kommt aus einem Altenheim: Die SPD kommt im Wahllokal 705A8 in Wilstorf auf 66,1 Prozent der Landeslistenstimmen.

Weiterer Fehler – diesmal zuungunsten der CDU

Auch in einem Wahllokal in Winterhude ist es augenscheinlich zu einem Fehler bei der vorläufigen Auszählung gekommen: Dort war das Ergebnis der CDU zunächst mit fast 35 Prozent gemeldet worden, die Grünen hätten lediglich gut sieben Prozent erzielt – obwohl zwei weitere Wahlkreise, die im selben Wahllokal gewählt haben, die Grünen bei 26 bzw. sogar 31,5 Prozent und die CDU zwischen acht und 15 Prozent sahen.

Bei der genauen Auszählung am Montag sank die CDU im Wahllokal 41008 auf elf Prozent, die Grünen kamen nun auf 31,1 Prozent.

Wählerwanderung: Wer profitierte?

  • SPD: Die Sozialdemokraten verloren rund 27.000 Wähler an die Grünen, was eine erhebliche Größenordnung bedeutet. Sie gewannen zugleich aber auch 33.000 Unterstützer aus dem Lager der Nichtwähler sowie 7000 ehemalige CDU-Wähler hinzu. Überdurchschnittlich hohe Zustimmung erhielt die Partei unter älteren Hamburgern: In der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen stimmten 49 Prozent für sie, in der Altersgruppe ab 70 Jahren waren es gar 61 Prozent.
  • Grüne: Die Grünen gewannen am Sonntag Wähler von allen anderen Parteien und aus dem Lager der Nichtwähler dazu. Der Zustrom von 27.000 Unterstützern der SPD sowie 28.000 Nichtwählern war der zahlenmäßig bedeutendste. Aber auch 9000 Menschen, die bei der vorigen Wahl noch CDU gewählt hatten, stimmten laut Infratest dimap für sie. Hinzu kamen jeweils noch 4000 Linken- und FDP-Wähler. Die Grünen erzielten ihre besten Ergebnisse unter den jüngeren Wähler bis zum Alter von etwa Mitte 40. Bei den 16- bis 24-Jährigen kamen sie auf 33 Prozent, bei den 25- bis 34-Jährigen auf 34 Prozent und bei den 35- bis 44-Jährigen verbuchten sie immer noch 31 Prozent.
  • CDU: Die CDU verlor insbesondere in Richtung Rot-Grün. 9000 ihrer Wähler von 2015 wanderten zu den Grünen, weitere 7000 zur SPD. Auf ihre Seite ziehen konnte sie 7000 Nicht- sowie 2000 FDP-Wähler. Die mit Abstand höchsten Zustimmungswerte erreichte sie dabei in der Gruppe der Wähler ab 70 Jahren, bei denen sie auf 19 Prozent kam. Unter den Erst- und Jungwählern zwischen 16 und 24 Jahren stimmten lediglich sechs Prozent für die CDU.
  • Die Linke: Die Hamburger Linke gewann 9000 Nichtwähler sowie 1000 frühere SPD-Unterstützer. Zugleich wanderten 4000 ihrer Wähler von 2015 zu den Grünen ab. Am beliebtesten war die Partei bei den jüngeren Wählern. Unter den 16- bis 24-Jährigen stimmten 14 Prozent für sie, bei den 25- bis 34-Jährigen waren es 13 Prozent. Bei den Wählern ab 70 Jahren lag sie dagegen lediglich bei vier Prozent.
  • FDP: Die Liberalen verzeichneten Abwanderungen zu den Grünen in Höhe von 4000 Wählern. 3000 weitere ihrer Wähler zog es zur SPD und 2000 zur CDU. Zugleich gewann die FDP 5000 Stimmen aus dem Lager der Nichtwähler hinzu. In Sachen Altersstruktur ist die Anhängerschaft in Hamburg sehr ausgeglichen: In allen Altersgruppen lag die FDP bei der Bürgerschaftswahl zwischen vier und sechs Prozent.
  • AfD: Bei der AfD war die Wählerwanderung eher gering. Sie gewann 3000 Nichtwähler und 1000 CDU-Anhänger. Zugleich verlor sie aber unter anderem auch 1000 Wähler an die Grünen. Auch bei der AfD ist die Altersstruktur relativ ausgeglichen. Am besten schneidet sie bei den 35- bis 69-Jährigen mit sechs bis sieben Prozent ab. Die Jüngeren zwischen 16 und 24 Jahren und die Älteren über 70 Jahren wählten nur zu drei Prozent die AfD.

Zweite Auszählungsrunde: Erste Ergebnisse

Seit acht Uhr am Montagmorgen zählen Wahlhelfer die Stimmzettel für das endgültige Wahlergebnis aus, seit dem späten Vormittag werden die ersten Ergebnisse bekannt: Bisher zeichnet sich keine große Überraschung ab, auch nicht bei den Stimmen, die durch die so genannte Heilungsregel hinzukommen. Diese besagt, dass Stimmen auf eigentlich ungültigen Stimmzetteln unter bestimmten Umständen "geheilt" werden können, also in das Ergebnis einfließen.

Wenn auf einem der gelben Stimmzettel für die Landeslisten mehr als fünf Stimmen abgegeben wurden, diese aber alle einer Partei zugute kommen (beispielsweise dadurch, dass zusätzlich zu fünf Kreuzen bei der Gesamtliste auch noch Kreuze für den Spitzenkandidaten derselben Partei gemacht wurden), werden fünf Stimmen für diese Partei gezählt, obwohl der Stimmzettel ungültig ist.

Nach rund der Hälfte der ausgezählten Wahllokale profitiert die SPD von diesen Stimmen überdurchschnittlich häufig: 60,9 Prozent (14.115) der bisher "geheilten" Stimmen kommen den Sozialdemokraten zugute. Zum Vergleich: Die FDP, die besonders auf solche zusätzlichen Stimmen angewiesen wäre, kommt bisher auf nur 3,2 Prozent (750). Die AfD profitiert ebenfalls, wenn auch auf niedrigem Niveau (7,3 %, 1690 Stimmen).

AfD-Wolf zeigt ARD-Zuschauern den Mittelfinger

Was AfD-Spitzenkandidat Alexander Wolf unter "bewusster und intelligenterer" Provokation versteht, zeigte er den Fernsehzuschauern am Sonntagabend: Er zeigte der laufenden Kamera den Mittelfinger...

Panne bei Auszählung – FDP wahrscheinlich nicht in der Bürgerschaft

Durch eine Panne bei der Übermittlung der Wahlergebnisse am Sonntagabend in einem Wahllokal in Langenhorn sind der FDP versehentlich rund 340 Stimmen zu viel zugeschrieben worden. Da die Liberalen laut vorläufigem Ergebnis nur 121 Stimmen über der Fünfprozenthürde lagen, dürfte die Partei damit nicht mehr in der Bürgerschaft vertreten sein.

Bei der zweiten Auszählung am Montag im Wahllokal wurde der Fehler, der sich bereits angedeutet hatte, endgültig bestätigt. Nun erhält die FDP nur noch 161 Stimmen aus dem Wahllokal 43202, die Grünen bekommen 501 Stimmen.

Auffälligkeiten beim Wahlergebnis? Schreiben Sie uns!

In mindestens zwei der knapp 1300 Wahllokale ist es bei der ersten Auszählung zu Auffälligkeiten gekommen: In Langenhorn wurden anscheinend die Ergebnisse von Grünen und FDP vertauscht, in Hamm ist die Quote der ungültigen Stimmzettel außergewöhnlich hoch. Gibt es auch in Ihrem Wahllokal Ergebnisse, die Ihnen auffällig vorkommen? Schreiben Sie uns (unter Angabe des Wahllokals) eine E-Mail an: hadigital@abendblatt.de

Die Hochburgen, Teil zwei: Welcher Stadtteil hat wie gewählt?

Zwar sind die Stadtteile keine offizielle Einheit bei der Bürgerschaftswahl – weniger interessant macht das die Ergebnisse zwischen Wohldorf-Ohlstedt und Eißendorf, Rissen und Altengamme aber nicht. Die Hochburgen der Parteien nach Stadtteilen:

  • SPD: In ihren drei stärksten Stadtteilen erreicht die SPD (fast) die absolute Mehrheit: Billstedt (51,3 %), Waltershof/Finkenwerder (50,2 %) und Steilshoop (49,9 %).
  • Grüne: Rund um die 40-Prozent-Marke gruppieren sich die Hochburgen der Grünen: Sternschanze (41,2 %), Eimsbüttel (40,4 %) und Hoheluft-West (40,4 %).
  • CDU: CDU-Heimat Bergedorf: In Billwerder (25,8 %), Kirchwerder (20,5 %) und Neuengamme (20,3 %) erreichen die Christdemokraten ihre besten Ergebnisse.
  • Die Linke: In Kleiner Grasbrook/Steinwerder (44,0 %), auf St. Pauli (30,9 %) und der Veddel (25,8 %) ist die Linke besonders stark.
  • AfD: Die Hochburgen der Rechten liegen alle im Süden der Stadt: In Neuland/Gut Moor (13,2 %), Hausbruch (12,3 %) und Neuallermöhe (11,9 %) erreicht die AfD ihre besten Ergebnisse.
  • FDP: Liberal an der Elbe: Nienstedten (13,1 %), Othmarschen (11,4 %) und Blankenese (11,1 %) sind die stärksten Stadtteile der FDP.
  • Die Partei: In Kleiner Grasbrook/Steinwerder (6,0 %) und auf der Veddel (5,3 %) hätte es die Satirepartei sogar in die Bürgerschaft geschafft, auf St. Pauli (4,5 %) immerhin fast.

Erstmals Überhangmandate in der Bürgerschaft?

Was passiert bei der zweiten Auszählungsrunde am Montag? Landeswahlleiter Oliver Rudolf sagt auf Abendblatt-Anfrage: "Mit größeren Veränderungen rechne ich nicht, kann sie aber auch nicht ausschließen." Tatsächlich reicht aber bereits eine kleinere Verschiebung im Wahlergebnis, um die Bürgerschaftsbesetzung zu verändern: Augenblicklich liegt die FDP nur denkbar knapp über der Fünfprozenthürde. Fiele sie darunter, bekäme Hamburg eine Fünf-Parteien-Bürgerschaft.

Möglich ist zudem, dass es zum ersten Mal zu Überhangmandaten in der Bürgerschaft kommt: Die CDU zum Beispiel bekäme gemäß des vorläufigen Ergebnisses 14 Sitze – bekäme sie in allen 17 Wahlkreisen ein Mandat, würde sich die Bürgerschaft vergrößern, erklärt Rudolf: Denn die Christdemokraten hätten nun mehr Sitze, als ihnen gemäß Wahlergebnis zustehen; die anderen Parteien bekämen entsprechende Ausgleichsmandate.

Mit einem vorläufigen amtlichen Endergebnis rechnet Rudolf nicht vor den Abendstunden. Eine genaue Uhrzeit sei derzeit noch schwer abzuschätzen.

Kleine Parteien mit vergleichsweise starken Ergebnissen

Unterhalb der Fünfprozenthrde finden die Parteien in den schnellen Überblicken nur als "Andere" zusammengefasst. Doch auch bei diesen kleineren Listen zeigt sich Bewegung:

Die Satirepartei "Die Partei" erzielte bei ihrem vierten Antreten zur Bürgerschaftswahl nach 2008, 2011 und 2015 erstmals ein Ergebnis von mehr als einem Prozent: Laut vorläufigem Ergebnis entfielen 1,4 Prozent (2015: 0,9 Prozent) der Landeslistenstimmen auf "Die Partei".

Die erstmals auf Landesebene angetretene Partei Volt Hamburg kam auf 1,3 Prozent der Stimmen, die Piraten hingegen verloren einen Großteil ihrer Anhänger und kommen auf nur noch 0,5 Prozent (2015: 1,6 %). Insgesamt entfielen 6,1 Prozent der Stimmen auf bisher nicht in der Bürgerschaft vertretene Parteien.

Gestiegene Wahlbeteiligung: ein Blick auf die absoluten Zahlen

Die im Vergleich zur Bürgerschaftswahl 2015 deutlich gestiegene Wahlbeteiligung zeigt nicht nur bei den relativen, sondern auch beim Blick auf die absoluten Zahlen einige interessante Entwicklungen.

  • Rund 100.000 Menschen mehr haben laut vorläufigem Ergebnis bei der Hamburg-Wahl 2020 ihre Stimme abgegeben: Waren es 2015 734.142, lag die Zahl der Wählerinnen und Wähler 2020 bei 833.263
  • Zwar hat die SPD prozentual gesehen den größten Stimmenverlust zu beklagen: absolut gesehen liegt der Verlust aber deutlich unter dem der CDU: Im Vergleich zu 2015 büßten die Sozialdemokraten 56.500 Stimmen ein – die Christdemokraten bekamen 115.700 weniger als bei der vorangegangenen Wahl
  • Während die Grünen ihren prozentualen Anteil knapp verdoppelt haben, ist die absolute Zahl der Stimmen sogar noch deutlicher angestiegen: 2015 erhielt die Partei 432.713 Stimmen, am Sonntag bekam sie 963.796 Stimmen, ein Zuwachs von mehr als einer halben Million Stimmen
  • Die AfD hat verhältnismäßig wenige Stimmen eingebüßt: nur 3500 Stimmen weniger als 2015 (211.327 Stimmen 2020; 214.833 vor fünf Jahren) heißen aufgrund der gestiegenen Wahlbeteiligung aber, dass die rechte Partei trotzdem 0,8 Prozentpunkte einbüßt
  • Das Ergebnis der Linken und der FDP hat sich auf ähnlichem Niveau verändert – allerdings in unterschiedliche Richtungen: Während die Linken mehr als 63.000 Stimmen dazugewinnen konnten, verloren die Liberalen etwa gleich viele

Kompliziertes Wahlsystem: viele ungültige Stimmen

In keinem anderen Bundesland dürfen die Wähler so viele Stimmen abgeben – und in keinem anderen Bundesland ist die Auszählung deswegen so kompliziert. Zehn Stimmen auf zwei Stimmzetteln, das führt auch zu auffällig vielen ungültigen Stimmzetteln: Während bei der Europa- und der Bundestagswahl die Quote der ungültigen Stimmzettel bei rund einem Prozent lag, ist sie bei der vorläufigen ersten Auszählung der Landeslisten fast dreimal so hoch.

Allerdings wird die Zahl von mehr als 24.000 ungültigen Stimmzetteln wohl noch sinken: Im ersten Durchgang wurden nur die eindeutig gültigen Stimmen gezählt, im zweiten werden alle noch einmal genau geprüft.

Das sind die (vorläufigen) Hochburgen der Parteien
  • SPD: In ihren drei stärksten Wahllokalen kommen die Sozialdemokraten nicht nur auf die absolute Mehrheit, sie kratzen sogar an der Zweidrittelmehrheit: In Wilstorf (Wahllokal 705A8, 65,8 %), Poppenbüttel (519A5, 65,3 %) und Billstedt (13208, 64,2 %) fährt Peter Tschentscher seine besten Ergebnisse ein.
  • Grüne: Nah an der absoluten Mehrheit sind die Grünen in Eimsbüttel (Wahllokal 30103, 49,4 %; 30304, 47,0 %) und Hoheluft-West (31504, 47,3 %).
  • CDU: Für gut ein Drittel der Stimmen reicht es bei den Christdemokraten nur in Winterhude (Wahllokal 41008, 34,9 %). Die nächststärksten Wahllokale der CDU sind in Wilhelmsburg (137A5, 28,6 %) und Kirchwerder (60703, 27,1 %).
  • Die Linke: Spitzenkandidatin Cansu Özdemir dürfte sich besonders über die Ergebnisse im Kleinen Grasbrook (Wahllokal 13801, 44,0 %), Wilhelmsburg (13701, 39,1 %) und auf St. Pauli (11203, 38,1 %) freuen.
  • AfD: Billbrook (Wahllokal 13101, 24,0 %), Hausbruch (71402, 22,0 %) und Neuallermöhe (61522, 18,8 %) vergeben besonders viele Stimmen an den rechten Rand.
  • FDP: Anna von Treuenfels gaben in Harvestehude (Wahllokal 31403, 23,1 %) und Othmarschen (21906, 21,4 %) die meisten Menschen ihre Stimme - die vermeintliche dritte Hochburg, ein Wahllokal in Langenhorn (43202), beruht wohl auf einem Übermittlungsfehler bei der Auszählung.

Ein Drittel ungültiger Stimmen? Hier könnte die Heilungsregel greifen

In einem weiteren Wahllokal in Hamm fällt die besonders hohe Zahl der ungültigen Stimmen im vorläufigen Ergebnis auf: Von 672 abgegebenen Stimmzetteln im Wahllokal 12302 in der Griesstraße sind 208 als ungültig markiert worden: Auch das könnte sich aber im zweiten Auszählungsdurchgang ändern.

Peter Tschentscher: Wir machen auch der CDU ein Angebot

Gemäß der Wahlordnung gilt in bestimmten Fällen die so genannte Heilungsregel: Landeslisten-Stimmzettel, auf denen mehr als fünf Stimmen für eine Partei abgegeben wurden (zum Beispiel fünf für die Gesamtliste und weitere fünf für den Spitzenkandidaten) zählen als gültige Stimmen.

Bei der ersten Auszählung am Wahlabend wurden allerdings nur die eindeutig gültigen Stimmzettel ausgezählt.

Auszählungspanne? FDP bangt um Wiedereinzug

Eine mögliche Verwechslung bei der Stimmerfassung im Wahlbezirk Langenhorn stellt den knappen Wiedereinzug der FDP in die Bürgerschaft infrage. Im Wahllokal 43202 in Langenhorn kamen die Liberalen nach der vereinfachten Auszählung am Sonntagabend auf 22,4 Prozent, die Grünen hingegen nur auf 5,1 Prozent. Landesweit war das Ergebnis umgekehrt ausgefallen. "Auffällig ist das auf jeden Fall“, sagte Landeswahlleiter Oliver Rudolf. "Den Hinweis, dass es eine Auffälligkeit gibt, habe ich auch schon weitergegeben."

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Sollte es eine Verwechslung der Zuordnung gegeben haben, würden auf die FDP 423 Stimmen weniger entfallen als bisher angenommen. Da die Partei insgesamt nach den vorläufigen Zahlen nur um 120 Stimmen über der Fünfprozenthürde liegt, könnte dies dazu führen, dass sie den Einzug ins Stadtparlament doch noch verpasst. "Das kann durchaus ausschlaggebend sein“, sagte Rudolf. Alle Stimmen würden am Montag aber ohnehin erneut ausgezählt, so dass ein Irrtum dann auch festgestellt würde.

Hamburg-Kandidaten gehen nach Berlin

Nach der Bürgerschaftswahl zieht es Sieger und Verlierer am Montag nach Berlin. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) will sich am Vormittag im Willy-Brandt-Haus, der Berliner Parteizentrale, feiern lassen. Vorgesehen ist auch eine Erklärung der SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans.

Katharina Fegebank: Hamburg will starke Grüne im Senat

Grund zum Feiern haben auch die Grünen, wenn Spitzenkandidatin Katharina Fegebank am Mittag mit der Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock vor die Presse tritt.

Für den Hamburger CDU-Spitzenkandidaten Marcus Weinberg wird der Gang härter. Er tritt am Mittag mit der CDU-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer im Konrad-Adenauer-Haus vor die Presse. Auch die Spitzen von Linke, AfD und FDP beraten über das Ergebnis der Hamburg-Wahl.