Prozessauftakt

Wurde eine erst 17-Jährige zur Prostitution gezwungen?

Der Angeklagte Nicolas F. (25) mit seiner Anwältin vor dem Jugendschöffengericht in Harburg.

Der Angeklagte Nicolas F. (25) mit seiner Anwältin vor dem Jugendschöffengericht in Harburg.

Foto: Jörg Riefenstahl

Mädchen soll mit Schlägen und Intimfotos zu Sex mit Freier gezwungen worden sein. Angeklagter bestreitet Vorwürfe.

Hamburg.  Nicolas F. (25) muss sich seit Donnerstag vor dem Jugendschöffengericht in Harburg gegen den Vorwurf der Zwangsprostitution in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem jungen Mann vor, im Sommer des Jahres 2014 die damals 17-jährige Nadja D. gemeinsam mit dem – gesondert Verfolgten – Juan S. körperlich misshandelt zu haben. Mit Schlägen hätten die jungen Männer das Mädchen zunächst gezwungen, Fotoaufnahmen von sich in Unterwäsche anfertigen zu lassen. Die Bilder wurden anschließend im Internetportal „kaufmich.com“ eingestellt.

Mädchen bricht Kontakt mit Freier unter Tränen ab

Anschließend soll es nach Überzeugung der Staatsanwältin zu „mindestens einem von F. vermittelten Treffen der Geschädigten mit einem Freier gekommen“ sein, dem F. die „Durchführung sexueller Handlungen gegen einen Preis von 50 Euro in Aussicht gestellt“ hatte. Bevor es zu dem Treffen mit dem Freier kam, habe Nicolas F. dem Mädchen in Harburg vorgespielt, sie brauche mit dem Freier „nur zu reden, um Mitleid zu erzeugen“, so die Staatsanwältin. Letztlich habe das Mädchen das arrangierte Treffen mit dem Freier nach Erhalt des Geldes ohne sexuelle Kontakte weinend abgebrochen. Darüber sei F. verärgert gewesen, so dass er ihr in seiner Wohnung mehrere Faustschläge versetzt habe, um sie doch noch dazu zu bewegen, mit dem Freier zu schlafen. Nadja D. trug Blutergüsse davon. Im Gesicht, an den Armen und am Bauch.

Der Angeklagte, der im weißen Hemd, grauen Pulli und schwarzen Sneakers im Gerichtssaal erschien, bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Er habe die Fotos von Nadja im Auftrage seines Freundes Juan S. angefertigt. „Sie war die Freundin meines Freundes Juan. Er hat mich gebeten, Fotos von ihr zu machen“, sagte der Angeklagte. 500 Euro sollte er angeblich dafür bekommen. Das Geld habe er aber nie erhalten.

Fotos entstanden im Keller – unter Druck oder auf freiwilliger Basis?

Dass das Mädchen erst 17 war, als die Fotos in einem Keller entstanden sind, habe er damals nicht gewusst. „Sie hat nicht gezeigt, dass sie gegen die Fotos ist“, sagte F. Woher stammen die Verletzungen? wollte der Richter wissen. Juan und Nadja hätten sich öfter „aus Spaß“ gegenseitig auf die Arme geschlagen. Das sei das Einzige, was er gesehen habe. Er habe weder Juan noch das Mädchen geschlagen. Auch sei er nie mit Nadja zusammengewesen. „Ich war nur ein Freund.“

Juan habe ihn gebeten, die Fotos von Nadja, die das Mädchen in Unterwäsche zeigen auf der Internet-Plattform „kaufmich.com“ hochzuladen. „Dazu muss man sich registrieren lassen“, sagte der Richter. „Weil Juan es nicht hinbekam, habe ich das Profil erstellt“, sagte der Angeklagte. „Wow, es läuft sehr gut. Es melden sich voll viele“, habe ihm sein Freund Juan begeistert erzählt. „Aber ich hatte damit nichts zu tun“, betonte F.

Ja, den Text zu den Fotos habe er erstellt, sagte F. auf Nachfrage des Richters. Was genau, daran könne er sich nicht mehr erinnern. „Sie ist gerade 18 Jahre alt geworden. Haben Sie das geschrieben?“ hakte der Richter nach. „Ja“, lautete F.s Antwort. „Wir haben es zu dritt reingestellt. Fotos, alles haben wir mit dem Handy gemacht.“ Aber geschah das alles einvernehmlich, auf freiwilliger Basis?

Nadja D. ist heute obdachlos

Er sei mit Juan S. im Griechenlandurlaub gewesen. Anfangs habe er mit ihm über die Vorwürfe gesprochen, sagte F. Inzwischen lebt S. in der Schweiz. „Er hat mir erzählt, dass Nadja für ihn prostituiert hat. Ich war nicht dabei, als er es ihr schmackhaft gemacht hat.“ Den Kontakt zu Nadja brach F. ab. Als das Mädchen 2016 versucht, erneut mit ihm via Facebook in Kontakt zu treten, tut er so, als würde er sie nicht kennen. Das geht aus Protokollen hervor, die der Richter verließt. Als Nadja um Hilfe bittet, weil ihre Mutter sie „rausgeschmissen“ hat, lässt F. das Mädchen abblitzen. Zum Prozess war Nadja D. als Zeugin geladen. Erschienen ist sie nicht. Sie ist ist obdachlos, lebt heute in Dortmund auf der Straße. Das Verfahren wurde ausgesetzt.