Anfrage der Grünen

Fragen zur Deicherhöhung bleiben offen

Wenn der Deich erhöht wird, muss auch die Straße verlegt und neu gebaut werden. Sie rückt deutlich Näher an die Häuser in Cranz heran.

Wenn der Deich erhöht wird, muss auch die Straße verlegt und neu gebaut werden. Sie rückt deutlich Näher an die Häuser in Cranz heran.

Foto: Lars Hansen / xl

Der Neuenfelder Hauptdeich und der Cranzer Hauptdeich werden 70 Zentimeter höher und acht Meter breiter.

Cranz/Neuenfelde.  Dass die Haupt-Deichlinie im Hamburger Teil des Alten Landes erhöht werden soll – wie an der gesamten Niederelbe – wissen alle Anlieger und Kommunalpolitiker schon länger. Auch, dass die Verbreiterung des Deiches, die sich aus der Erhöhung ergibt, ausschließlich auf der Landseite erfolgen soll, ist bekannt und hat bei Anliegern für Unmut gesorgt. Allzu viele Details der Planung gab es allerdings bislang nicht. Dabei will die Realisierungsgesellschaft (ReGe) der Freien und Hansestadt Hamburg bereits im nächsten Jahr das Planfeststellungsverfahren einleiten.

Auf eine schriftliche Nachfrage der Grünen-Fraktion in der Harburger Bezirksversammlung lieferte die ReGe jetzt schon einmal ziemlich umfangreich Antworten. Bei vielen Fragen bleibt die ReGe die Antworten aber auch schuldig: sie ist in ihren Planungen schlicht noch nicht so weit, die Lösungen für einige Probleme nennen zu können.

Besonders knifflig wird es an der Landesgrenze zu Niedersachsen. Hier stehen einige Häuser schon jetzt sehr nah an der Hauptverkehrsstraße, die am Deich verläuft. Mit dem höheren und landseitig verbreiterten Deich würde bei einigen Grundstücken die Straße fast direkt vor der Hauswand verlaufen. Unter anderem deshalb hatten die Grünen die Anfrage gestellt.

„Hier benötigen Politik und Anlieger frühzeitig detaillierte Informationen über die Pläne, damit sie ihre Ideen und Bedenken in die Planung einbringen können“, sagt die Bezirksabgeordnete Corine Veithen, die selbst in Neuenfelde lebt. „Normalerweise gibt es bei solchen Projekten auch öffentliche Vorstellungen in politischen Gremien und bei Bürgerversammlungen. Weil diese wegen Corona bislang nicht stattfanden, haben wir nun die Anfrage gestellt.“

Den Deichkörper verbreitert die Maßnahme um 4,20 Meter

Der Deich wird um durchschnittlich 70 Zentimeter auf durchgängig neun Meter über Normalnull erhöht. Den reinen Deichkörper verbreitert dies um 4,20 Meter. Das wäre fast überall unproblematisch. Allerdings muss deshalb auch die Straße, die am Deich entlang unter anderem eine wichtige Strecke für Airbus-Pendler und Gewerbeverkehre entlang der Unterelbe ist, neu gebaut werden und als Neubau nach den mittlerweile gültigen Normen. Das bedeutet: Die Fahrbahn legt 50 Zentimeter zu, Geh- und Radweg bis zu 1,50 Meter. Dazu kommen neue, an vielen Abschnitten breitere, Hinterlandgräben. Insgesamt verbreitert sich der Deich so um bis zu acht Meter.

Es gibt nur eine Richtung, in die die Verbreiterung gehen kann: landeinwärts, denn auf der Wasserseite befindet sich naturgeschützter Tideauenwald. Weil das Gebiet nach der europäischen Flora-Fauna-Habitat(FFH)-Richtlinie geschützt ist, kann sein Schutzstatus auch nicht einfach von der Stadt geändert werden. Wie man nun aber mit den straßennahen Häusern am Cranzer Ortsausgang verfährt, ist nicht sicher: Das ehemalige Gasthaus steht zum Abriss.

„Die Anwohner brauchen Klarheit“

Direkt betroffen sind aber noch weitere Häuser am Cranzer Hauptdeich und am Cranzer Elbdeich, der einer alten Deichlinie folgt. Hier prüft die ReGe noch verschiedene Möglichkeiten des Lärmschutzes durch Bäume, Bauten oder des Abstützens des Deichs mit einer Spundwand, damit er hier nicht so breit wird.

„Die Anwohner brauchen Klarheit“, sagt Manfred Hoffmann. Der ehemalige SPD-Bezirksabgeordnete ist Sprecher der Bürgervertretung Neuenfelde-Francop-Cranz, „Alle sind sich bewusst, dass die Deicherhöhung notwendig ist. Keiner ist gegen Flutschutz. Aber dann muss die Stadt es auch so machen, wie bei der Airbus-Landebahnverlängerung und Geld für Entschädigungen in die Hand nehmen!“

Deutlich klarer sind die Vorstellungen der ReGe, was die Anbindung der Dorfstraßen an die neue Deichstraße angeht: Die Straße Cranzer Elbdeich soll in Zukunft nicht mehr sanft ausfädeln, sondern rechtwinklig abgehen, um die Einfahrgeschwindigkeit zu verringern. An der Einmündung des Estedeichs ist ein Kreisverkehr geplant, am Neuenfelder Damm und am Airbus-Westtor nicht.

Kreisverkehr würde Verkehrsfluss nicht beschleunigen

An diesen Stellen errechnet die ReGe, dass ein Kreisverkehr den Verkehrsfluss nicht beschleunigen, aber sehr viel mehr Platz verbrauchen würde, als es andere Lösungen täten. Die Kreuzung Neuenfelder Damm erhält eine neue Ampel, die bei Airbus eine weitere Spur.

Noch ist die ReGe in Verhandlungen zum Grundstückserwerb, aber Anfang 2021 bleibt weiterhin der Wunschtermin, um das Planfeststellungsverfahren einzuleiten. „In meiner langjährigen Erfahrung war dies eine erfreulich ausführliche Behördenantwort auf eine Anfrage“, sagt Manfred Hoffmann, „aber Vieles ist noch unklar, das muss bis zum Planfeststellungsverfahren noch besser werden!“

Die Grünen-Abgeordnete Corine Veithen verspricht, am Ball zu bleiben: „Wir werden weiterhin Vertreter der ReGe in den Regionalausschuss einladen“, sagt sie, „denn die Möglichkeit direkte Nachfragen zu stellen, verspricht immer mehr Erkenntnis als die Schriftform.“

Die Deichkronen müssen sich später treffen

Hamburg erhöht seine Elbdeiche nicht im Alleingang: Auch Schleswig-Holstein und Niedersachsen reagieren auf die steigende Gefahr immer schneller und immer höher auflaufender Sturmfluten. Niedersachsen hat zwischen Elbmündung und Landesgrenze 102 Deichkilometer an der Elbe.

An der Grenze zwischen Jork-Borstel (Niedersachsen) und Hamburg-Cranz treffen sich die Deicherhöhungen dabei gibt es eine Komplikation: Weil die Niedersachsen auch vor ihren Deichen verbreitern, die Hamburger aber nur binnenlands (siehe oben) wird die Deichlinie an irgendeinem Punkt verschwenkt werden müssen, damit sich die Deichkronen nahtlos treffen.