Harburg
Street Art

Harburgs größtes Kunstwerk steht in der Haake

Urban Art Künstler Gerrit Fischer alias Brozilla vor seinem diesjährigen Weihnachtsbild an einer Hangschutzmauer in der Harburger Haake

Urban Art Künstler Gerrit Fischer alias Brozilla vor seinem diesjährigen Weihnachtsbild an einer Hangschutzmauer in der Harburger Haake

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Die Sprayer Brozilla und Foks provozieren zur Adventszeit mit ihrem Gemälde zur „Faulen Weihnacht“ – und das mitten im Wald.

Heimfeld.  Ein 120 Quadratmeter großes Graffito mitten im Wald? An einer Hangschutzmauer in der Harburger Haake gibt es das schon seit acht Jahren. Spaziergänger und Wanderer schauen da gern vorbei. Vor allem in der Adventszeit. Weil es dann stets ein neues Motiv gibt. Das nicht selten Anlass für heiße Diskussionen bietet.

Seit dem vergangenen Wochenende finden sich dort die beiden berühmten Engel aus Raffaels Meisterwerk „Sixtinische Madonna“. In der Alltagskultur ist das Duett längst deutlich präsenter und sehr viel populärer als die Übermutter des Christentums. Als eigenständiges Motiv tauchen die beiden nicht nur in zig Kampagnen der Werbewirtschaft auf, sie zieren auch Abermillionen Postkarten und Poster.

So putzig kommen die pausbäckigen Putten in der Haake aber nicht rüber. Im Gegenteil. Mit Nasenpiercing und etlichen Tattoos versehen, haben ihnen ihre Schöpfer eine zeitgemäße Interpretation angedeihen lassen – und in einen neuen Kontext gesetzt. Als „working class losers“ sind sie zu Symbolfiguren der „Faulen Weihnacht“ geworden.

„Genau daran haben sich die ersten Kritiker unseres aktuellen Gemeinschaftswerkes schon gerieben“, berichtet Gerrit Fischer, alias Brozilla, der das Graffito zusammen mit seinem Künstlerkollegen Florian Müller, alias Foks, kreiert hat. „Sie haben es als Kritik am heiligen Fest aufgefasst. Als würden wir den Menschen die weihnachtliche Ruhe und Beschaulichkeit nicht gönnen“, so Fischer.

Genau das Gegenteil sei aber der Fall. „Unser Werk soll viel mehr als Aufforderung verstanden werden, sich endlich mal frei vom ständigen Leistungsdruck zu machen und sich zu erholen“, sagt Müller, der sein Geld vor allem als Tätowierer verdient. Insofern dürfe das Großgraffito gern auch als Plädoyer für die „Randgruppen von Leistungsverweigerern“ interpretiert werden, ergänzt Fischer: „Ich jedenfalls solidarisiere mich in dieser Zeit gern mit gefallenen Engeln. Die wir als Menschen seit dem Sündenfall doch alle irgendwie sind.“

Für Brozilla und Foks, die sich vor acht Jahren an der Hangschutzmauer in der Haake das erste Mal getroffen haben, sind die Engel auch eine Reminiszenz an ihren Streetart-Künstlerkollegen „Rose“, der in diesem Jahr gestorben ist. Weshalb der eine Engel das bekannte Kürzel „RIP“ (Rest in Peace/Ruhe in Frieden) als Tätowierung auf dem Oberarm trägt, der andere eine schwarze Rose.

Vor zwölf Monaten hatten Brozilla und Foks manch Haakengänger mit einem überdimensionalen Santa Claus samt Schriftzug irritiert, wonach es den Weihnachtsmann doch gar nicht gebe. Was prompt zu einer hitzigen Debatte über den Mythos dieser Figur führte.

Besorgte Mütter monierten im sozialen Netzwerk Facebook, es sei völlig daneben, den Kindern diese Illusion zu rauben. Andere konterten, das sei doch wieder nur so eine „Verschwörungstheorie“. Und dann hat es noch militante Weihnachtsmannfans gegeben, die gleich selbst Hand anlegten, um den „Frevel“ zu korrigieren. Die Wörter „gar nicht“ wurden einfach überpinselt und in Rot durch das Wort „wohl“ ersetzt.

„Als Streetart-Künstler sehe ich meine Aufgabe darin, Stolpersteine im öffentlichen Raum zu hinterlassen, die die Menschen aus ihrer Alltäglichkeit bringen, Emotionen erzeugen und zu Diskussionen anregen“, sagt Gerrit Fischer. Urbane Kunst wähle ja bewusst eine Plattform außerhalb von Galerien und Museen, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Seine Art von Sendungsbewusstsein hat Brozilla längst zu einem auch international gefragten Künstler gemacht. So weilte er im August dieses Jahres auf Einladung der Stadtverwaltung von Hamtramck, einem Vorort von Detroit, im Mutterland der Graffiti-Kunst, um dort Riesenflächen an der Hauptverbindungsstraße zwischen beiden Städten zu gestalten. „Das war eine grandiose Erfahrung für mich. Bei 39 Grad habe ich bis zu zwölf Stunden gesprüht, doch die Zeit ist wie im Flug vergangen“, berichtet er. Muslime hätten ihn mit Essen versorgt, Schwarze brachten Getränke vorbei. So sei unter anderem ein Schlüsselwerk dieser Reise entstanden, in dem er die friedliche Koexistenz zwischen den Weltreligionen und Kulturen beschwor. Ein Thema, das ihn seit vielen Jahren umtreibt und prägt.