Harburg
Stadtentwicklung

Letzte Brachen auf der Harburger Schlossinsel werden bebaut

Das Architektenbüro Wacker Zeiger hatte 2008 in einem Gutachterverfahren bereits ein Gebäude für das Grundstück am Lotsekanal entworfen.

Das Architektenbüro Wacker Zeiger hatte 2008 in einem Gutachterverfahren bereits ein Gebäude für das Grundstück am Lotsekanal entworfen.

Foto: Wacker Zeiger Architekten

Die Stadt bietet zwei bisher brachliegende Flächen Investoren an – am Lotsekai sollen Büro- und Gewerbegebäude entstehen.

Hamburg. Nachdem in den vergangenen Jahren die Harburger Schlossinsel mehr und mehr auch zum Wohngebiet wurde, will die Stadt jetzt die letzten beiden noch ungenutzten potenziellen Baufelder an Investoren verkaufen. Damit wird auf der prominenten Brachfläche am Lotsekanal, gegenüber des Wohnschiffs „Transit“, in absehbarer Zeit ein Büro- und Gewerbegebäude heranwachsen und das Gesicht der historischen Schlossinsel erneut verändern.

Das Areal am Lotsekai östlich des Lotseplatzes ist 3670 Quadratmeter groß und darf mit einem maximal 19 Meter hohen Gebäude bebaut werden. „Das Grundstück bietet sich zum Beispiel für einen Unternehmensstandort, ein Hotelprojekt, gastronomische und kulturelle Nutzungen an“, ist im Exposé des federführenden LIG (Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen) zu lesen.

Wohnbebauung ausgeschlossen

Da der Neubau südlich an den Lotsekai und westlich an den Lotseplatz grenzt, soll mindestens an diesen beiden Gebäudeseiten das Erdgeschoss mit „publikumsfrequentierten Nutzungen wie Läden, Cafeteria, Gastronomie oder kulturelle Einrichtungen (...) versehen sein“, wünscht sich der LIG. Eine Wohnbebauung ist an dieser Stelle aufgrund der über das Grundstück führenden Freileitungen ausgeschlossen.

Eine architektonische Besonderheit wurde bereits 2005/2006 im Rahmen der städtebaulichen Entwicklung der Schlossinsel festgezurrt: Das Gebäude darf laut Bebauungsplan an zwei Stellen bis zur Kaikante auskragen. Die Überbauung des öffentlichen Grunds (Lotsekai) darf maximal drei Stockwerke umfassen und muss eine lichte Höhe von sechs Metern aufweisen. Auf Grundlage des B-Plans hatte das Hamburger Architektenbüro Wacker Zeiger 2008 bereits ein Gebäude für die Baufläche entworfen. Dieser Entwurf kann jetzt umgesetzt werden. Alternativ müsste der zukünftige Bauherr einen Architektenwettbewerb mit mindestens fünf teilnehmenden Büros durchführen lassen.

Kritik an Gebäudeteilen, die bis zur Kaikante reichen

Die Tatsache, dass der Neubau oberhalb von sechs Metern bis an die Kaikante reichen darf, stößt im Binnenhafen auf Kritik. Der Verein Museumshafen Harburg fürchtet, dass seine Liegeplätze im Lotsekanal beeinträchtigt werden und dass die Sichtachse zwischen den beiden aufwendig restaurierten Hafenkränen verloren geht: dem gelben Mulch-Kran (KulturKran) im westlichen Abschnitt des Lotsekais und dem blauen Peiner-Portaldrehkran, der in diesen Tagen im östlichen Kaibereich wieder montiert wird. Zusammen mit den im Pflaster eingelassenen Gleisen, den Güterwaggons und dem Prellbock erinnern sie an Zeiten, zu denen der Binnenhafen noch ein lebendiger Umschlagsort war.

In wenigen Wochen werden beide Kräne wieder an der Hafenkante stehen. Ein Neubau zwischen ihnen könnte sie später in den Schatten stellen. „Das macht vieles kaputt“, urteilt Gorch von Blomberg, Herr der Kräne im Museumshafen. „Für uns ist die Blickbeziehung sehr wichtig, weil wir beide Kräne in Betrieb setzen wollen.“

Bezirk könnte von Bebauung bis zur Wasserkante profitieren

Auch Heike und Marcel Klovert, die direkt neben der Baufläche im Lotsekanal ihr Hotelschiff „Kanal 77“ betreiben, sind nicht glücklich über die absehbare Entwicklung: „Wir beobachten nervös, was da kommt, denn es beeinflusst unsere Lebensqualität erheblich“, sagt Heike Klovert. Und die Aufenthaltsqualität der Hotelgäste. „Unsere fünf Zimmer haben Dachluken. Von dem überstehenden Gebäudeteil könnten die Leute direkt in die Räume schauen und dabei zusehen, wie sich unsere Gäste morgens anziehen“, ergänzt Marcel.

Der Bezirk Harburg würde dagegen davon profitieren, wenn bis an die Wasserkante gebaut wird. Er kann für die Überbauung des Lotsekais ein „Sondernutzungsentgelt“ verlangen. Dies kann – bei einer Laufzeit von 60 Jahren – einmalig um die 490.000 Euro betragen, wenn das bestehende Baurecht voll ausgenutzt wird.

Das zweite Baufeld schließt sich nördlich an und rückt an die Wohnbebauung und die Kita Harburger Schlossinsel heran. Am südöstlichen Rand des 5800 Quadratmeter großen Grundstücks steht ein Hochspannungsmast. Auch auf diesem Areal sind Büros und Gewerbe vorgesehen, dazu noch ein Parkhaus. Es soll mindestens 200 Stellplätze bieten und möglichst sämtliche Fahrzeuge der beiden Neubauten aufnehmen. „Darüber hinaus sollen – sofern möglich – auch die Stellplatzbedarfe aus dem Umfeld im Parkhaus gedeckt werden“, schreibt der Grundstücksanbieter LIG.

Im Binnenhafen ist vorgeschrieben, dass bei allen Neubauten öffentliche Wege an den Wasserflächen angelegt werden. Die östliche Grundstücksgrenze des hinteren Baufelds stößt an die Östliche Binnengraft, an der der Yachtclub Hansa-Harburg liegt. Landseitig der Uferböschung muss der zukünftige Bauherr einen vier Meter breiten öffentlichen Gehweg anlegen.

Bis zum 30. August können Interessenten ihre Angebote beim LIG abgeben. Anschließend startet der Auswahlprozess. Die Höhe der Kaufpreisgebote soll zu 40 Prozent in die Entscheidung einfließen. Jeweils mit 25 Prozent werden das Nutzungskonzept und die gestalterische Qualität („Städtebau und Architektur“) bewertet. Die fehlenden zehn Prozent dienen dem Umweltschutz. Hier punkten gute Wärmedämmung, die Nutzung von Solarenergie zur Deckung des Strom- und Wärmebedarfs, der konstruktive Einsatz von Holz und Dachbegrünung.

Zunächst muss nach Relikten der Zitadelle gegraben werden

Die Grundstücke haben keinen Sielanschluss. Die Zuwegung, die Zitadellenstraße, muss noch verbreitert werden. Außerdem ist damit zu rechnen, dass die oberflächlichen Böden schadstoffhaltig sind. Mit größeren Altlasten rechnet die Umweltbehörde nicht. Eine Besonderheit des Binnenhafens ist die Archäologie: Beide Grundstücke sind sogenannte archäologische Vorbehaltsflächen, also Flächen, auf denen historische Relikte vermutet werden. Nach Einschätzung des Archäologischen Museums/Harburger Stadtmuseums sind deshalb umfangreiche Untersuchungen des Untergrunds nötig, bevor er bebaut werden kann. Da das Museum kein Personal für solche Ausgrabungen zur Verfügung stellen kann, müssen die Arbeiten an externe Archäologen vergeben werden. Die Kosten von geschätzt 500.000 Euro muss der – oder müssen die – Grundstückskäufer tragen.

Im westlichen Teil des größeren Baugrundstücks vermuten die Archäologen Fundamentreste des Torgebäudes zur ehemaligen Zitadelle – die erstmals im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnte Festung gilt als Keimzelle Harburgs. Auch wenn auf der Schlossinsel nicht mehr viel von einer mittelalterlichen Festung zu sehen ist: Im Untergrund der modernen Bauten überdauert Harburgs Geschichte.