Gängeviertel: Manifest vorgestellt

Die Künstler rechnen mit der Stadt ab

Die Kulturschaffenden kritisieren die Standortpolitik. Für sie steht die Attraktivität und Einmaligkeit ihres Umfelds auf dem Spiel.

Hamburg. "Und da sind wir nicht dabei", heißt es im letzten Drittel ihres fulminant geschriebenen Manifests von Kulturschaffenden aus Hamburg, das symbolträchtig gestern im Hamburger Gängeviertel präsentiert wurde. Zweieinhalb Seiten ist der Text lang, er trägt die Überschrift "Not in our Name, Hamburg", formuliert Grundsätzliches zum Selbstverständnis der Kulturszene - und gibt der Standortpolitik der Stadt eine schallende Ohrfeige. "Eine Stadt ist keine Marke und kein Unternehmen, sondern ein Gemeinwesen", formulieren die Kritiker. Sie lassen die Bemühungen der "Wachsenden Stadt", wie die Stadtentwicklungspolitik ihr Programm nennt, allesamt in keinem guten Licht erscheinen.

Denn diese Politik drängt, sagen die Künstler und Kreativen, ihre Branche mit voller Absicht an die Peripherie Hamburgs. Gleichzeitig würden alte Szene-Viertel konsequent ihr Gesicht verändern, damit das Hochglanzbild einer bunten Stadt entstehe, das frei ist von Widersprüchen und jeder Bevölkerungsgruppe ihren Platz zuweist. Kultur solle zum Ornament "einer Art Turbo-Gentrifizierung werden", heißt es weiter. Die Autoren nehmen "eine totale Inwertsetzung des städtischen Raumes" wahr - mit direkten Folgen für sie. Es entstehe eine gesichts- und kulturlose Investoren-City. Die Kulturschaffenden, das macht ihr Text deutlich, wollen überdies nicht vor den Marketing-Karren Hamburgs gespannt werden, um nach den genauen Plänen der Stadt hier und da für ein bisschen Ambiente zu sorgen. Sie wollen nicht Kategorien von Werbern entsprechen, sie sind gegen Viertel-Aufwertung und für bezahlbaren Wohn- und Kreativraum. "Die Hamburgische Kulturpolitik ist längst Bestandteil der Eventisierungs-Strategie", schreiben die Kulturmenschen in ihrem Pamphlet. Weil Geld nur noch in Großprojekte gesteckt werde.

Es ist die Sorge um ihr kreatives Wohn- und Arbeitsumfeld, das sie umtreibt. Die Schrift kursiert seit Wochen unter den Musikern, Ladenbesitzern, Studio- und Klubbetreibern. Wo die Mieten immer teurer werden, Klubs geschlossen werden und Förderprojekte nur noch in Stadtteilen wie Wilhelmsburg realisiert werden dürfen, befürchten die Betroffenen eine "Abschiebung", die lediglich den Wünschen der Stadtentwickler entspricht. 500 Hamburger haben das Manifest bereits unterschrieben, gestern stellten es einige von ihnen der Öffentlichkeit vor. Der Ort wurde mit Bedacht gewählt: ein dringend renovierungsbedürftiges Haus im Gängeviertel.

Also dem Ort, um den in den vergangenen Wochen am verbissensten gekämpft wurde. Ted Gaier (Musiker, "Die Goldenen Zitronen"), Peter Lohmeyer (Schauspieler), Rocko Schamoni (Unterhalter und Autor), Melissa Logan (Musikerin, "Chicks on Speed") und Tino Hanekamp (Klubbetreiber) trugen ihre Sicht auf die Dinge noch einmal hinaus in die Welt. Sie sehen Hamburgs Attraktivität als pulsierende Kulturstadt in Gefahr. Aber nicht nur das. "Es gibt viele Brennpunkte zurzeit", sagt Initiator Christoph Twickel und stellt den Aufschrei der Kulturmenschen in eine Reihe mit den Bürgerinitiativen, die derzeit um die Gestaltung ihrer Viertel kämpfen: im Gängeviertel, auf St. Pauli (in der Bernhard-Nocht-Straße), in Altona (gegen den Ikea-Einzug ins Frappant-Gebäude) und vielen anderen. "Die soziale Frage stellt sich heute in Territorialkämpfen."