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Amazon: Mit Wärmebildern und längeren Pausen gegen Corona

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Rolf Zamponi
Amazon in Coronazeiten

Amazon in Coronazeiten

Foto: Rolf Zamponi

Bei Amazon in Winsen läuft das Geschäft weiterhin rund um die Uhr in drei Schichten. Wie der Konzern auf die Krise reagiert.

Winsen.  Hinter dem Haupteingang führt der Weg für alle Mitarbeiter von Amazon in Winsen nicht mehr durch die großzügige Eingangshalle. Sie werden umgeleitet. Über eine abgespannter Strecke vorbei an einer hoch oben installierten Thermo-Kamera, die die Körpertemperatur misst. Nur bei weniger als 37,5 Grad geht es weiter. Bei Auffälligkeiten wird das Ergebnis noch einmal manuell geprüft. In jedem Zweifelsfall geht es für die Corona-Verdächtigen direkt zurück nach Hause.

Ein paar Meter hinter der Messstation werden durch eine Plexiglasscheibe OP-Masken ausgegeben. Für jeden Tag erst einmal eine, bei Bedarf kann eine zweite nachgereicht werden. Dann folgt ein Drehkreuz hinein zu den Spinden. Das Kreuz passieren jetzt auch die beiden Amazon-Chefs Norbert Brandau und Jörn Asmussen. Mit 36,5 Grad liegen beide gut im Soll.

Verdi rügt Amazon: zu langsam auf Corona-Pandemie reagiert

Der größte Online-Händler der Welt hat sich auch in Winsen auf die Corona-Krise eingestellt und ein Maßnahmenbündel entwickelt. Es sei Woche für Woche zusammen mit Anregungen aus den Treffen mit dem Betriebsrat gewachsen, seit Mitte März der erste Infizierte festgestellt und das Gesundheitsamt des Kreises eingeschaltet wurde, sagt Brandau. „Wir haben uns beraten lassen, dann entschieden, was wir tun wollen und uns vom Amt bestätigen lassen, dass alles richtig ist.“

Dennoch: Die SPD in Winsen sorgt sich weiter grundsätzlich darum, ob das Infektionsgeschehen in Unternehmen und Quartieren bei Stadt und Landkreis ausreichend gut im Blick ist und die Bürger im Fall der Fälle rasch genug informiert werden. Auch Stefanie de Vries, die Vorsitzende des Verdi-Ortsvereins Harburg-Land, rügt, dass der US-Konzern nach ihren Informationen bei der Reinigung, dem Mindestabstand und der Kennzeichnung von Desinfektionsmitteln nicht rasch genug reagiert habe.

Dagegen stellt der Landkreis Amazon ein gutes Zeugnis aus. „Wir haben intensiv die Situation besprochen und dem Unternehmen entsprechende Maßnahmen aufgegeben, die umgesetzt wurden“, sagt Sprecher Andres Wulfes. „Keine Beanstandungen.“ Bereits seit Ende Februar sind die täglichen öffentlichen Führungen eingestellt. Zahlen zu den Erkrankten in der Belegschaft nennen dabei weder Wulfes noch Brandau.

Amazon hat den Stundenlohn erhöht – bis Mitte Mai

Klar ist: Bei 1700 Beschäftigen, die in drei Schichten arbeiten, entpuppte sich der Busverkehr vom Winsener Bahnhof zum Zentrum im Gewerbegebiet Luhdorf als großes Problem. Schließlich muss auch auf den Fahrten, wenn Hunderte ankommen oder abfahren wollen, der Mindestabstand von zwei Metern eingehalten werden. Statt mit drei bis vier Gelenkbussen ist das Stader Verkehrsunternehmen KVG nun mit 16 bis 20 Bussen unterwegs.

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Schon jetzt zahlt Amazon 300.000 Euro pro Jahr für die auch öffentlich nutzbaren Linien. „Alle zusätzlichen Busse übernehmen wir jetzt dazu“, sagt der bisherige Standortleiter Brandau, der demnächst für den Aufbau eines Zentrums nahe Gütersloh bis Ende Januar in den Westen gehen wird. Eine erste Rechnung von der KVG liegt derzeit noch nicht vor.

Bei den Löhnen hat das Unternehmen im März nachgesteuert. Weltweit wird für anwesende Mitarbeiter der Stundenlohn in der Krise vorerst bis Mitte Mai um zwei Euro erhöht. Der Einstieg liegt in Winsen derzeit bei 11,71 Euro und erhöht sich nach zwölf Monaten auf 13,24 Euro plus Boni. „Das Plus um zwei Euro schlägt in den USA, Kanada und Europa zusammen mit fast 700 Millionen Dollar zu Buche“, sagt Amazon-Sprecher Michael Schneider.

Pausenzeiten um fünf Minuten verlängert – zum Händewaschen

Der Zuschlag soll die Arbeit in schwierigen Zeiten honorieren. Schließlich müssen im den Hallen überall Masken getragen werden, die Kantine gibt kein Essen mehr aus und an den Tischen gibt es jeweils nur Platz für eine Person. Zum Händewaschen wurden die Pausenzeiten, die jetzt flexibler über die Schichten genommen werden können, um fünf Minuten verlängert. Alles dient der Hygiene und soll dafür sorgen, dass der Mindestabstand eingehalten werden kann. „Der Zuschlag soll ein Zeichen der Anerkennung sein“, sagt Brandau. „Aber er soll nicht dazu ermuntern, krank hierher zu kommen. Wer sich nicht fühlt, soll und muss zu Hause bleiben.“

Den Rundgang durch das Zentrum übernimmt an diesem Nachmittag Asmussen, der seit dem 1. April und bis zur Rückkehr von Brandau nun Standortleiter in Winsen ist. Der Wirtschaftsingenieur mit Studienorten in Elmshorn und in England ist seit drei Jahren bei Amazon und hat in Winsen sowohl den Warenaus- als auch Eingang geleitet.

Zuvor war der 38-Jährige, der in der Nähe von St. Peter-Ording aufgewachsen ist, Manager in der Ernährungsindustrie und als Unternehmensberater unterwegs. „Ich wollte jedoch wieder operativ tätig werden“, sagt Asmussen über seinen Wechsel zum Online-Riesen.

100.000 Pakete am Tag – in drei Schichten, rund um die Uhr

Jetzt steuert der Interimschef gezielt durch die Gänge, vorbei am zentralen Lager und durch Annahme- und Packstation der Hallen, die jeden Tag mehr als 100.000 Pakete verlassen. Das Prinzip: Mehr Platz schaffen, um sich wenn überhaupt auf breiten Fußwegen zu begegnen oder gleich Einbahnstraßen errichten, die den Mindestabstand garantieren. Dafür wurden Packstände zur Seite geräumt, die vorerst nicht mehr genutzt werden.

Amazons Online-Handel hat das Corona-Virus jedenfalls nicht bremsen können. Allein im ersten Quartal stieg der Gesamtumsatz weltweit um 26 Prozent. Die Menschen bestellen und der Betrieb geht weiter. In Luhdorf in drei Schichten, Tag und Nacht, rund um die Uhr.

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