Harburg
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„Herrnhuter Stern“ leuchtet zum Advent

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen

Foto: Michael Rauhe

60 Mitarbeiter fertigen in Handarbeit 250.000 Sterne pro Jahr

In fast allen Kirchen leuchtet er mit seinem sanften Licht vom 1. Advent an, der Herrnhuter Weihnachtsstern. Für viele Familien sind Advent und Weihnachten ohne ihn nicht denkbar. Sie hängen ihn ins Fenster, so dass er weithin zu sehen ist.

Ein besonderes Exemplar mit einem Durchmesser von 1,90 Metern leuchtet aus der „Steinernen Laterne“ der Dresdner Frauenkirche. Seit dem 1. Advent 2004 wird er jedes Jahr in luftiger Höhe zusammengebaut.

Der „Herrnhuter Stern“ hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Nikolaus Graf von Zinzendorf, ein frommer Pietist, gewährte mährischen Glaubensflüchtlingen 1722 auf seinem Gut Berthelsdorf in der Oberlausitz Asyl. Die Protestante wurden im Zuge der Gegenreformation verfolgt. Der Name „Herrnhut“ leitet sich davon ab, dass die Mitglieder dieser Gemeinde sich „unter des Herrn Hut“ sammelten (womit keine Kopfbedeckung gemeint ist!). Sie gründeten dort die „Herrnhuter Brüdergemeine“ Kurz danach begann ihre Missionsarbeit.

Die Kinder der Missionare blieben zu Haus in den Internaten. Die Herrnhuter waren im 19. Jahrhundert bekannt für eine anspruchsvolle Pädagogik und ihre guten Schulen. Im Internat von Niesky soll ein Lehrer den Stern mit den 25 Zacken entworfen haben, um den Jungen die mathematische Berechnung eines Körpers an vielen Flächen nahezubringen. Der Stern hat 7 viereckige und 8 dreieckige Zacken.

Ende des 19. Jahrhunderts taucht der Begriff des Weihnachtsterns zum ersten Mal auf. Die Söhne der Missionare hatten in der Advents- und Weihnachtszeit natürlich Sehnsucht nach ihren Eltern, die weltweit unterwegs waren. Sie bastelten in dieser Zeit den Stern und sangen mit ihren Lehrern das Lied „Morgenstern auf finstre Nacht…“ Der Weihnachtsstern soll auf den Stern von Bethlehem verweisen, der den drei Weisen bzw. Königen den Weg zur Krippe zeigte.

Zum anderen wird in alten Liedern Christus als Morgenstern bezeichnet. Der erste Stern war übrigens weiß und rot. Weiß steht für Reinheit, Rot für das Blut Christi, das Leben bedeutet.

1894 ging der Herrnhuter Stern in Serie. Kaufen konnte man ihn zunächst nur in Herrnhut. In der Buch-, Kunst-, Musikalien- und Papierhandlung von Pieter Henrik Verbeek. Das Produkt war ein Bastelbogen.

Der clevere Verbeek ließ sich den Stern patentieren und schloss mit der Herrnhuter Brüdergemeine einen Vertrag. So kam es schließlich zur Gründung der ersten Sternemanufaktur. In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts ging der Verkauf der Sterne zurück. Und 1935 wurden Sterne, christliche Symbole und Inhalte von den Nazis verboten. Rohstoffe wurden knapp. Jetzt herrschte die Wehrwirtschaft.

Nach dem Kriegsende 1945 war der Neuanfang mühevoll. In der Herrnhuter Fabrik wurden zunächst Drahtkörbe, Brotbackformen und Aktentaschen aus Pappe hergestellt. Aber die schöne Tradition des Sterns war nicht vergessen.

Seine Symbolik hatte sich tief in die Herzen und das Brauchtum eingegraben: Der Stern ist Symbol der Hoffnung und des Lichts. Jenes Lichts, das mit Christus in die Welt gekommen ist und die Dunkelheit erhellt. So heißt es im Johannesevangelium von Christus: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Die Nachfrage stieg langsam und stetig. Aber ab 1956 wurden die Sterne offiziell vom „Volkseigenen Betrieb Oberlausitzer Stern- und Lampenschirmfabrik“ gegen Devisen auch in den Westen verkauft. Herrnhut, der Ursprungsort der Freikirche, durfte nicht mehr genannt werden. Dazu passt, dass es offiziell in der DDR keine Engel mehr geben durfte. Die wurden nun zu „geflügelten Jahresendfiguren“.

Nach der Wende wieder ein Neustart. Zunächst fuhren zwei Mitarbeiter mit ihrem Trabbi und einem Tapeziertisch auf Weihnachtsmärkte. Das Geschäft kam nur schleppend in Gang. Aber nach und nach entstand ein Vertriebsnetz. Vor allem sorgten die Auslandskontakte der Brüdergemeine für die Ausweitung des Geschäfts. Heute hat die Herrnhuter Kirche 6000 Mitglieder in Deutschland, in Afrika, Nord- und Mittelamerika und weltweit insgesamt eine Million Mitglieder.

In Herrnhut werden jährlich 250.000 Sterne produziert. 60 Mitarbeitende fertigen in Handarbeit die Sterne. Sie werden unterstützt durch Werkstätten für Menschen mit Behinderungen.

2011 wurde eine alte Tradition wieder aufgenommen. Vor dem neuen Gebäude der Manufaktur steht ein großer Weihnachtsbaum. Am Vorabend des 1. Advents schaltet das „Sternkind“ die Lichter an.

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michel. Er lebt mit seiner Familie in Hausbruch. Seine Kolumne erscheint im Zwei-Wochen-Rhythmus in der Regionalausgabe des Hamburger Abendblattes.