Langenhorn

Bürger stimmen über 650 neue Wohnungen ab

226.000 Einwohner entscheiden über den Neubau der Wulffschen Siedlung in Langenhorn. 1000 Menschen sind dort zu Hause.

Hamburg. Heute wird Martina Schenkewitz Post bekommen vom Bezirksamt Nord. Sie darf abstimmen. Sie wird "Ja" ankreuzen. Auch Michael Kuckhoff, der Nachbar von der anderen Straßenseite, wird einen Brief erhalten. Er wird mit "Nein" stimmen. Damit hat der Bürgerentscheid um das Bauvorhaben Langenhorn 73 begonnen. 21 Tage haben die 226.000 Bürger im Bezirk Zeit, über die Zukunft des Quartiers mitzubestimmen. Über Abriss und Neubau. Und über die Zukunft der 1000 Menschen, die dort, in der Wulffschen Siedlung in Langenhorn, zu Hause sind.

Menschen wie Martina Schenkewitz. Sie ist 48 Jahre alt und seit 30 Jahren Mieterin einer 50 Quadratmeter großen Wohnung in der Siedlung. Wenn sie duschen möchte, muss sie erst einmal über die Toilette klettern. 96 Zentimeter breit ist ihr Bad. Die Stube, das Kinderzimmer, das Schlafzimmer haben jeweils zwölf Quadratmeter. Die Atmosphäre, sagt sie, ist wie in einem Kellergewölbe. Weil die Wände feucht seien und das Mauerwerk 70 Jahre alt sei. Eine Deckenlampe aufhängen? Unmöglich. Ein Bild an die Wand dübeln? Reine Glückssache. Sie würde sich freuen, wenn ihr Vermieter neue Häuser baut und sie irgendwann umziehen kann. Sie will, dass das Bauvorhaben Langenhorn 73 umgesetzt wird.

+++ 5000 Unterschriften für "Stoppt Langenhorn 73" +++

Die Pläne sehen vor, die alten Häuser mit ihren 546 Wohnungen nach und nach abzureißen und auf dem 7,5 Hektar großen Gelände rund 650 neue Wohnungen zu bauen. Die Eigentümer, die Familien Rickertsen und Pisani sowie die Stuttgarter GWG, wollen größere Wohnungen mit familien- und seniorengerechten Grundrissen schaffen, sie wollen dickere Wände, größere Treppenhäuser und komfortablere Bäder. Um den grünen Gartenstadtcharakter zu bewahren, sollen die Autos künftig unter der Erde in Tiefgaragen parken, die Dächer der Häuser begrünt werden. "Der Wohnstandard soll besser werden", sagt Miteigentümer Thomas Haas-Rickertsen. "Die neuen Häuser bekommen Wärme- und Schalldämmung, größere Fenster und Balkone." Und er verspricht: "Die Mieten bleiben bezahlbar." Geplant sei, dass innerhalb von 15 bis 20 Jahren ein Haus nach dem anderen abgerissen und neu gebaut werde. Die Mieter sollen während der Bauphasen in anderen Wohnungen untergebracht werden.

Was für Mieterin Martina Schenkewitz wie ein Traum klingt, ist für Anwohner Michael Kuckhoff ein Albtraum. Er vertritt die andere Seite. Die Menschen, die Angst haben vor der Veränderung. Gemeinsam mit 200 Betroffenen hatte er nach Bekanntwerden der Baupläne die Bürgerinitiative "Stoppt Langenhorn 73" gegründet. Sie haben den ganzen Winter über Unterschriften gesammelt, an den Haustüren, auf den Marktplätzen, sogar vor den Wahllokalen bei der Bürgerschaftswahl im Februar. 10.000 Stück im ganzen Bezirk sind zusammengekommen. Weil sie verhindern wollen, dass eine gewachsene Siedlung einfach dem Erdboden gleichgemacht wird. Weil sie Angst haben, dass künftig mehr Verkehr durchs Viertel rollt. Und weil sie befürchten, dass die Mieten in den neuen Wohnungen steigen werden. "Die Investoren werben damit, dass sie bezahlbaren Wohnraum schaffen wollen, in dem sie bezahlbaren Wohnraum abreißen", sagt Kuckhoff. Das sei absurd. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern habe er einen Kompromissvorschlag gemacht, den Kern der Siedlung zu erhalten und nur am Rande zu bauen. Doch der wurde abgelehnt. Vom Investor, von den Politikern im Bezirk und von einem Teil der betroffenen Mieter. Es gab keine Einigung. Stattdessen gibt es jetzt den Bürgerentscheid.

Auch die Gegenseite hat gekämpft. Im Januar, als die Gegner des Bauvorhabens auf den Straßen Unterschriften sammelten, riefen die Befürworter einen Mieterbeirat ins Leben, der sich für den Abriss der Siedlung und einen Neubau starkmachen sollte. Martina Schenkewitz wurde zur Vorsitzenden. "Wir haben Flyer gedruckt, auf Märkten für die Pläne geworben, verunsicherte Mieter aufgeklärt", sagt sie. "Und wir haben wichtige Zusagen von den Eigentümern aushandeln können. So dürfen die Mietverträge auch bei einem Neubau nicht gekündigt werden. Die Mieter dürfen sich aussuchen, wo sie während der Bauphasen wohnen. Und sie bestimmen die Höhe der künftigen Miete mit. Ob die Wulffsche Siedlung abgerissen wird, neu gebaut wird oder alles so bleibt, wie es ist, das können sie nicht allein bestimmen. Das ist gemeinsame Sache all jener, die heute einen Stimmzettel im Kasten haben.