Harburg
Nachkriegszeit

Endlich tanken im Freilichtmuseum Kiekeberg

Vorzeigetermin für die Tankstelle an der Königsberger Straße im Freichlichtmuseum am Kiekeberg.

Vorzeigetermin für die Tankstelle an der Königsberger Straße im Freichlichtmuseum am Kiekeberg.

Foto: Rolf Zamponi

Von Stade an die Stadtgrenze: Eine historische Tankstelle wird die neueste Attraktion des Museums.

Ehestorf. Vorhang auf: Das Freilichtmuseum am Kiekeberg hat am Dienstag erstmals die aus Stade abtransportierte Tankstelle öffentlich vorgestellt. Sie ist das erste von sechs Gebäuden, die zum Projekt „Königsberger Straße“ gehören.

Die voll ausgestattete Tankstelle wird für Besucher von Sonntag, 15. September, ab 14 Uhr an geöffnet. Mit allen Gebäuden und den Außenanlagen soll im Museum die Zeit von 1949 bis 1970 nachgestellt werden. Alle Anlagen nebst Straßenlaternen, Litfaßsäulen und Telefonzellen sollen im Frühjahr 2023 fertig sein.

Das auf 6,14 Millionen Euro angelegte Projekt wird mit 3,28 Millionen Euro vom Bund und mit 600.000 Euro von Niedersachsen gefördert.

„Wir lassen die Nachkriegszeit wieder auferstehen“

„Wir lassen mit dem Projekt die Nachkriegszeit wieder auferstehen“, sagte Museumsdirektor Stefan Zimmermann in Ehestorf. „Entwicklungen der Technik-, Wirtschafts- und Regionalgeschichte lassen sich gerade an Tankstellen ablesen.“

Die Zeit steht für die Motorisierung der Gesellschaft, in der das Auto zu der Deutschen liebstem Kind wurde. „Blasenfrei zapfen“ oder der Zuruf „Einmal volltanken“ an die damals noch Dienst tuenden Tankwarte gelangen in die Alltagssprache.

Die Menschen pendeln zu Arbeit, fahren mit dem Auto einkaufen oder in den Urlaub. Die Kraftstoffmarke Gasolin kreiert den Spruch: „Nimm Dir Zeit – und nicht das Leben“, der auf einem Schild am Kiekeberg gegenwärtig ist.

Das Haus mit dem zehn Meter langen Flugdach gestützt auf eine Säule haben die Brüder Klaus und Horst Mehrtens an das Museum verkauft und dabei wie sie im Oktober beim Abtransport in Stade versicherten, „nicht am Pokertisch gesessen.“

Gebäude vor dem Abrissbagger gerettet

Damit wurde das Gebäude vor dem Abrissbagger gerettet. Die Brüder sahen die nach dem Transport wieder aufgestellte Tankstelle am Dienstag zum ersten Mal. „Für mich ist das fast wie im Märchen. Wenn mir das jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, hätte ich es für unmöglich gehalten“, sagte Horst Mehrtens.

Stolz sind beide, einen Teil ihres Elternhauses im Museum zu sehen. Noch bis 1984 hatte ihr Vater Karl die Tankstelle betrieben und sie zuletzt an einen Gebrauchtwagenhändler verpachtet. „Ich habe meinen Vater noch in den 70er Jahren an der Tankstelle vertreten, damit er in den Urlaub fahren konnte“, erzählt Klaus Mehrtens.

Als Ausstatter hat Alexander Eggert, der Abteilungsleiter Volkskunde im Museum, mit Frank Schumann aus Rotenburg/Wümme einen Sammler gefunden, der sich auf die Marke Gasolin spezialisiert hat. Begonnen hat seine Leidenschaft bei dem Service-Techniker für Medizinprodukte vor mehr als 30 Jahren.

„Zunächst hat mir schon das Herz geblutet“

In den vergangenen zehn Jahren hat er seine Suche aber noch einmal intensiviert. Eigentlich wollte er für seine Exponate eine eigene Tankstelle bauen. Dann aber entschied er sich, die notwendigen Stücke an das Museum zu geben. „Zunächst hat mir schon das Herz geblutet“, gestand er am Dienstag freimütig ein. Aber jetzt sei er „sehr froh. Ich hätte es nicht besser machen können.“

An der Tankstelle ist nun zwischen den Zapfsäulen ein Dosenschrank zu sehen, der zuvor seinen Platz im Wohnzimmer von Schumann gefunden hatte. Dahinter steht ein Dosenregal und ein Schild mit dem Aufruf an die Autofahrer, nicht ihr Leben zu riskieren.

Entweder Gasolin oder keine Marke

Der 52-jährige hat alles von der Marke Gasolin gesammelt, die in den 70er Jahren auf Aral umgeflaggt wurde. Vom Quittungsblock über Ölflaschen und Dosen bis hin zu Marketing-Produkten. „Mir war klar: entweder Gasolin oder keine Marke.“ Bislang steht bundesweit nur in Detmold eine Tankstelle, die im Originalzustand ins Museum transportiert wurde.

„Mit den Tankstellen ist damals die Moderne überall in die Provinz eingezogen“, erklärt Volkskundler Eggert. Als Anhaltspunkte dafür gelten Neonlicht und Gebäudeformen, die sich gleich stark von den etablierten Bauernhäusern unterschieden.

„Die Technik hielt Einzug, an den Stationen wurde dann gemeinsam gefachsimpelt.“ Man traf sich, tauschte Informationen aus. Man redete miteinander, statt wie es heute heißt zu kommunizieren.

Natürlich wurden auch die Tanks teils noch mit Zweitaktersprit wie für den Roller NSU Prima gefüllt. Goggomobile oder der Tempo Wiking Kleinbusse hielten. Die Zapfpistolen an den Säulen der Tankstelle lassen sich auch im Kiekeberg Museum noch leicht aus den Säulen ziehen. Doch Sprit wie einstmals für 50 oder 60 Pfennige pro Liter kann nicht mehr fließen.