Harburg
Adolphsens Einsichten

„Besinnen wir uns auf christliche Bräuche!“

Das Osterreiten hat in Sachsen große Tradition. Die Reiter gelten als Überbringer der Osterbotschaft

Das Osterreiten hat in Sachsen große Tradition. Die Reiter gelten als Überbringer der Osterbotschaft

Foto: Patrick Pleul / dpa

Der emeritierte Michel-Pastor Helge Adolphsen beleuchtet in seiner Kolumne Osterrituale abseits von Eiersuche und Osterfeuer.

Harburg.  Zu Ostern gehören die vielen alten Osterbräuche: Ostereier, bunt bemalt, aus Marzipan oder Schokolade. Der Osterhase, Symbol der Fruchtbarkeit, des neuen Lebens und der Auferstehung, die Osterfeuer.

Ich bin auf eine Entdeckungsreise gegangen. Auf der Suche nach Bräuchen, die sich sehr direkt auf die Bibel und die christliche Tradition beziehen, aber weithin unbekannt sind. Es lohnt sich, die Wurzeln unserer traditionellen Bräuche freizulegen. Nicht in nostalgischer Rückschau. Wohl aber, um der Geschichtsvergessenheit und der Unkenntnis so vieler über das Christentum zu begegnen. Nach dem klugen Satz des Philosophen Sören Kierkegaard: „Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts.“

Überall in der Welt, wo Ostern gefeiert wird, liegt der Ursprung des Feierns in der Freude der ersten Christen über die Auferstehung Jesu. Seit frühester Zeit beginnt der österliche Festkreis 40 Tage nach der Passions- und Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch anfängt. 40 ist eine geprägte biblische und symbolische Zahl. Sie weist hin auf die 40 Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste in die Freiheit und das gelobte Land zog. Ebenso auf die 40 Tage, die Jesus vor Beginn seines öffentlichen Wirkens in der Wüste fastete.

Den besonderen Ostergruß habe ich in Griechenland und Russland erlebt. Die Menschen begrüßen einander mit dem Ruf: „Christos aneste!“ Und der so Angesprochene erwidert: „Ho alithos aneste.“ Deutsch: „Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.“ Interessant ist, dass das russische Wort für Sonntag „woskresenje“ ‚Auferstehung‘ bedeutet. Das war selbst in den finsteren antichristlichen Zeiten unter Stalin so. Jeder Sonntag erinnert wie bei uns an die Auferstehung. Dieser Gruß findet sich wörtlich als österlicher Jubelruf im Lukas-Evangelium.

Die drei Tage von Karfreitag bis Ostersonntag werden jeweils besonders begangen. Karfreitag ist der stille Tag, der Tag des Todes Jesu. Sonnabend ist der Tag der Grabesruhe und des Schweigens. In der Osternacht um Mitternacht beginnt das Osterfest. Bis dahin schweigen seit Karfreitag die Glocken.

Wenn am Ostermorgen die Sonne aufgeht, werden die ersten Ostergottesdienste gefeiert. Die Morgenröte ist zum Symbol der Auferstehung geworden. Ich habe das faszinierend vor Jahren im Michel erlebt. Um 6 Uhr stiegen wir aus der nur mit Kerzen erleuchteten Krypta, in der die alten Gräber sind. Im langen Zug zogen wir singend in die noch dunkle Kirche. Dort hörten wir auf die biblischen Berichte: Die Frauen kamen zum Grab „am ersten Tag der Woche sehr früh, als die Sonne aufging.“ Genau in diesem Augenblick brach die Sonne durch die großen Fenster und ließ die Kirche und die Gesichter erstrahlen. Da war es für mich Ostern: Licht, Leben, Strahlen und Osterfreude! Anschließend habe ich zwei Erwachsene getauft. In der frühen Christenheit wurde nur zu Ostern getauft. Die Taufe ist ein tiefes und sinnliches Zeichen für das Wunder des neuen Lebens..

Wasser ist Leben. Ohne Wasser kein Leben. So gehört zu Ostern das Osterwasser. In Schweden gehen Frauen in der Osternacht heimlich und schweigend zu einer Quelle, um das Osterwasser zu holen. Wenn sie es schaffen, unentdeckt zu bleiben und mit dem Wasser ihren Liebsten zu benetzen, dann erobern sie sich seine Liebe. Ein hübscher Brauch. An ihm wird deutlich, wie sich christliche Motive mit dem Brauchtum des Volkes verbinden.

Biblisch tiefer begründet sind das Osterbrot oder der Osterkuchen in der Form eines Lammes. Im Alten Testament ist das Schaf ein bevorzugtes Opfertier. Aber es ist zugleich auch ein Symbol für das Leben, denn es gibt Wolle. Das Lamm wird auch zum Symbol des leidenden Gottesknechts, das Volk Israel. Im Neuen Testament wird es auf Jesus bezogen, der wie ein Lamm zur Schlachtbank geht und sich aus Liebe zu den Menschen hingibt. In manchen Gegenden hat sich daraus ein schöner Brauch entwickelt. Nach Gottesdiensten, aber auch während der Ostertage, bringen Menschen das geweihte Osterbrot zu kranken Menschen, die nicht zum Gottesdienst kommen können.

In anderen Gegenden gibt es das alte religiöse Ritual des Osterreitens in Form einer Prozession. Bis heute wird es im katholischen Teil der Oberlausitz gepflegt, auch in Alt-Bayern und Franken. Bis zu 450 Reiter ziehen durch die Dörfer der Region. Die Männer im Gehrock und mit Zylinder auf festlich geschmückten Pferden. Vorneweg die Fahnenträger und die Träger der Christusstatue und des Kreuzes. Sie verstehen sich wie die Frauen als die ersten Zeugen und Verkündiger im Neuen Testament: Sie sind Boten der Auferstehung und der Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod. Damit überall und selbst im kleinsten Dorf für alle Ostern zu einem Fest und einer Feier des Lebens wird.