Kirche in der Welt

Lobgesänge auf Hamburg

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Friederike Ulrich

Im Krankenhaus sangen sie spontan für Patienten, im Obdachlosenheim für Bedürftige - wie fünf christliche Tansanierinnen Hamburg eroberten.

Die fünf Frauen bilden einen auffälligen Kontrast zu den anderen Gästen, die im Speisesaal der Altonaer Obdachloseneinrichtung "Mahlzeit" wortkarg vor ihren Tellern sitzen. Die Haut von Judith, Grace, Elly, Sarah und Joyce ist dunkel wie Ebenholz, sie tragen bunte Gewänder, haben ihr schwarzes Haar zu kunstvollen Zöpfchen-Frisuren drapiert und füllen den Raum mit Gelächter und Fröhlichkeit. Sie kommen aus Tansania und sind für drei Wochen zu Gast in Hamburg. Eingeladen wurden sie vom Frauenwerk und der Partnerschaftsgruppe des ehemaligen Kirchenkreises Altona (jetzt West), die seit 2001 eine Verbindung zum Makao Makuu District in Dodoma unterhalten - der Heimatgemeinde der fünf Afrikanerinnen.

Diese sitzen jetzt mit ihren Gastgeberinnen an einem langen Tisch vor den Fenstern des Speiseraums. Die Teller vor ihnen sind gefüllt mit Reis und Fisch. Das gibt es in Dodoma auch oft. Ansonsten ist den tansanischen Frauen vieles fremd, was sie hier in Hamburg bisher gesehen und erlebt haben.

Schon die vielen arbeitslosen Männer um sie herum erstaunen sie. "Bei uns gibt es das nicht", sagt Grace (42). Dort hätten alle Menschen Arbeit, oder doch zumindest eine kleine Aufgabe, die ihnen ein geringes Entgelt oder Kost und Logis sichert - und sei es nur, als Babysitter oder "watchman" auf Kinder, Autos oder Häuser aufzupassen.

Auch sie selber sind berufstätig: Grace und Judith arbeiten als Pastorinnen, Joyce vermietet Zimmer, Sarah und Elly haben von einem Frauenprojekt einen kleinen Kredit für die Anschubfinanzierung ihrer Landwirtschaft erhalten. So besitzt Elly 400 Hühner und zwei Milchkühe, baut Mais an, und hat so ein eigenes kleines Einkommen.

Auch Menschen, die alleine leben - wie die in dem Seniorenheim, das die tansanischen Frauen in Hamburg besucht haben -, gibt es in Dodoma nicht. Dort lebt man in Großfamilien zusammen, zu denen wie selbstverständlich alleinstehende Nichten oder Onkel gehören.

"Viele Familien nehmen auch Waisenkinder auf", sagt Joyce (57). So hat sie zusätzlich zu ihren eigenen fünf Kindern noch drei Waisen großgezogen.

Ob für Obdachlose, Alleinstehende oder Waisen - "die afrikanischen Frauen bringen unglaublich viel Mitgefühl für ihre Mitmenschen", sagt Karin Kluck, Leiterin des Frauenwerks Altona, die täglich mit den Afrikanerinnen zusammen ist.

Als sie mit ihren Gästen eine Krankenhausseelsorgerin besucht hatte, baten sie darum, sich auf einer Krankenstation umsehen zu dürfen. Als sie dort auf eine schwer kranke Patientin trafen, legten sie ihr kurzerhand die Hand auf, beteten für sie und stimmten einen afrikanischen Bittgesang an. "Ihre Fürsorge, ihr Gottvertrauen und der schöne Gesang waren sehr berührend", sagt Karin Kluck.

Jetzt singen die bunt gewandeten Frauen auch für die Obdachlosen im Speisesaal. Stellen sich unter einem Kreuz auf, das an der Stirnseite des Speisesaals hängt, und stimmen einen mehrstimmigen, fröhlichen Lobgesang auf Gott an. Die spärlichen Gespräche der Obdachlosen sind verstummt. Gebannt lauschen sie dem fremd klingenden Gesang - am Ende applaudieren sie und fordern eine Zugabe. Nach zwei weiteren Liedern kehren die Frauen - Hüften schwingend und singend - zum Tisch zurück.

Es ist Zeit, aufzubrechen. Karin Kluck hat für die Zeit des Aufenthaltes der afrikanischen Gäste einen VW-Bus organisiert. Mit dem geht es jetzt Richtung Landungsbrücken. Obwohl sie schon seit etlichen Tagen in Hamburg sind, versetzt die fünf Frauen unterwegs vieles, was sie sehen, in höchste Verwunderung. Wortreich kommentieren sie, dass Autos unbewacht am Straßenrand stehen und Häuser tagsüber verlassen sind. Dass Menschen auf der Straße rauchen und Straßen sauber sind.

Als sie an einer Kirche vorbeikommen, erzählt Karin Kluck, dass Gotteshäuser bei uns nur selten gut besucht sind. "Wie kann es sein, dass so schöne Kirchen nicht voller Menschen sind?", wundert sich Judith.

In Dodoma gibt es zwar nur kleine Kirchen, aber dafür sehr viele - und die sind immer voll. Jeden Sonntag feiert Judith zwei Gottesdienste mit ihrer Gemeinde. Zum ersten um sieben Uhr kommen etwa 500 Menschen, zum zweiten um zehn Uhr noch mal 350. "Mehr als zehn Kirchen haben die Lutheraner in Dodoma", erzählen die Ostafrikanerinnen stolz. Die meisten sind nur aus Lehm, aber sie sparen für eine Kirche aus Stein. "So eine wie diese fände ich schön", sagt Judith und zeigt lächelnd auf den Backsteinbau der St.-Pauli-Kirche am Pinnasberg.