Harburg
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Sport im Binnenhafen – Ran an die Riemen!

Der Harburger Binnenhafen bietet Ruderern optimale Voraussetzungen: kaum Tide, Schutz vor Sturm und Wellengang sowie eine spannende Kulisse

Der Harburger Binnenhafen bietet Ruderern optimale Voraussetzungen: kaum Tide, Schutz vor Sturm und Wellengang sowie eine spannende Kulisse

Foto: Hanna Kastendieck

„Die Fitmacher“ stellen Menschen vor, die uns in Bewegung bringen. Heute: Uwe Berger, der Rudertalente aus zu Meistern macht.

Eine skurrile Szene: Auf der einen Seite die riesigen Hallen eines Hamburger Bauunternehmens. Auf der anderen die alte Holzklappbrücke aus den 1930er Jahren. Dazwischen alte Lagerhallen, gewaltige Strommasten und ein kleiner Steg. Gerade so groß, dass zwei Rennboote dort anlegen können. Uwe Berger und seine Schüler lassen die Skiffs zu Wasser, schnallen die Füße fest in die Ruderschuhe und legen ab. Mit sanften, gleichmäßigen Schlägen gleiten die Boote vom Holzhafen in den Lotsekanal. Vorbei an Kränen, Kaimauern, alten Industrieanlagen und modernen Bürogebäuden.

Es ist eine ungewöhnliche Ruderstrecke, die sich hier anbietet. Doch für Trainer Uwe Berger und seine Sprösslinge bietet sie perfekte Trainingsvoraussetzungen. Weil das Wasser ruhig ist, ohne starke Strömung und Tidenhub und die Kanäle auch bei schwierigen Windverhältnissen problemlos zu befahren sind. Seit 2011 bietet der erfahrene Sportler regelmäßig Jugend- und Erwachsenentraining im Harburger Binnenhafen an. Zwei- bis dreimal wöchentlich treffen sich die Sportler zum gemeinsamen Sporttreiben am Lotsekai 1. An den Wochenenden sind sie auf Regatten unterwegs.

Dass im Harburger Binnenhafen wieder professionell gerudert werden kann, ist einer Kooperation mit dem Sportverein Grün-Weiss Harburg zu verdanken. Denn der Ruderclub Phönix, den Uwe Berger mit seinem Kollegen Stefan Ecks 2011 am Lotsekai gegründet hatte, wurde 2015 aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung und weiterer qualifizierter Trainer aufgelöst. Und dass, obwohl der Club mit Sven-Eric Berger ein Jahr zuvor einen deutschen Meister hervorgebracht hatte.

Bis dato wurden acht Jugendliche und zwölf Leistungssportler bis 21 Jahre von Uwe Berger betreut. Bei der Schließung waren damals insgesamt 45 Mitglieder betroffen. Aufrecht erhalten blieb zunächst nur das Schulrudern, eine Kooperation mit der Goethe-Schule Harburg und dem Heisenberg-Gymnasium. Erst im vergangenen Jahr konnte der Ruderbetrieb auf dem Gelände am Holzhafen wieder aufgenommen werden. „Als mich die Kollegen vom Grün-Weiss Harburg ansprachen, ob ich zu einer Kooperation mit dem Verein bereit sei, habe ich keine Minute gezögert“, sagt Uwe Berger.

Seitdem treibt der 56-Jährige, wie gewohnt, ambitionierte Ruderer zu Höchstleistungen auf dem Wasser. „Weil er motivieren kann wie kein Zweiter“, sagt Ruderer Henrik Stöver. „Er ist ein lockerer Typ mit viel Humor. Aber wenn’s drauf ankommt, bringt er die nötige Strenge mit.“ Und darüber hinaus Erfahrung en masse. Denn Berger ist seit 38 Jahren als Rudertrainer unterwegs.

1980 hat er seinen C-Schein gemacht. Da war er 18 Jahre alt und selbst im Leistungssport erfolgreich. Bei den Deutschen Meisterschaften auf der Olympia-Regatta-Strecke in München erreichte er im Doppel-Zweier im Leichtgewicht den sechsten Platz. Zwei Jahre zuvor hatte er im Einer einen 5. Platz bei der Deutschen Meisterschaft erkämpft. Er hätte vielleicht mehr erreichen können, hätte er den Sport als Lebensmittelpunkt gewählt.

Doch er entscheidet sich dagegen. Und so bleibt es bei mehrfachen vorderen Platzierungen bei den Deutschen Meisterschaften. Er trainiert in Bremerhaven, später, nach seinem Umzug, in München und ab 2000 in Bremen. Zweimal täglich ist er auf dem Wasser. 1997 kommt Sohn Sven-Eric auf die Welt. Die Leidenschaft für’s Rudern gibt sein Vater ihm mit auf den Weg. Er ist sein Vorbild und langjähriger Trainer. Inzwischen rudert Sven-Eric in Hamburg an der Alster und gehört zu den großen Nachwuchstalenten im Deutschen Rudersport.

Sein Vater aber macht in Harburg weiter. Und arbeitet daran, neue Talente zu entwickeln. Dienstags und donnerstags sind offizielle Trainingszeiten am Lotsekai. 42 Boote stehen den Ruderern zur Verfügung. Alle Bootsklassen sind vorhanden, vom Einer bis zum Achter. Anders als seine Kollegen begleitet Berger die Sportler nicht per Motorboot auf dem Wasser, sondern rudert entweder selbst mit oder gibt die Kommandos und Tipps vom Ufer aus. „Ich muss nicht schreien, es reicht, wenn ich normal spreche“, sagt er. „Die Sportler verstehen mich.“

Anfänger trainieren zunächst im breiten Einer. Das Boot ist unkenterbar. Später geht es in den schmalen Einer, nachdem die Teilnehmer intensiv Bewegungslehre am Steg bekommen haben. „Dennoch kippt auch mal einer um“, sagt Matthies. Er ist 14 und seit drei Jahren dabei. Zweimal war er seitdem schon Hamburger Meister. Im vergangenen Jahr erreichte er im Einer bei den Deutschen Meisterschaften den siebten Platz. „Ich bringe offenbar gute Voraussetzungen mit“, sagt er. „Und ich habe vor allem richtig Spaß.“

Auch Henrik Stöver kommt regelmäßig zum Training an den Lotsekai. Stöver ist 35 Jahre alt und selbstständig. Sein Ingenieurbüro liegt ganz in der Nähe. „Wenn ich einen Ausgleich zur Arbeit brauche, setze ich mich ins Boot“, sagt er. „Nach einer Stunde auf dem Wasser bin ich rundumerneuert.“ Und er tut nebenbei seinem Körper etwas Gutes. Denn Rudern ist ein durch und durch gesunder Sport.

„Rudern trainiert den ganzen Körper und beansprucht alle Muskelgruppen, Beine, Rumpf, Arme, Schultern“, sagt Uwe Berger. „Dabei geht es nicht um Maximalkraft, sondern um Ausgeglichenheit, also ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kraft und Ausdauer.“ Positiver Nebeneffekt: Die Ganzkörpersportart trainiere die langen Muskeln, was für einen ästhetischen Körperbau sorge.

„Für den Anfänger geht es schlicht um etwas Bewegung an der frischen Luft“, weiß Trainer Uwe Berger. Rudern sei ein Sport für Menschen, die gern in der freien Natur unterwegs sind. „Das kann man im Ruderboot das ganze Jahr über sein. Höchstens Eisbildung oder Gewitter verhindern das.“ Ruderin Annika schätzt darüber hinaus den Teamgeist, der zum Rudern gehört.

Denn wenn acht Leute gemeinsam in einem Mannschaftsboot sitzen, muss die Schlagzahl harmonieren, sonst läuft das Boot nicht. „Andererseits ist Rudern auch was für Ego-Sportler, die sich auspowern wollen“, sagt Uwe Berger. „Jeder kann sich individuell belasten, auch in einem Mannschaftsboot. Hauptsache die Bewegung ist harmonisch.“

Ein weiterer Vorteil beim Rudern: Der Sport ist überwiegend gelenkschonend und kann deshalb auf Breitensportniveau bis ins hohe Alter betrieben werden. „Rudern hält jung“, sagt Uwe Berger. Er selbst ist bestes Beispiel. 2005 erreichte er im leichten Vierer den dritten Platz, bei der Bestenermittlung der Masters in Berlin belegte er jüngst den Zweiten Platz im Doppelzweier. Und Ende Juli will er erneut angreifen. Mit seinem langjährigen Teamkollegen Uwe Hollmann geht er bei den Euromasters in Oberschleißheim an den Start. Die beiden Herren, Jahrgang 1961 und 1962, rechnen sich Chancen aus.

Der Sport

Rudern ist die wohl gesündeste Sportart der Welt. Der menschliche Körper wird von rund 650 Muskeln bewegt, nahezu alle davon werden beim Rudern beansprucht.

Die meiste Arbeit beim Rudern fällt den Beinen zu, auch Arme, Hüfte, Rücken und Oberkörper werden, wie man danach deutlich spürt, stark beansprucht. Insbesondere die Region Bauch, Beine und Po wird extrem gefordert.

Um die parallel arbeitenden Muskelschleifen etwa vom Arm über Oberkörper, Hüfte bis hin zu den Beinen in den Griff zu bekommen, braucht es Übung. Die Aneinanderkettung dieser Muskelbewegungen macht Rudern zu einer der koordinativ anspruchsvollsten Sportarten überhaupt.

Ausdauer wird ebenso effektiv trainiert wie bei den für diesen Zweck häufig gewählten Sportarten Laufen oder Schwimmen.

Der Wassersport ist für nahezu jeden geeignet. Nur Epileptiker und Menschen mit Wirbelsäulenproblemen oder anderen bereits bestehenden Verletzungen sollten Vorsicht walten lassen. Wer rudern möchte, sollte mindestens zehn Jahre alt sein.

Die Technik

Seit der Antike ist Rudern bekannt und gilt als eine der ältesten Sportarten überhaupt. Die Engländer riefen 1715 den ersten sportlichen Ruderwettbewerb der Neuzeit aus, die Disziplin ist seit 1900 auch olympisch.

Im Rudersport unterscheidet man das „Skullen“ vom „Riemenrudern“. Bei Ersterem hält der Sportler mit jeder Hand ein Ruder, beim Zweiten ein Ruder mit beiden Händen. Je nach Klasse können ein bis acht Athleten in einem Boot sitzen.

Beim „Skullen“ sitzt der Sportler mit dem Rücken in Fahrtrichtung auf einem Rollsitz und zieht zwei Ruder zu sich. Dabei wird das Ruderblatt bei jedem Schlag um 90 Grad gedreht.

In Hamburg gibt es aktuell rund 5600 Mitglieder in 22 Clubs. In Harburg bietet der Verein Grün-Weiss Harburg Ruderkurse im Binnenhafen an. Treffpunkt: Lotsekai 1. Infos: www.gwharburg.de. Der Ruderclub Süderelbe e.V. auf der Pionierinsel hat sein Revier auf der Süderelbe. Infos: www.rc-suederelbe.de.

Voraussetzung für das Rudern ist, schwimmen zu können. Mitzubringen sind eng anliegende Sportkleidung und flache Sportschuhe, Sonnenschutz, Wechselsachen und Handtuch.