Harburg
Werte und Normen

Grundschulen bereiten sich auf neues Fach vor

Religionsunterricht in der Grundschule Maschen, Klasse 4c (v. l): Mara (10), Lehrerin Hilke tom Dieck und Stefan (9) beschäftigen sich mit dem Babylonischen Schöpfungsbericht. An allen Grundschulen im Land Niedersachsen soll ab dem Schuljahr 2021/2022 schrittweise das Fach „Werte und Normen“ parallel zum Religionsunterricht angeboten werden. 

Religionsunterricht in der Grundschule Maschen, Klasse 4c (v. l): Mara (10), Lehrerin Hilke tom Dieck und Stefan (9) beschäftigen sich mit dem Babylonischen Schöpfungsbericht. An allen Grundschulen im Land Niedersachsen soll ab dem Schuljahr 2021/2022 schrittweise das Fach „Werte und Normen“ parallel zum Religionsunterricht angeboten werden. 

Foto: Lena Thiele

„Werte und Normen“ wird als Alternative zu Religionsunterricht flächendeckend eingeführt. Pilotschulen machen gute Erfahrungen

Maschen/Buchholz/Winsen.  Religion sei eines seiner Lieblingsfächer, sagt Stefan. Der Neunjährige redet gern über Gott und die Welt und auch seine Mitschüler aus der Klasse 4c an der Grundschule Maschen wollen an diesem Tag wissen, was es mit der babylonischen Schöpfungsgeschichte auf sich hat. Auch ein muslimischer Junge macht engagiert mit im evangelischen Religionsunterricht.

Doch zwei Kinder sind – weil sie oder ihre Eltern es so gewählt haben – nicht dabei. Sie verbringen die Unterrichtsstunde in einer Parallelklasse und bearbeiten Aufgaben aus dem Deutschunterricht. Keine optimale Lösung, meint Lehrerin Hilke tom Dieck. „Es wäre besser, wenn sie auch von einem ähnlichen Unterricht profitieren könnten.“

Ab Schuljahr 2021/22 Werte und Normen als Fach

Genau das soll erreicht werden, wenn vom Schuljahr 2021/2022 an schrittweise das neue Unterrichtsfach Werte und Normen an zunächst 400 Grundschulen in Niedersachsen eingeführt wird. Mit Beginn des Schuljahres 2025/2026 soll das Fach an allen Grundschulen mindestens für die ersten Klassen – und dann aufsteigend für alle Klassenstufen – an zwei Schulstunden in der Woche angeboten werden. Das hat Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) angekündigt. Seit Sommer 2018 und noch bis Ende dieses Schuljahres läuft eine Erprobungsphase an 40 Grundschulen im Land. Auch im Landkreis Harburg haben sich Schulen daran beteiligt.

Erprobungsphase auch in Buchholz

Eine davon ist die Waldschule Buchholz, an der zurzeit 297 Grundschüler lernen. „Dass Werte und Normen als Unterrichtsfach auch an Grundschulen eingeführt werden soll, halte ich für eine großartige Entscheidung“, sagt die didaktische Leiterin Yvonne Steimann. „Unsere Gesellschaft ist bunt und es gibt Werte, die über alle Religionen hinweg gelten. Werte, die für eine Gesellschaft wichtig sind. Diese auch den Kleinen zu vermitteln, halte ich für wichtig.“ Darüber hinaus steige die Zahl der Kinder, die aufgrund anderer Konfessionen nicht am christlichen Religionsunterricht teilnehmen. „Diesen Kindern wird dann eine sinnvolle Alternative angeboten.“

Nächstenliebe, Freundschaft, Akzeptanz

Lehrerin Alina Marien-Kuhn unterrichtet zweimal in der Woche zehn Schüler der vierten Klasse der Waldschule in Werte und Normen. „Wir behandeln vielfach die gleichen Themen wie im Religionsunterricht, allerdings ohne religiösen Hintergrund. Nächstenliebe, Freundschaft, Akzeptanz, aber auch philosophische Themen gehören dazu.“ Alle drei Monate treffen sich die Lehrkräfte des Pilotprojektes zur Fortbildung und zum Austausch. Gemeinsam entwickeln sie Themen, erarbeiten konkrete Unterrichtsbeispiele und tauschen Material aus, denn ein festes Kerncurriculum gibt es noch nicht.

„Werte und Normen darf nicht als soziales Lernen verstanden werden“, sagt Alina Marien-Kuhn. „Vielmehr geht es darum, die Schüler ans Philosophieren heran zu führen. Sie sollen lernen, sich mit abstrakten Themen wie Glück, Unglück, Fremdsein auseinanderzusetzen. Das ist eine Herausforderung, gerade in Lerngruppen, in denen viele Schüler Deutsch als Zweitsprache haben.“ Allerdings seien viele Schüler durch die Gesprächskreise sprachlich gewachsen, auch ihr Wortschatz habe sich erweitert.

Lehrerin sieht das Fach als Bereicherung

Auch für die Lehrerin ist das neue Fach eine Bereicherung. „Man merkt im Gespräch mit den Kindern, was für einen tollen moralischen Kompass sie haben“, sagt Alina Marien-Kuhn. „Kinder haben wenig Vorurteile. Sie denken nicht in Stereotypen, sondern gehen offen an die Themen ran. Und sie sind motiviert.“ Eine anonyme Umfrage in der Schülergruppe hat ergeben, dass der Unterricht, der selten frontal, sondern zumeist im Sitzkreis, in Bewegung oder als Rollenspiel gestaltet wird, gut bei den Kindern ankommt.

Fach Religion ist in Hittfeld überkonfessionell

Die Grundschule Hittfeld bietet bereits einen überkonfessionell ausgerichteten Religionsunterricht an. Es gehe darin vor allem um Werte und Normen, sagt Schulleiter Jens Michael Willmann. „Wenn es in der dritten Klasse um die Weltreligionen geht, zeigt sich auch, dass deren Werte und Normen sich vielfach ähnlich sind.“ Dennoch gebe es manchmal Kinder, die nicht an dem Unterricht teilnehmen und die Zeit in anderen Klassen verbringen.

Die Einführung des ordentlichen Unterrichtsfachs werde daher keinen großen Unterschied machen – außer, dass der Unterricht für alle verpflichtend ist. Die Schule lädt auch zum jährlichen Weihnachtsgottesdienst alle Schüler ein. „Niemand muss singen oder beten, aber wir wollen auch niemanden ausschließen“, betont Willmann.

Winsen will an Einführungsphase teilnehmen

An der Alten Stadtschule in Winsen soll es so bald wie möglich losgehen mit dem neuen Fach, sie hat sich bereits für die Einführungsphase beworben. „Wir wollen zu den ersten Grundschulen gehören, die das Fach Werte und Normen unterrichten“, sagt Schulleiter Stefan Pleß. „Da bei uns viele Kinder mit Migrationshintergrund zur Schule gehen, nehmen mehr als 130 unserer etwa 360 Schüler nicht am konfessionellen Religionsunterricht teil.“ Kinder christlicher Konfessionen machten nach muslimischen und konfessionslosen Kindern nur die drittgrößte Gruppe an der Schule aus.
Er lege großen Wert auf eine klare Trennung von Staat und Kirche, sagt Pleß. „Deshalb ist es mir sehr wichtig, dass den Kindern, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, eine sinnvolle Alternative angeboten wird.“ Bereits in den vergangenen Jahren habe die Schule die Inhalte des Religionsunterrichts, die sich auf das menschliche Miteinander beziehen, in einem entsprechenden Ersatzunterricht angeboten.

Problem: Integration in den Stundenplan

Auch an der Grundschule Maschen, wo Stefan und seine Mitschüler lernen, wird überlegt, sich auf einen frühen Einstieg zu bewerben. Die Einführung des neuen Fachs werde auch Herausforderungen mit sich bringen, meint Schulleiter Rolf André. Das parallele Angebot in die Stundenpläne zu integrieren, könnte vor allem für kleinere Grundschule sehr schwierig werden. Zudem müsse das Personal vorhanden sein, was Vorgaben im Lehramtsstudium erschwerten. „Es werden kaum noch Lehrer ausgebildet. Religion ist das größte Mangelfach.“

Die Religionslehrerin Hilke tom Dieck kann sich gut vorstellen, auch Werte und Normen zu unterrichten. „Die Fragestellungen werden sich teilweise überlappen, wir können sie dann mit oder ohne religiösem Hintergrund behandeln. Religion ist wichtig, aber das neue Angebot wird es auch sein.“

Kirchen sehen das neue Fach nicht als Bedrohung

Die evangelisch-lutherische Landeskirche sieht die Einführung des neuen Unterrichtsfachs nicht als Bedrohung für den konfessionellen Religionsunterricht an den Grundschulen. „Eltern, die sich ethische Bildung für ihre Kinder auf nichtreligiöser Grundlage wünschen, lassen erkennen, wie wichtig ihnen dennoch die Auseinandersetzung ihrer Kinder mit Werten des Zusammenlebens ist“, sagt Superintendent Dirk Jäger aus Hittfeld. Ein Ausfall des Fachs oder Betreuung, während die anderen Kinder im Religionsunterricht sitzen, sei keine gute Alternative. „Als Kirche gehen wir davon aus, dass der Staat auch weiterhin zu seiner Verantwortung für den Religionsunterricht steht und ihn gleichberechtigt ohne Kürzung von Finanzen und Ausbildungskapazitäten fördert.“