Umweltfreundliche Lkw

Wasserstoff-Weltpremiere in Winsen

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Rolf Zamponi
Dirk Lehmann, Chef der Firmengruppe mit Becker Marine Systems und Ecap, steht mit Minister Olaf Lies vor dem Lkw, der einen Wasserstoff-Antrieb erhalten wird.

Dirk Lehmann, Chef der Firmengruppe mit Becker Marine Systems und Ecap, steht mit Minister Olaf Lies vor dem Lkw, der einen Wasserstoff-Antrieb erhalten wird.

Foto: Rolf Zamponi

Olaf Lies, Niedersachsens Umweltminister, zu Besuch bei Ecap in Luhdorf: Die ersten umgebauten Lkw-Prototypen sollen bald leise und sauber fahren.

Winsen/Luhdorf.  Ist die Wasserstoff-Technologie ein Weg in eine umweltfreundliche Mobilität? Ecap im Winsener Gewerbegebiet Luhdorf ist davon überzeugt. So steht In einer Halle der Firma, die zur Holding des weltweit agierenden Ruderherstellers Becker Marine Systems gehört, an diesem Nachmittag der erste von fünf Lkw, die künftig mit Wasserstoff fahren sollen. Die Hamburger Spedition Hary hat sie aus ihrer Flotte ausgesucht, um sie umrüsten zu lassen. Eine Weltneuheit, weil dies den Auftakt für eine Serienfertigung bilden soll.

Die saubere Energie, durch die im besten Fall gar kein Kohlendioxid entweicht, soll mit dafür sorgen, dass bis 2030 ein Drittel der 600.000 Lkw mit deutschen Kennzeichen klimaneutral unterwegs sind. Immerhin: Die Fahrzeuge tragen mit 41 Millionen Tonnen zu rund 25 Prozent zum jährlichen Gesamtausstoß von CO2 im Verkehr bei. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) sieht schlicht „keine Alternative“ zum Umrüsten von fahrenden Lkw auf saubere Antriebe. „Allein mit neuen Fahrzeugen lässt sich diese Aufgabe für den Klimaschutz nicht bewältigen.“

Der Minister läuft jetzt an der Seite von Holding-Chef Dirk Lehmann durch die Hallen im Gewerbegebiet Winsen/Luhdorf. Ohne Zweifel hat er einen Faible für Oldtimer, die Ecap hier mit Elektromotoren ausrüstet und Zeit für ein Foto im Sportwagen DeLorean, der durch die Filme „Zurück in die Zukunft“ bekannt wurde. „Wir haben inzwischen vier der Sportwagen umgerüstet und liegen damit weltweit vorn“, schmunzelt Lehmann, spannt den Bogen aber rasch weiter. Über Brennstoffzellen, Tanks für Wasserstoff und Batterien für Schiffsriesen. Lies ist rasch im Thema, locker und fragt immer wieder nach technischen Details. Als Elektro-Ingenieur fällt es dem 53-Jährigen leicht, die Herausforderungen einzuschätzen.

Für Lkw wurde eine neue Hinterachse entwickelt

Umrüsten von Lkw bedeutet dabei: Kardanwelle, Getriebe und Verbrennungsmotor raus aus den Fahrzeug, um Platz zu schaffen. Ecap hat eine neue Hinterachse entwickelt, so dass zwischen den Doppelreifen hinten Radnaben-Motoren sitzen, die ihre Energie von der Brennstoffzelle erhalten. Sie speist die unter dem Führerhaus eingebaute, unbrennbare Lithium-Eisen-Phosphat-Batterie. Die Tanks sollen hinter dem Führerhaus angebracht werden und bringen eine Reichweite von 500 Kilometern. Aufgetankt werden kann innerhalb von 20 Minuten, also in einer Pause für den Fahrer. Der erste Prototyp soll im März 2021 fahrbereit sein.

„Wir haben Interessenten für Hunderte solcher Trucks und werden dafür weitere Werkstätten ansprechen und dazu holen“, sagt Markus Körner, der Vertriebsleiter von Clean Logistics, die den Verkauf der Wagen steuert. Zunächst sind die Marken DAF, Mercedes und MAN vorgesehen, die zusammen bundesweit auf einen Marktanteil von 70 Prozent kommen.

Angeregt hatte den Besuch des Ministers Susanne Menge (Grüne). Sie hatte 2019 gegen den Amtsinhaber André Wiese um das Bürgermeisteramt in Winsen kandidiert und knapp verloren. Die Frauen aus dem Wahlkampfteam von SPD und Grünen, die sie unterstützt hatten, blieben jedoch zusammen. In ihrem Forum wird nun überparteilich über politische Themen diskutiert. Die Gruppe eingeladen hatte dann die Vorstandssprecherin der Winsener Grünen, Margot Schäfer.

Auch Menge, die nach der Wahl von Belit Onay zum Oberbürgermeister von Hannover auf einen Sitz im Landtag nachrückte, will die Themen aus ihrem Wahlkampf vor Ort weiter voranbringen. Dazu passte der Termin bei der hoch spezialisierten Mittelstandsgruppe mit mehr als 300 Beschäftigten und der Zentrale im Harburger Binnenhafen.

„Innovationen kommen eben vor allen aus dem Mittelstand. Solche Firmen zeigen, wie sich Projekte praktisch umsetzen lassen,“ ist Minister Lies sicher. Technisch sei die Wasserstoff-Technologie längst einsatzbereit. Die Industrie brauche aber derzeit fünf bis sieben Jahre länger als die kleineren Unternehmen. Grundsätzlich sei der Klimaschutz eine Chance, um neue Arbeitsplätze zu entwickeln, die im Automobilbau wegfallen könnten. Da sind sich die Landtagsabgeordnete und der Umweltminister einig.

Die Corona-Krise führte auchin Winsen zu Kurzarbeit

Trotz der zahlreichen Innovationen bei Becker Marine und bei Ecap: Die Corona-Krise blieb auch hier nicht ohne Folgen. „Wir konnten monatelang nicht nach Asien reisen und haben zudem zwei Aufträge für das Umrüsten von Fahrzeugen auf Elektromotoren verloren“, sagte Firmenchef Lehmann. Die Folge. Mehr als zehn der 40 Ecap-Beschäftigten und einige aus der Batteriefertigung in Winsen mussten in Kurzarbeit. In der Harburger Zentrale waren 20 Prozent der 140 Beschäftigten betroffen.

Lehmann hat jedoch schon das nächste Wasserstoff-Projekt im Blick. Dabei geht es um den Antrieb für einen 70 Meter langen Frachter, der mit einer Brennstoffzelle der Firma Re-Fire ausgestattet werden soll. Ecap ist seit November 2019 exklusiver Partner der Chinesen und kann so in 13 Länder in Nordeuropa liefern. „Die Machbarkeitsstudie liegt seit vier Wochen vor“, erklärt Geschäftsführer Philip Wagemann. Europaweit wird der Einbau auf ein Seeschiff erneut eine Premiere. Wie sie aussehen wird, bleibt noch geheim. Nur so viel: Übernehmer des Schiffes“, verrät Lehmann, „ist eine europäische Reederei“.

Wasserstoff

Wasserstoff ist nahezu unbegrenzt verfügbar. Tatsächlich ist es das häufigste chemische Element im Universum. Das bedeutet, dass sich Wasserstoff stets auch lokal gewinnen lässt.

Als Kraftstoffquelle ist die Energieumwandlung von Wasserstoff zwei- bis dreimal effizienter als bei herkömmlichen Motoren, es kann also mit weniger Kraftstoff eine weitere Strecke zurückgelegt werden. Zudem fällt als Abfallprodukt lediglich Wasser an. Wasserstoffbetriebene Fahrzeuge emittieren kein CO2 und auch keine anderen schädlichen Gase wie flüchtige organische Verbindungen, Kohlenmonoxid und Stickoxide.

In seiner reinen Form ist Wasserstoff ein unsichtbares, geruchloses, ungiftiges Gas und leichter als Luft. Doch zunächst muss das Gas gewonnen werden, denn Wasserstoff tritt in dieser Form nicht in der Natur auf. Der in Europa meistverbreitete Prozess dafür, ist die Elektrolyse.

Bei der Elektrolyse wird Strom durch Wasser geleitet, wodurch schließlich Wasserstoff als Gas freigesetzt wird. Wird dabei Strom aus regenerativen Energiequellen eingesetzt, macht das den Wasserstoff umweltfreundlicher. Darüber hinaus lässt sich Wasserstoff vergleichsweise leicht speichern und transportieren. So kann er sich zu einem der wichtigsten Energieträger der Zukunft entwickeln.

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