Architektur in Hamburg

Jahrbuch 2010: So schön baut die Hansestadt

| Lesedauer: 4 Minuten
Axel Tiedemann

Foto: HA

Die Architektenkammer präsentiert das Jahrbuch 2010. Die Stadtplaner sind durch Bürgerproteste wie Stuttgart 21 allerdings verunsichert.

Hamburg. Wer wissen möchte, was die Architekten und Planer dieser Stadt als bemerkenswerte Neubauten erachten und was sie besonders beschäftigt, sollte in das Jahrbuch "Architektur in Hamburg" schauen. Gestern präsentierte die Hamburgische Architektenkammer als Herausgeberin im neuen Luxuswohnturm Marco-Polo-Tower den mittlerweile 22. Band.

Eine ganze Reihe von Bauten aus dem Jahr 2009 wird dort gezeigt. Und gleich zwei längere Beiträge beschäftigen sich aber auch mit den Thema Bauen und Bürgerbeteiligung. Die Besetzung des Gängeviertels im Bezirk Mitte, das Bürgerbegehren gegen eine Bebauung an der Hoheluftbrücke und schließlich das Schlagwort Stuttgart 21 - das alles sind Dinge, die Architekten seit einem Jahr stark umtreiben und wohl auch verunsichern", sagt Volker Roscher, Geschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten in Hamburg (BDA). Warum sich die Bürger in Hamburg und auch bundesweit zurzeit so vehement gegen neue Baupläne auflehnen, versucht Architektur-Kritiker Gert Kähler zu ergründen.

Eigentlich, so sagt Kähler, handele es sich bei dem Hamburger Gängeviertel um einige "alte Bruchbuden" mit eher wenig architektonischer Bedeutung. "Verkauf, Neuplanung Genehmigung, alles war demokratisch entschieden worden - bis die Häuser von Künstlern illegal besetzt wurden." Was zur Verwunderung vieler auf breite Unterstützung der Bürger in dieser Stadt stieß. Dahinter, so vermutet Kähler, stehe ein tiefes Misstrauen gegenüber Veränderungen. "Der Kiez soll so bleiben, wie er ist: kuschelig, schmuddelig wie bisher." Der Bürger wolle nicht, dass ihm gesagt werde, was gut für ihn ist, auch wenn das gut für ihn ist, glaubt Kähler. Zentrale Frage sei daher geworden: "Wer darf bestimmen, wie die Stadt aussieht?"

Dieser starke Protest in Stuttgart gegen einen neuen Bahnhof oder in Hamburg gegen viele Neubaupläne habe aber wenig mit "Politikverdrossenheit zu tun. "Im Gegenteil, die Leute sind engagiert." Doch vielleicht habe sich in den vergangenen Jahren zu viel verändert, daher die Sehnsucht nach alten Häusern und Vierteln - die in Wahrheit oft in Zeiten strikter Klassengesellschaften gebaut wurden. "Wir sehnen uns zurück nach Zeiten, in die wir eigentlich nicht mehr wollen", sagt Kähler. Dennoch: Die Umgebung müsse den Menschen als feste Wand, als Heimat dienen können. Kähler: "Das Recht auf Stadt heißt eigentlich das Recht auf das Gewohnte." Wenn aber die Menschen ihre Stadt, so schreibt Kähler, nicht mehr wiedererkennen würden, weil sich zu viel zu schnell verändere, seien Proteste die Folge. Kähler: "Was wir brauchen, ist eine neue Erfindung der Langsamkeit. Und ein Regelwerk, das die Betroffenen zu Akteuren macht. Sonst machen sie das selbst."

Wie das praktisch aussehen könnte, versucht Architekturkritiker Claas Gefroi in seinem Jahrbuch-Beitrag zu beschreiben. Er nennt als Musterbeispiel die Planung für die HafenCity. Erst wurde dort mit einem Masterplan ein Grundgerüst erstellt, das mit einer Vielzahl von öffentlichen Veranstaltungen diskutiert worden sei. Wobei Wünsche und Bedenken mit in die Planung einfließen. Ein so erstellter Masterplan sei dann "gute Grundlage" für die Präzisierung durch Bebauungspläne. Ein gangbarer Weg für die Stadt sei die Einsetzung eines "Gestaltungsrats" mit Fachleuten. Daher wäre für die gesamte Stadt die Aufstellung von Masterplänen denkbar, die in Planungswerkstätten und in einer öffentlichen Gestaltungskommission "öffentlich diskutiert und nötigenfalls korrigiert würden".

Auf jeden Fall, so Gefroi, dürfe die Mitwirkung von Bürgern bei Planungen für Politik und Verwaltung nicht als Bedrohung empfunden werden, die Handlungsspielräume einschränke. Denn in Wahrheit würden die Bewegungsräume für Projektentwickler und Investoren in Hamburg mit der Vielzahl von Begehren schon jetzt immer enger - auch wenn sie sich auf die rechtliche Zulässigkeit ihrer Vorhaben berufen können. Das zeige das jüngste und enorm erfolgreiche Bürgerbegehren gegen den Teilabriss der Elbtreppenhäuser. Gefroi: "Und dass die gewählten Volksvertreter so viel effizienter und weiser handeln als die Bürger - dieser Beweis muss erst noch erbracht werden."

"Architektur in Hamburg - Jahrbuch 2010", erschienen im Junius Verlag, 200 Seiten, 39,90 Euro