Enthaltung: Die Partei der verlorenen Stimmen

Sie hatten die Wahl - aber sie gingen nicht hin

Aus Verdruss und Enttäuschung über Politiker blieben viele Hamburger den Urnen fern. Nicht jeder hat Verständnis dafür.

Finaler Versuch, wahlmüde Menschen doch noch zur Abstimmung zu bringen: An der Waitzstraße in Othmarschen setzt die CDU zum Endspurt an, und am Spritzenplatz in Ottensen ist die SPD auch noch vier Stunden vor Schließung der Wahllokale präsent. "Gehen Sie unbedingt wählen", so der parteiübergreifende Appell. Nicht immer stößt er auf offene Ohren.

So wie bei Ingo Denker (62), der mit dem Fahrrad angeradelt kommt. "Ich bin mit dem Thema durch!", wettert der Tischlermeister. "Seit zwei Jahrzehnten boykottiere ich jede Wahl." Extrem sauer sei er, enttäuscht zudem.

Warum? Ursache, sagt Denker, sei der staatliche Umgang mit Auszubildenden in mittelständischen Betrieben. Früher habe er Lehrlinge gehabt, heute nicht mehr. Auch weil es keinen Cent Kredite gäbe ... Der Handwerker ist in Brass, keine Frage. Letztlich lacht er doch. Vielleicht auch wegen der Lebensgefährtin ("Seit 40 Jahren!"), die "natürlich" gewählt hat.

Auch das ist nicht selbstverständlich - wie keiner besser weiß als Henning Koch (32), Betreiber eines Fahrradladens an der Max-Brauer-Allee. "Jede Wette, dass meine Freundin gar nicht weiß, dass heute überhaupt Wahltag ist", meint er. Im Ernst. Da die junge Dame erst im Anmarsch ist, kann die Vermutung nicht überprüft werden. Koch selbst hat sein Kreuz schon früh am Morgen platziert.

"Mit zunehmendem Alter nimmt die Verantwortung zu", meint er. "Daher gehe ich davon aus, dass Bürger über 30 ihr demokratisches Recht überwiegend ausüben. Zumindest werde diese These durch Diskussionen im Freundeskreis bestätigt.

Dass dort nicht immer Einigkeit besteht, belegt eine fidele Gruppe, die laut lachend gen Ottenser Hauptstraße zieht. Drei aus dem Quartett haben ihre Stimme abgegeben - einer nicht.

"Man wechselt die Spieler, das System jedoch bleibt", sagt Wanja Wiese, Koch in einem Restaurant an der Bahrenfelder Straße. Mit 18 Jahren habe er einmal gewählt, in seiner ursprünglichen Heimat Nordrhein-Westfalen, danach nicht mehr. "Das liegt in der Familie", fügt Wiese hinzu, "denn auch meine Eltern sind bekennende Nichtwähler."

Die Kommentare der Freunde, dass man das politische Feld dann ja grundsätzlich anderen überlasse, quittiert der Wahlhamburger mit Nachdenklichkeit. "Je lokaler der Bezug ist, desto größer ist die persönliche Einflussmöglichkeit", meint er. Also könne er sich vorstellen, bei der nächsten Bürgerschaftswahl eine Ausnahme vom passiven Prinzip zu machen.

Der nächste Passant kann diese Einstellung überhaupt nicht verstehen. "Von meinen Eltern in Mecklenburg-Vorpommern habe ich gelernt, welch hohes Gut eine Wahl ist", erzählt Tobias Nahonski (31) aus Hagenow. "In der DDR hatten sie nie die Wahl - da sollte man ein solches Recht nicht fahrlässig vergeben." Bisweilen sind es organisatorische Pannen, die zur Nichtwahl führen. So wie bei Tina Schweizer aus Freiburg. "Meine Wahlunterlagen liegen zu Hause", sagt sie. "Und plötzlich kam ein Hamburg-Wochenende dazwischen." Ihr Bedauern hält sich dennoch in Grenzen: "Inhaltlich bin ich mit keiner Partei deckungsgleich - und mit der möglichen Koalition erst recht nicht."