Ein etwas anderes Wahllokal

Zoologisches Museum: Oben Wal, unten Wahl

Oben Wal, unten Wahl: Wer gestern zum Zoologischen Institut und Museum am Martin-Luther-King-Platz in Rotherbaum kam, musste schon vor der Tür eine Entscheidung fällen.

Bauzaun-Tunnel, die das eingerüstete Gebäude weiträumig umgaben, führten entweder hinauf zum Museum, wo die Präparate von Walrossdame Antje und Orang-Utan-Mädchen Leila, aber auch zahllose Walskelette auf Besucher harrten. Oder aber hinab in die Katakomben des Instituts, wo man durch lange Gänge mit Kühltruhen im Großwild-Format, Kühlschränken mit Fliegen-Anzuchtboxen und Türen mit Aufschriften wie "Versuch: Verdauungseffizienz bei Kaulquappen" hindurchmusste, um am Ende sein Kreuz zu machen. Ein etwas anderes Wahllokal. "Ist ja wie im Bunker hier", murmelte ein Wähler, der gestern Nachmittag aus der prallen Sonne in den dunklen, niedrigen Gang trat. Rechts das Foto einer Qualle, daneben die Warnung an einer Tür: "Nichts entnehmen! Nichts verändern! Nicht füttern!" Birgit Kramer (30) musste lachen: "Ich finde das spannend hier. Ich wüsste zu gerne, für wen die Fliegen sind." Die Online-Konzeptionistin machte auf dem Rückweg von der Wahlurne Fotos von dem ungewöhnlichen Ort. Und wo sie schon mal da war, noch einen Abstecher ins Zoologische Museum.

Im Hörsaal am Ende des Ganges hatten Wahlhelferin Doreen Slimani (29) und ihre Mitstreiter derweil andere Sorgen. Eine ältere Dame war gerade im Saal hingefallen, und so durfte ihr Begleiter mit hinter den Schirm, um sie zu stützen. "Diese Ausnahme können wir machen", sagte die Arbeitsvermittlerin, die im Wahlvorstand ist. Auch der angetrunkene Mittsechziger, der sich partout in die leeren Stuhlreihen mit den Klapptischen setzen wollte, um zu wählen ("Ich muss jetzt echt erst mal sitzen. Äh, warum ist das eine denn in Blau und das andere in Schwarz geschrieben ...?") verlangte Aufmerksamkeit.

Und dann war da noch Daniela Schwarz (31). Die Fotografin hatte keine Wahlbenachrichtigung bekommen. Doch sie stand nicht im Wählerverzeichnis, obwohl sie schon lange um die Ecke wohnt. "Sie sind im April amtlich abgemeldet worden", musste Manuela Glöckner (30) der irritierten Frau nach mehreren Telefonaten mitteilen. "Das ist mir auch noch nie untergekommen", bekannte die Wahlhelferin. Für Daniela Schwarz war die Sache noch rätselhafter. So blieb ihr nur der Weg nach Hause, vorbei an Fliegen und Kaulquappen. Aber ohne Kreuz.