Pferdesport

Der Olympia-Hufschmied wird 90 Jahre alt

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Martina Berliner
Karl-Heinz Petersen blättert in einem Fotoalbum, prall gefüllt mit Erinnerungen an große Momente im Pferdesport. Obwohl er in Egestorf im Altenheim wohnt, hat er seine kleine Wohnung in Salzhausen behalten.

Karl-Heinz Petersen blättert in einem Fotoalbum, prall gefüllt mit Erinnerungen an große Momente im Pferdesport. Obwohl er in Egestorf im Altenheim wohnt, hat er seine kleine Wohnung in Salzhausen behalten.

Foto: Norbert Scheid / HA

Karl-Heinz Petersen hat bei vier Olympischen Spielen und acht Weltmeisterschaften die Pferde der deutschen Equipe beschlagen.

Hufeisen bringen Glück. Karl-Heinz Petersen kann das bestätigen. Er blickt auf ein erfülltes und erfolgreiches Leben zurück, in dem Hufeisen eine entscheidende Rolle spielten. Der gebürtige Luhmühlener, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, war einer der besten und bekanntesten Hufbeschlagsschmiede Deutschlands. Dank seines scharfen Blicks, seiner geschickten Hände und seines äußerst sensiblen Gespürs für Pferde durfte er Jahrzehnte lang als einziger die edelsten Rösser der Republik beschlagen. Petersen, Sohn von Landarbeitern, begleitete die deutschen Teams der Vielseitigkeits- und Springreiter zu Wettkämpfen.

Der Schmied war bei acht Europameisterschaften, acht Weltmeisterschaften und vier Olympischen Spielen dabei. 1972 erlebte er die von den Attentaten auf israelische Sportler überschatteten Spiele in München, 1976 flog er nach Montreal, 1984 nach Los Angeles und 1988 nach Seoul. So bereiste er die Welt und begegnete dabei prominenten Reitern, darunter dem inzwischen verstorbenen Dressur- und Vielseitigkeitschampion Reiner Klimke.

Mit Prinzessin Anne, Tochter der englischen Queen, hat er sogar gegrillt. „Unsere Wohnwagen standen bei einem Turnier in England zufällig nebeneinander. Meine Frau hatte Würstchen gebraten und sie kam zu uns herüber und aß eins mit“, erinnert er sich.

Zu den zahlreichen Erfolgen der deutschen Teams hat auch Petersens Umsicht und Geschicklichkeit beigetragen. Denn wie ein Sprinter nur in gut passenden Schuhen Bestzeit läuft, vollbringt ein Pferd nur mit perfekt sitzenden Eisen Höchstleistungen. „Jede der Pferdepflegerinnen hatte jeweils ein Ersatz-Hufeisen für die Vorder- und die Hinterbeine ihres persönlichen Schützlings parat, damit ich bei Bedarf unverzüglich ein Eisen ersetzen konnte.“ Der Beschlag muss im Wettkampf nämlich innerhalb weniger Minuten geschehen. „Sonst kühlen die Pferde zu sehr aus“, erklärt Petersen, der auch unter Anspannung stets die Ruhe behält.

Mindestens so nervenaufreibend wie die Turniere selbst waren An- und Abreise, ganz besonders im Flugzeug. „Die Pferdepflegerinnen, der Tierarzt und ich blieben im Frachtraum, um die Tiere ruhig zu halten. Die Decke war so niedrig, dass sie mit den Köpfen dagegen knallten, sobald sie stiegen. Der Pilot flog für uns extra hoch – 13.000 Meter – um die Turbulenzen niedrigerer Luftschichten zu vermeiden. Trotzdem hat sich ein Tier während eines Fluges derart verletzt, dass es noch in der Luft erschossen werden musste.“

Die Arbeit seiner Hände hat Petersen Wohlstand und Anerkennung gebracht. Rund ums heimische Luhmühlen hatten der Meister, seine Gesellen und Lehrlinge bis zu 800 Tiere gleichzeitig in Arbeit – neben Renn-, Spring- und Dressurpferden auch Freizeit- und Zugpferde. Mit einem Wagen fuhr Petersen von Hof zu Hof und kümmerte sich dabei auch um den beruflichen Nachwuchs. „15 Hufbeschlagsschmiede habe ich ausgebildet“, erinnert er sich.

Dabei hatte er sich seine Profession nicht einmal selbst ausgesucht. Die Eltern, beide Landarbeitern auf Gut Schnede, hatten den Lehrvertrag für ihren Sohn mit einem der beiden damaligen Salzhausener Schmiedemeister geschlossen. Karl-Heinz hatte keine Möglichkeit, eigene Wünsche zu entwickeln, geschweige denn zu verwirklichen – wie die meisten seiner Generation.

Trotzdem ist Petersen rückblickend rundum zufrieden mit seinem Los. Hunger leiden musste er nie, weder während der Weltwirtschaftkrise noch im Krieg. „Auf dem Land hatten wir genug zu essen.“ Gern erinnert er sich an seine Kindheit, obwohl die Eltern den ganzen Tag arbeiten mussten und oftmals ein Schäferhund die Obhut für den kleinen Karl-Heinz übernehmen musste. Gut Schnede, Anfang des 20. Jahrhunderts von einem argentinischen Konsul gegründet, war damals die größte Forellenzuchtanlage Europas. Im Keller des Hauses, das die Petersens bewohnten, wuchs in großen Becken die Fischbrut heran. „Es gehörte als Junge zu meinen Aufgaben, die unbefruchteten Eier, die keinen schwarzen Punkt in der Mitte hatten, mit einem Röhrchen anzusaugen und zu entsorgen. Wenn die Fische heran wuchsen, setzten wir sie in andere Becken um.“

Von den Schrecken des Krieges blieb Karl-Heinz nicht verschont. Er erinnert sich an seine Todesangst bei Flieger-Angriffen. Die galten vor allem einem Feld in der Nähe Salzhausens, auf dem eine Reihe von Flugzeugattrappen stand. Die Flieger aus Pappe sollten die Aufmerksamkeit der Angreifer vom Lüneburger Militärflugplatz abl

enken. „Aber man erkannte bald, dass dadurch Gut Schnede, wegen der Fischteiche ein bedeutender Lebensmittelbetrieb, in den feindlichen Fokus geriet. Deshalb verlegte man die Attrappen weiter weg.“ In schlimmer Erinnerung hat Petersen den Drill im Wehrertüchtigungslager fern der Heimat an der Grenze zu Polen. Der Kelch, noch an die Front zu müssen, ging am damals 16-Jährigen knapp vorüber. Er blieb beim Arbeitsdienst. Als die Alliierten anrückten, sollte seine Einheit die Dynamitfabrik in Geesthacht verteidigen. Karl-Heinz entzog sich dem Himmelfahrtskommando durch Flucht. „Mindestens zehn meiner Kameraden sind damals bei dem Einsatz gefallen.“

Petersen versteckte sich in den letzten Kriegstagen im Wald bei Pattensen. Vor deutsche Soldaten hatte er ebenso große Angst wie vor den Feinden. Das letzte Mal fürchtete er um sein Leben, als die Besatzer in seiner Kammer über der Schmiede eine Kollektion Hitler-Bildchen entdeckten. Die Engländer stellten ihn an die Wand, die Gewehre im Anschlag und fragten, ob sie ihm gehörten. Schlotternd wies Karl-Heinz darauf hin, dass die Bilder einst in Zigarettenschachteln steckten er noch ein Kind gewesen war, als er sie sammelte. Da riss der Offizier die Bilder in Fetzen und stopfte sie dem Jugendlichen in den Mund. „Ich musste jedes einzelne schlucken, aber damit war die Sache erledigt“, sagt Petersen.

Im Alter von 83 Jahren hat er letztmals ein Pferd beschlagen. Es gehörte seiner Enkelin, der Mutter seines ersten Urenkelchens. Ein Bild von Baby Titus hängt an der Wand, neben Fotos von Reitturnieren. Ein aus einem Hufeisen selbst geschmiedeter Kerzenständer erinnert Karl-Heinz Petersen täglich an den Beruf, der ihn glücklich machte.

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