Wohnungspolitik

Grüne: Städtische Firmen lassen Wohnraum einfach verfallen

| Lesedauer: 5 Minuten
Lars Hansen
Der Bezirksabgeordnete David Ghrim (Grüne) vor einem leerstehenden Haus am Moorburger Elbdeich.

Der Bezirksabgeordnete David Ghrim (Grüne) vor einem leerstehenden Haus am Moorburger Elbdeich.

Foto: Lars Hansen / xl

Partei im Bezirk Harburg beklagt zu viele Leerstände. SAGA widerspricht und verweist auf Objekte, die saniert werden.

Moorburg.  „Die SAGA lässt in Moorburg Wohnraum leer stehen!“, werfen die Grünen-Abgeordneten Gudrun Schittek (Bürgerschaft) und David Ghrim (Bezirksversammlung) der städtischen Wohnungsbaugesellschaft vor. „Wir sanieren und suchen Mieter“, entgegnet Gunnar Glaser, Pressesprecher der SAGA-Unternehmensgruppe. Die Aussagen widersprechen sich nicht unbedingt. Eventuell werden die selben Tatsachen lediglich unterschiedlich wahrgenommen.

Rund 200 Moorburger Wohnungen gingen 2015 aus anderen städtischen Firmen an die SAGA über. Unter Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) räumte die Freie und Hansestadt Hamburg die Struktur ihrer Immobilienunternehmen auf und verteilte die Aufgaben klarer. Für Wohnungen sollte mit wenigen Ausnahmen nur noch die SAGA zuständig sein, die ihrerseits Gewerbeobjekte und Freiflächen an Sprinkenhof AG und Landesbetrieb Immobilien und Grundvermögen (LIG) abgab.

Wohnungen befinden in ehemaligen Bauernhäusern

Größtenteils befinden sich die Wohnungen in ehemaligen Bauernhäusern. Die Stadt hat seit 1982 Häuser in Moorburg aufgekauft, weil Moorburg damals zum Hafenerweiterungsgebiet erklärt wurde. Von den 200 Wohnungen stehen laut Auskunft von Gunnar Gläser etwa 20 derzeit leer, unter anderem, weil dafür Mieter gesucht werden.

David Ghrim hat einen besonderen Blick auf den SAGA-Bestand. Er ist Moorburger und hat unlängst eine neue Wohnung in dem dörflichen Stadtteil gesucht. Bei der SAGA wurde er damit nicht glücklich. „Mir ist eine einzige Wohnung angeboten worden“, sagt er. „Sie war in einem verwahrlosten Zustand und lag direkt an der Straße, ohne auch nur einen Bürgersteig zwischen Fenster und Fahrbahn. Die SAGA wollte dafür eine Quadratmetermiete von 14 Euro aufrufen, bei 70 Quadratmeter Wohnungsgröße unbezahlbar.“

Lesen Sie auch:

Die Mietforderung erstaunt. Sie steht auch im Widerspruch zu Aussagen und Auftrag der SAGA, Wohnraum zu sozialverträglichen Preisen bereitzustellen. Auch Wohnungen, die nicht mehr an Sozialmieten gebunden sind, vermiete die SAGA weiterhin günstig, sagt Gunnar Gläser. „Die aktuelle Durchschnittsmiete unserer Wohnungen in Moorburg beträgt 6,44 Euro/m². Bei den zuletzt umfangreich sanierten Wohnungen beträgt die Nettokaltmiete bei Neuvermietung 8 Euro/m².“

Leerstand in Moorburg seit Jahrzehnten ein Politikum

Ghrim widerspricht: „nachdem ich protestierte, war man bereit, auf 11,50 Euro/m² herunterzugehen. Ich habe dann aber schon eine der letzten privat vermieteten Wohnungen bekommen.“

Leerstand und Vermietung in Moorburg sind seit Jahrzehnten ein Politikum. Vor allem den Grünen ist sehr daran gelegen, dass möglichst viele Menschen in Moorburg leben, denn wer hierherzieht, wird automatisch zum Gegner der Hafenerweiterung, deren Ablehnung zum politischen Erbgut der Hamburger Grünen zählt.

Moorburg für die Hafenerweiterung sichern

Der Stadt, vor allem der Wirtschaftsbehörde, ist daran gelegen, Moorburg für die Hafenerweiterung zu sichern. Neuzuzüge kommen da ungelegen. Keine der beiden Seiten spricht diese Motivation offen aus. Um es noch komplizierter zu machen: Weil die Grünen in den Vergangenen Jahrzehnten an vielen Senaten beteiligt waren, ist die rigide Entsiedelung Moorburgs, die in den 1980er-Jahren angedacht war, nach und nach gestoppt worden. Leere Häuser sollen wieder Bewohner bekommen, das Dorf lebenswert bleiben. Hier kommt die SAGA ins Spiel und nach Meinung von Gudrun Schittek tut sie zu wenig.

„Seit Jahren werden die Menschen in Moorburg vertröstet. Für SAGA und LIG lohnt sich Sanierung, Vermietung oder Abriss und Neubau anscheinend nicht. Das ist wohl zu kleinteilig und nicht das Geschäft der SAGA“, sagt Schittek, „aber als Eigentümerin von Gebäuden der Stadt sind SAGA und LIG dem Gemeinwohl verpflichtet.“

Auch Gaststätten und kleine Läden am Elbdeich stehen leer

Neben den Wohnungen stünden auch wichtige Infrastruktur-Elemente leer, so der kleine Laden am Moorburger Elbdeich und vor allem die Gaststätte „Wasserturm“, die den Bewohnern lange als Treffpunkt diente. „Weil die Gastronomie allein den Betrieb nicht tragen würde, sind Wirte eigentlich darauf angewiesen, die Zimmer über der Gaststube an Monteure zu vermieten“, sagt David Ghrim, „und anscheinend hakt es da zwischen SAGA und Interessenten.“

Gudrun Schittek fordert Tempo von der SAGA. Wo keine Sanierung möglich sei, solle neu gebaut werden: „Auch in Neuenfelde sind nach dem Bau der Airbus-Landebahn Häuser im Eigentum von LIG und SAGA verfallen. Inzwischen sind sie nach über 15 Jahren Leerstand renoviert oder neu gebaut worden. Hier ist es der SAGA vorbildlich gelungen, ortsgerecht zu bauen. Das wird allgemein geschätzt und die Wohnungen sind sehr begehrt. Warum nicht auch Wohnungsbau und Sanierung in Moorburg?“, fragt die Abgeordnete.

„Die Rahmenbedingungen dieses Quartiers als Teil des Hafenerweiterungsgebiets sind nicht vergleichbar mit der Situation in anderen Quartieren wie beispielsweise in Neuenfelde“, sagt Gunnar Gläser. „Jedes dieser Objekte wird aufgrund der sehr unterschiedlichen Bedingungen einer Einzelfallprüfung unterzogen.“ Aktuell ist für zwei Objekte am Moorburger Kirchdeich eine umfassende Sanierung in Auftrag.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Harburg