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Auf Hamburgs Schiene droht der Kollaps

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Laut Gutachten müssen in die Hafenanbindung mehr als 400 Millionen Euro investiert werden, um den überlasteten Knotenpunkt zu entschärfen.

Hamburg/Berlin. Mindestens 432 Millionen Euro müssen in den kommenden 15 Jahren in Hamburg ausgegeben werden, um den überlasteten Eisenbahnknotenpunkt zu entschärfen. Eine große Lösung würde gar rund 900 Millionen Euro kosten. Wird nichts getan, droht der Hansestadt wegen des bis 2025 stark ansteigenden Güterverkehrs der Verkehrskollaps. Das geht aus einem bislang unveröffentlichten Gutachten hervor, Auftraggeber ist das Bundesverkehrsministerium.

Die Gutachter der Firma Intraplan stellen in ihrer rund 100 Seiten starken Expertise fest, dass der Güterverkehr vom und zum Hamburger Hafen bis 2025 stark zunehmen wird. Der Gesamtumschlag des Seehafens wird im Vergleich zu 2004 auf etwa das Dreifache wachsen. Im Seehafenhinterlandverkehr steigt der Containertransport auf der Schiene sogar auf mehr als das Dreifache an. Folge: ein Infarkt im Hamburger Schienennetz. 41 Güterzüge pro Tag könnten laut Prognose nicht mehr verkehren, rund 500 Güterzüge müssten zu anderen Zeiten oder über Ausweichstrecken fahren. Das alles würde dazu führen, dass mehr Waren auf der Straße transportiert werden. 41 ausfallende Güterzüge - das entspricht etwa 1760 Lkw-Fahrten pro Tag. Netzprobleme gibt es vor allem in Harburg und Wilhelmsburg/Veddel.

Mit Investitionen von 432 Millionen Euro ließen sich einige der Engstellen beseitigen. Größte Brocken: Rund 115 Millionen Euro müssten für zwei Bahnbrücken oder Unterführungen in Harburg ausgegeben werden, 150 Millionen Euro für ein viertes Gleis zwischen Buchholz und Lauenbrück.

Zwischen Harburg und Maschen blieben allerdings auch danach Engpässe bestehen. "Dies führt zu einem weiteren deutlichen Anstieg der Belastung des Straßennetzes im Hafenbereich um rund 360 Lkw-Fahrten je Tag", heißt es in dem Gutachten. Problemlösung: Die Strecke Hamburg-Cuxhaven müsste eine Wechselstromelektrifizierung bekommen. Die Züge könnten dann auf Hamburger Stadtgebiet auf den S-Bahn-Gleisen fahren. Das schafft Platz für den Güterverkehr. Der "Cuxhaven-Express", so nennen die Gutachter die Zweistrom-Linie, könnte dann auch Haltestellen zwischen Stade und Hamburg-Sternschanze bedienen - gut für den ÖPNV. 100 Millionen Euro würde der Ausbau der Strecke kosten. Er ist umstritten, denn derzeit verkehren dort neue Dieselloks und Doppelstockwagen der Firma Metronom. Sie bedient seit 2007 die Bahnverbindung Hamburg-Cuxhaven. Wird die Strecke auf Wechselstrom umgerüstet, müssten neue Züge angeschafft werden.

In einem dritten Schritt empfehlen die Intraplan-Gutachter den Bau von zwei S-Bahn-Gleisen zwischen Hamburg und Ahrensburg. Das würde den Hauptbahnhof wesentlich entlasten. Dort ist nicht der Güterverkehr das Problem, sondern der Personenverkehr. Geschätzte Kosten des Doppelgleises: 350 Millionen Euro.

Was auch immer mit dem Eisenbahnknotenpunkt geschieht: Die Hansestadt Hamburg muss dafür sorgen, dass die Projekte in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen werden. Der wird vom Bundesverkehrsministerium aufgestellt. Dessen Sprecher Henning Hertel sagt: "Das Ministerium hat mit den Vorbereitungen für einen neuen Bundesverkehrswegeplan begonnen. Er soll in der nächsten Legislaturperiode vorgelegt werden."

Für welche Lösung tritt Hamburg nun ein - große oder kleine? Von der Behörde für Stadtentwicklung war keine Stellungnahme zum Gutachten und seinen Folgen zu bekommen. Seit Mai 2009 liegt die Expertise schon vor. Sprecherin Helma Krstanowski: "Es gibt noch keine offizielle Einschätzung der Behörde zu diesem Gutachten."

In der Bürgerschaft will man sich damit nicht abfinden. Der Stadtentwicklungsausschuss hat auf Initiative der SPD beschlossen, eine Sachverständigenanhörung zum Thema Eisenbahnknotenpunkt vorzunehmen. Termin: vermutlich im Oktober. Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ole Thorben Buschhüter sagt: "Es ist peinlich, dass das Gutachten seit 15 Monaten vorliegt und die Behörde nicht zu Potte kommt."