Adolphsens Einsichten

Mitleidenschaft ist mehr als Mitleid

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Helge Adolphsen
Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Michels.

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Michels.

Foto: Andreas Laible

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michels. Alle zwei Wochen schreibt er seine Gedanken für das Abendblatt auf.

Harburg.  Das Coronavirus ist zum Fürchten. Die große Zahl von Infizierten und Toten kann uns Angst machen und erschüttern. Besonders dann, wenn wir Bilder von Menschen auf den Intensivstationen sehen, die künstlich beatmet werden. Wer seine sterbende Mutter nicht besuchen und trösten durfte, hat das schmerzlich erlebt. Einen geliebten Menschen einsam sterben zu lassen, ist grausam. Ich kann diese Vorstellung nur schwer aushalten. Aber ich will meine Furcht nicht verdrängen und ausblenden. Ein Leben ohne Furcht gibt es nicht. Und es ist gefährlich, sich lähmen zu lassen.

Ich las einen klugen Satz: „Das Coronavirus ist nicht das Ende der Welt. Aber vielleicht das Ende der Welt, wie wir sie vorher kannten.“ Ja, Furcht und Angst belasten uns alle. Aber wer seiner Furcht standhält, muss nicht nur auf sich selbst sehen und sein eigenes Los beklagen. Eigene Angst sollte meine Blicke auf andere richten, die sich fürchten wie ich. Denn alle Menschen leben von Beziehungen. Wir sind keine Ichlinge und Egomanen, sondern „Ich-Du-“ und „Ich-Du-Wir-Menschen“. Kontakte und Bindungen, Solidarität und Nächstenliebe sind wie unser tägliches Brot, von dem wir leben und das wir mit anderen teilen möchten.

Beziehungen sind der Kitt und das Bindemittel, das unsere Gesellschaft zusammenhält. Das bestätigt jede und jeder, der mit einem einsamen Menschen spricht. Und erlebt, wie der im Gespräch aufblüht.

Die Corona-Pandemie lehrt uns das Fürchten

Corona lehrt uns das Fürchten. Ja, das stimmt. Aber auch das stimmt, was der große katholische Theologe Johann Baptist Metz als „Mitleidenschaft“ bezeichnet. Mitleid ist gut, aber das ist ihm zu wenig, zu distanziert. Und orientiert sich nicht an der Wärme des Lebens. „Mitleidenschaft“ sei die Mitgift, die das Christentum wie der Buddhismus und der Islam in die Welt einbringen können: „Sie wurzelt in der unbedingten Anerkennung der Leidenden.“ Damit richtet sie sich gegen diejenigen, die ihre aktive Teilnahme am Leiden anderer vergessen oder verweigern. Also auch gegen die Impfgegner, die Maskenverweigerer und die Verschwörungsideologen.

„Mitleidenschaft“ macht nicht blind, sondern lässt uns mit offenen und wachsamen Augen auf das Leiden sehen. Das Leiden anderer fordert uns heraus, uns zu engagieren und Verantwortung für andere zu übernehmen. Das Coronavirus bringt uns die erschreckende Einsicht zurück, dass diese Krise eine Tiefenkrise ist und nicht nur eine vorübergehende Schlechtwetterzeit. Krisen bedeuten immer Einbrüche ins Leben, eigene Gefährdung, aber auch die anderer.

Aber sie bergen auch Chancen in sich. Das wissen alle jene, die schwer krank waren und gerettet wurden. Das wissen auch die, die anderen in ihren Ängsten und Nöten beigestanden haben. Sie kennen die Erfahrung, dass beides zusammengehört: Gesundheit und Krankheit, Freude und Trauer, Tag und Nacht. Frühere Generationen wussten das besser als wir heute.

Vor allem in der Krise ist die Einsicht wichtig

Es ist ja naiv zu glauben, dass im Leben alles glatt und leicht gehen müsste. In den Mittagsandachten im Hamburger Michel habe ich öfter den Schriftsteller Antoine de Saint Exupery zitiert: „Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge und Rückschläge sind eine selbstverständliche Zugabe zum Leben, durch die wir wachsen und reifen.“ Jedes Mal baten mich einige um den Text mit diesen Worten – ein Zeichen dafür, dass dieser Gedanke sie getroffen hatte. Sie wollten ihn unbedingt festhalten.

In dieser Krise ist die Einsicht wichtig, dass wir nie nur stark oder gar vollkommen sind. Wir sind verletzlich, auch schwach und nie die Meister des Lebens. Wir bleiben Lernende. Zum manchmal mühsamen Leben gehört die Einsicht, dass es kein Leben ohne Risiken und Brüche gibt.

Wir verfügen nicht über das Leben. Es ist keine Verfügungsmasse, sondern Gabe und Leihgabe auf Zeit. Wir sind wie alle Wesen endlich. Das ist befremdlich, aber darum ist das Leben so kostbar. Sich am Leben zu erfreuen, heißt darum nicht, drauflos zu leben.

Dagegen setze ich das Glaubensbekenntnis der Nonne Coretta: „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.“ Also heute. Und jeder neue Tag in der Zukunft ist dieses „heute“. Ihn will ich erwartungsvoll und zuversichtlich begrüßen, nicht resigniert, müde und apathisch. Das ist die Chance in jeder Krise: Jeden Tag mit allen Sinnen und wachen Augen zu gestalten und zu genießen, macht mutig und stark. In der „Mitleidenschaft“ für andere, die leiden müssen, geben wir ihnen und uns jedem Tag mehr Leben.

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