Harburg
Handball

Wo landet Deutschland bei der Handball-EM?

So extrovertiert wie beim Testspielsieg gegen Island wollen die deutschen Handballfans ihren Kapitän Uwe Gensheimer am liebsten immer jubeln sehen.

So extrovertiert wie beim Testspielsieg gegen Island wollen die deutschen Handballfans ihren Kapitän Uwe Gensheimer am liebsten immer jubeln sehen.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Das Hamburger Abendblatt hat nachgefragt bei Trainern und Managern im Hamburger Süden. Erstes Gruppenspiel gegen die Niederlande.

Harburg.  Mit dem ersten Gruppenspiel gegen die Niederlande startet die deutsche Handball-Nationalmannschaft der Männer am Donnerstag in die Europameisterschaft 2020. Das ZDF überträgt die Partie live von 18.15 Uhr an. Weitere Gruppengegner sind Titelverteidiger Spanien (Sonnabend, 18.15 Uhr) und Lettland (Montag, 18.15 Uhr). ARD und ZDF zeigen die deutschen Spiele live im Free-TV. Die Partien ohne deutsche Beteiligung können im Internet unter www.handball-deutschland.tv verfolgt werden.

Bis zum 26. Januar kämpfen insgesamt 24 Mannschaften um den EM-Titel und ein Direktticket zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. Noch nie spielten so viele Nationen bei einer EM mit, noch nie richteten drei Länder gemeinsam kontinentale Titelkämpfe aus. Die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) könnte alle kennenlernen. Denn nach der Vorrunde in Trondheim (Norwegen) geht es aller Voraussicht nach zur Hauptrunde nach Wien (Österreich) und im Idealfall sogar zu den Halbfinal- und Medaillenspielen nach Stockholm (Schweden).

2016 war Deutschland Europameister, 2019 WM-Vierter

Wie stark ist die deutsche Nationalmannschaft? 2016 spielten sich die „Bad Boys“ in einen Rausch und wurden völlig überraschend Europameister. Auch vor Jahresfrist bei der Heim-Weltmeisterschaft wurde das Team von Bundestrainer Christian Prokop von einer Euphoriewelle in Berlin und Köln bis ins Halbfinale in Hamburg getragen. Dort gab es ebenso wie im anschließenden Bronzematch eine Niederlage, so dass am Ende Rang vier – immer noch ein Erfolg zu Buche stand. Nicht so gut lief es bei der WM 2017 (9. Platz) und der EM 2018 (9. Platz).

Der Bundestrainer musste für das aktuelle Turnier viele verletzungsbedingte Absagen hinnehmen. Vor allem im Rückraum und auf der Spielmacherposition kann er nicht auf seine Wunschspieler zurückgreifen. Wie stark ist Deutschland also? Welcher Platz ist möglich? Welches sind die Favoriten? Und spielt der Reisestress eine Rolle? Das Hamburger Abendblatt fragte bei Trainern und Managern von Vereinen im Hamburger Süden nach.

Klaus Gruner, Herrentrainer TuS Jahn Hollenstedt, Landesliga Lüneburg:

„Die Niederlande kann ich nicht einschätzen. Bei den Frauen sind sie Weltklasse, die Männer weitgehend unbekannt. Unsere Vorrundengruppe müsste machbar sein. Danach habe ich kein ganz so gutes Gefühl. Ich hab die Testspiele gegen Island und Österreich gesehen, da fehlte mir die Durchschlagskraft aus dem Rückraum. Die brauchst Du, um die Abwehr herauszulocken und unsere starken Kreisläufer in Szene zu setzen.

Ganz gut gefallen hat mir Marian Michalczik auf der Mittelposition. Er verteilt nicht nur die Bälle, er strahlt selbst Torgefahr aus. Diese breite Brust, dieses Selbstvertrauen, fehlt uns etwas. Die Abwehr ist im Zusammenspiel mit den Torhütern Weltspitze. Da kann spielen, wer will. Meine Titelfavoriten sind Dänemark und Frankreich, dazu Titelverteidiger Spanien. Norwegen und Schweden sehe ich auch weit vorn, dahinter kommen wir. An einem guten Tag sind wir in der Lage, jeden Gegner zu schlagen.“

Jens Kabuse, Manager TV Fischbek, Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein:

„Die Ausfälle im Rückraum schwächen uns, sind aber auch eine Chance für die jungen Leute, sich anzubieten. Riesen Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden, allerdings fehlt die Erfahrung. Die Erfahrung auf internationaler Ebene ist aber gerade in Situationen, in denen es nicht läuft, sehr wichtig. Einen echten Favoriten sehe ich nicht, dafür ist das Niveau zu ausgeglichen.

Deutschland zähle ich nicht zu den Favoriten. Für eine Überraschung sind wir aber gut. Wenn es gut läuft, erreichen wir das Halbfinale; wenn es schlecht läuft, ist nach der Vorrunde Schluss. Die langen Reisen von Norwegen nach Österreich und zurück nach Schweden sind der helle Wahnsinn. Es ist nicht nur der finanzielle Aufwand, die Spieler finden zwischen den Spielen auch keine Ruhe.“

Matthias Steinkamp, Frauen-Co-Trainer Handball-Luchse Buchholz 08-Rosengarten, 2. Bundesliga:

„Die Aussage von Andreas Wolff, den Titel gewinnen zu wollen, halte ich für unrealistisch. Mehr als das Halbfinale traue ich uns nicht zu. Die Favoriten kommen für mich aus Spanien und Frankreich, dazu eine Mannschaft aus Skandinavien. Dänemark schätze ich diesmal nicht so stark sein, stattdessen vielleicht Norwegen.

Aus dem gebundenen Spiel haben die Deutschen Probleme, im Rückraum fehlt ein bisschen was. Dafür sind unsere Kreisläufer (Kohlbacher, Wiencek, Pekeler) Weltklasse. Wir müssen über die Abwehr und die Torhüter kommen und mit viel Tempo nach vorn. Vielleicht überrascht uns der Trainer mit der einen oder anderen Variante, der siebte Feldspieler wäre eine Option.

Ich glaube, die Nation, die am längsten Energie sparen kann, wird am Ende erfolgreich sein. Einerseits muss der Trainer die erste Sieben in den leichteren Spielen schonen, andererseits muss sich die Mannschaft einspielen – es gilt, das richtige Mittelmaß zu finden.“

Dirk Leun, Frauentrainer Buxtehuder SV, 1. Bundesliga:

„Angesichts der Ausfälle ist der Gewinn einer Medaille ein hohes Ziel. Besonders im Männerbereich haben wir in Deutschland eine große Breite von jungen Leuten, die die Qualität haben, eine Medaille zu holen. Die Unterschiede zwischen den Nationen sind bei einer Europameisterschaft ganz gering, da gibt es keine Exoten. Ich finde es mutig und konsequent vom Bundestrainer, in erster Linie nach Leistung zu nominieren.

Das Comeback von Johannes Bitter hat mich daher nicht überrascht, er spielt eine starke Saison. Wir werden sehr über die Deckung kommen müssen, die nur schwer zu überwinden ist. Mich beeindruckt die Flexibilität, die sich die Jungs in den letzten Jahren erarbeitet haben. Die können von 6-0 bis 3-2-1 alles spielen. Unsere Probleme dürften eher im Angriff liegen. Besonders der Ausfall von Fabian Wiede, der als Linkshänder auf der Mitte schwer auszurechnen ist, tut weh.

Entscheidend für den Turnierverlauf ist auch, wie die Leistungsträger die Belastung wegstecken. Und welche Bedeutung die Nationalmannschaften einer EM beimessen, wenn im gleichen Jahr Olympische Spiele folgen. Das ist eine besondere Problematik der Belastungssteuerung. Für mich sind Frankreich, Spanien und eine skandinavische Mannschaft die Favoriten, Deutschland zähle ich auch dazu. Von Platz eins bis sechs ist alles dicht zusammen.

Andreas Gevert, Herrentrainer HSG Seevetal, Landesliga Lüneburg:

„Wir haben einen coolen Kader und es ist wichtig, gut ins Turnier reinzukommen. Durch die vielen Ausfälle im Rückraum sind wir nicht eingespielt, das könnte zum Problem werden. Umso wichtiger sind gute Torhüter. Überrascht hat mich, dass Jogi Bitter nominiert wurde. Ich dachte, er lässt die Karriere langsam ausklingen. Aber wenn man vorne junge und wilde Spieler hat, ist es umso wichtiger, hinten Erfahrung zu haben. Andi Wolff und Bitter können eine Mannschaft führen.

Es gibt stärkere Mannschaften als Deutschland. Ich hoffe auf das Halbfinale. Es wäre schön, wenn Handball wieder lange im Fernsehen zu sehen ist, die Quoten in die Höhe gehen und viele an diesem Sport kleben bleiben. Nach der WM vor einem Jahr haben wie gemerkt, dass mehr Kinder zu uns in den Verein gekommen sind.“