GAL Hamburg

Steffen oder Kerstan: Wer wird Chef der GAL-Fraktion?

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Heute entscheidet sich, wer der neue Chef der GAL-Fraktion wird - Amtsinhaber Jens Kerstan oder Ex-Senator Till Steffen. Ein Duell mit Tradition.

Hamburg. Es beginnt zwar nicht um 12 Uhr mittags, sondern erst um 17 Uhr. Und als Waffen sind auch keine rauchenden Colts zugelassen, sondern nur die Kraft der Worte. Doch dass es einen mehr oder weniger filmreifen Showdown geben wird, heute in der Fraktionssitzung der GAL, da sind sich Teilnehmer und Beobachter einig.

Es geht um den wichtigsten und nicht zuletzt bestdotierten Posten, den die auf der Oppositionsbank gelandeten Grünen jetzt noch zu vergeben haben - den des Fraktionschefs. Er wird künftig den inhaltlichen Kurs der GAL maßgeblich mitbestimmen und ihm ein Gesicht geben. Und nachdem Spitzenkandidatin Anja Hajduk erklärt hat, dass sie auf das Amt verzichte und nur Fraktionsvize werden möchte, dürfte dieses Gesicht ein männliches sein.

Till Steffen, 37, gegen Jens Kerstan, 45, lautet das Duell. Ehemaliger Justizsenator gegen Amtsinhaber. Zwei politische Schwergewichte, von denen es bei den Grünen durch die Bank heißt: Die könnten das beide sehr gut. Ausgang: völlig offen. Viele der 14 Abgeordneten sprechen von der Qual der Wahl und dass sie sich erst heute entscheiden werden. Ein Luxusproblem - das es so schon häufiger gab.

+++ Die Bezirksmandate sind verteilt - Das sind die Vertreter +++

"Es hat ja eine gewisse Tradition, dass wir beide um Posten konkurrieren", sagt Kerstan. Zum Beispiel vor der Bürgerschaftswahl 2004. Damals jagte der Eimsbütteler Bezirkspolitiker Steffen dem Partei-Vize Kerstan den Platz sechs auf der GAL-Landesliste ab. Kerstan musste auf Platz acht kandidieren - aber beide kamen ins Parlament.

Vor der Bürgerschaftswahl 2008 ging Steffen einer Kampfkandidatur gegen Kerstan, der auf Platz vier antrat, aus dem Weg und setzte ganz auf seine Prominenz im Wahlkreis Eimsbüttel - mit Erfolg. Wieder zogen beide in die Bürgerschaft ein, Kerstan übernahm den Fraktionsvorsitz, Steffen ließ sein Mandat ruhen und wurde Justizsenator. Und vor der Wahl am 20. Februar überließ Steffen Kerstan Platz zwei der Landesliste und begnügte sich mit Platz vier - das konnte er sich leisten, weil ihm sein Direktmandat in der grünen Hochburg Eimsbüttel relativ sicher war. Im Gegenzug galt es als ausgemacht, dass Kerstan ihm keinen Platz im Senat streitig machen würde.

Dass Steffen einst in die Justizbehörde zurückkehren wollte, hatte er schon bei seinem tränenreichen Abschied durchblicken lassen. "Heute ist nicht alle Tage", sagte er damals in Anlehnung an die Comicfigur Paulchen Panther, "ich komm wieder, keine Frage." Manch einer hatte ihm das als etwas zu forsch ausgelegt, andere fanden es einfach menschlich. Stirnrunzeln löste Steffen mit einer Bemerkung auf der GAL-Mitgliederversammlung kurz nach der Wahl aus. Dass ausgerechnet er als einziges Senatsmitglied mit kleinen Kindern sich bei der Familienpolitikerin Christiane Blömeke entschuldigte, man habe sie beim Thema Kitagebühren "zu oft alleingelassen", empfanden manche GALier als Anbiederung. Doch auch hier galt: Andere Beobachter werteten das als ehrliche Selbstkritik.

Überhaupt habe Kerstan als Fraktionschef und Haushaltsexperte doch viel mehr Einfluss auf umstrittene Sparbeschlüsse gehabt, heißt es. Angelastet wird dem Amtsinhaber auch ein gewisser Hang zu Alleingängen. So war es Kerstan, der den Rauswurf des umstrittenen HSH-Nordbank-Chefs Dirk Jens Nonnenmacher nahezu unumgänglich gemacht hatte, indem er im "Spiegel" verkündet hatte, "alles andere als eine Entlassung" werde die GAL im Senat nicht mehr akzeptieren. Das hatte das Koalitionsklima massiv verschlechtert. "Beide haben Stärken und Schwächen, aber nicht die gleichen", sagt ein führendes GAL-Mitglied. So gilt Steffen als glänzender Stratege, der bedächtig, aber hartnäckig hinter den Kulissen agiert. Anerkannt wird auch, dass er die Justizbehörde weitgehend geräuschlos und skandalfrei geführt hat. Kerstans große Stärke ist hingegen seine Schlagfertigkeit und das schnelle Erfassen politischer Konstellationen. So hatte er mehrfach in der Bürgerschaft mit starken Reden für Schwarz-Grün die Kastanien aus dem Feuer geholt.

Auf die Frage, wessen Eigenschaften nun stärker gefragt sind, mag sich kaum ein Grüner festlegen. "Beide", sagen viele.

Eher gibt es vereinzelt die Sorge, dass der Unterlegene ganz auf sein Mandat verzichten könnte. Aus dem Steffen-Lager heißt es dazu, dass es doch keine Schande sei, einfacher Abgeordneter zu sein.