Harburg
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Lesehilfe für alte Stein-Inschriften

Professor Gerold Schneider steht neben einem Röntgengerät, das Materialstrukturen sichtbar macht.

Professor Gerold Schneider steht neben einem Röntgengerät, das Materialstrukturen sichtbar macht.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Harburger Materialforscher Gerold Schneider unterstützt Leuchtturmprojekt.

Harburg.  Mit vier umfassenden Forschungsfeldern (Clustern) liegen die Hamburger Hochschulen im Bundesvergleich auf einem Spitzenniveau und erhalten dafür vom Bund 164 Millionen Euro Förderung. Diese Zusage aus dem September schmückt die angehende Wissenschaftsmetropole Hamburg. In einem dieser sogenannten Exzellenzcluster, bei dem es darum geht, alte Manuskripte zu verstehen, ist die Technische Universität Hamburg (TUHH) beteiligt – in Person des Materialforschers Prof. Gerold Schneider.

Schneider arbeitet im Bereich der Hochleistungskeramik. Zusammen mit seinen Mitarbeitern versucht er zum Beispiel, den hochkomplexen Strukturen des natürlichen Zahnschmelzes mit künstlichem Material zumindest soweit nahezukommen, dass der künstliche Werkstoff ähnliche Eigenschaften aufweist. Die Arbeit mit keramischem Material brachte Schneider vor gut einem Jahr zum an der Universität Hamburg angesiedelten Cluster der Manuskriptforschung.

Rund 50 Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachbereichen bearbeiten bislang das Forschungsfeld. Dabei geht es um Schriftartefakte aus den Anfängen in Mesopotamien bis zum digitalen Zeitalter. „Einige der altertümlichen Schriftartefakte sind aus Ton oder Stein. Wir können einen Beitrag dazu leisten, dass sie über die chemischen und physikalischen Analysen hinaus in ihrer Struktur untersucht werden“, sagt Schneider.

Naturmaterialien und technische Werkstoffe sind aus kleinsten Strukturen, sogenannten Körnern, zusammengesetzt. Bei Steinen, etwa Marmor, ähnelt die Struktur unter dem Mikroskop einer Wand aus Backsteinziegeln. Wird die Oberfläche des Steins zum Beispiel für eine Inschrift mit einem Meißel bearbeitet, so hinterlässt das in den Mikrostrukturen Spuren. Diese können Aufschluss über die Art der Steinbearbeitung geben. Mit Glück könne es möglich sein, bei Artefakten, deren Inschriften durch Erosion nicht mehr lesbar sind, anhand der Mikrorisse zwischen den Körnern unterhalb der ehemaligen Einkerbungen die Schriftzeichen zu rekonstruieren, hofft Schneider.

Bislang hat er in Zusammenarbeit mit Prof. Jochen Schlüter vom Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg erste Vorversuche an einem typischen Marmorblock unternommen. Diesen ließ er von einem Steinmetz mit einem Meißel bearbeiten. Auch in Zukunft werden vermutlich keine historischen Artefakte an der TUHH untersucht werden können, denn dazu müssten sie zerstört werden. Vielmehr geht es darum, an typischen Marmorproben herauszufinden, welche „Rissmuster“ das Einmeißeln von Schrift im Stein hinterlässt. Ist dies bekannt, dann könnten mit optischen Verfahren in Artefakten nachgewiesene Mikrorisse Aufschluss über die Steinbearbeitung bis hin zu den Inschriften geben.

Im November treffen sich die leitenden Forscher des neuen Exzellenzclusters erstmals, um festzulegen, wie sie das große Forschungsfeld gemeinsam beackern wollen – die Zahl der Beteiligten soll auf fast 300 wachsen. Unabhängig davon sieht Schneider ein weiteres Anwendungsfeld für seine Untersuchungen am Marmor: „Für Hersteller von Bohrhämmern ist es interessant zu verstehen, wie Gestein bei dynamischer Belastung geschädigt und abgetragen wird.“