Harburg
Phänomen

Chefarzt warnt vor E-Zigaretten

Dr. Gunther H. Wiest, Chefarzt der Lungenabteilung Asklepios Klinik Harburg

Dr. Gunther H. Wiest, Chefarzt der Lungenabteilung Asklepios Klinik Harburg

Foto: Thomas Sulzyc

Harburger Gesundheitskonferenz: Jugendliche greifen vermehrt zu Drogen im Gewand von Lifestyle-Produkten. Sie gelten als schick.

Neugraben-Fischbek.  Allein in unmittelbarer Nachbarschaft zum Harburger Rathaus haben drei Shisha-Bars eröffnet und buhlen um die meist junge Kundschaft. „Ich wäre froh, wenn der Bezirk ein paar Shisha-Bars in Harburg schließen würde“, sagt Dr. Gunther H. Wiest. Natürlich weiß der Mediziner, dass dies ein Wunsch bleibt, weil das Gewerbe legal ist. Aber der Chefarzt der Lungenabteilung an der Asklepios Klinik Harburg bringt so seine Sorge zum Ausdruck, dass neue Erscheinungsformen des Rauchens die Erfolge bei der Eindämmung des Tabakkonsums wieder zunichte machen.

Mit „modernen Drogen“ hat sich jetzt die Harburger Gesundheitskonferenz im Bildungs- und Gemeinschaftszentrum Süderelbe in Neugraben-Fischbek beschäftigt. E-Shishas und E-Zigaretten gelten bei vielen Jugendlichen als cool. Der Qualm kommt als gesund getarnt in allen Geschmacksrichtungen aus der elektrischen Pfeife: Pfirsich, Mango oder Apfel. „Man denkt, man sei im Obstladen“, sagt Dr. Wiest.

Der Shisha-Trend, egal ob konventionell oder in der E-Variante, ziele auf junge Leute ab. Das gesellige Ritual um die Pfeife schaffe Akzeptanz für das Rauchen. Dadurch würden Jugendliche wieder an das Rauchen herangeführt, warnt der Lungenexperte. Er nennt alarmierende Zahlen: 57 Prozent der 16 Jahre alten Männer und 47 Prozent der 16 Jahre alten Frauen hätten schon Wasserpfeife geraucht. „Shisha ist ein Massenphänomen“, sagt Dr. Wiest.

Dabei ist es Medizinern, Drogenberatern, Sozialarbeitern und Gesundheitspolitikern gelungen, den Tabakkonsum bei Kindern und Jugendlichen deutlich zurückzufahren. Nur noch 10,5 Prozent der männlichen 12- bis 17-Jährigen seien Raucher. Nicht einmal jede zehnte junge Frau in dem Alter qualmt noch konventionelle Zigaretten. Offenbar hat sich die Nachricht glaubhaft herumgesprochen: „Wer täglich 20 Zigaretten raucht, lebt sieben Jahre kürzer als ein Nichtraucher“, sagt Dr. Gunther H. Wiest.

Die E-Zigarette könnte den Trend umkehren. Die Inszenierung als Lifestyle-Produkt trage dazu bei, dass die Akzeptanz des Rauchens wieder steige, sagt der Experte. Mittlerweile gibt es sogar E-Zigaretten, die Musik vom Smartphone abspielen können. Zahlen aus dem Handel bestätigen: Das Geschäft mit E-Zigaretten in Deutschland wächst. Im Jahr 2014 seien mehr als 200 Millionen Euro umgesetzt worden – nach etwa 100 Millionen Euro in 2013. Das berichtete das Nachrichtenmagazin „Focus“.

Der Chefarzt der Lungenabteilung an der Asklepios Klinik Harburg räumt ein, dass in E-Zigaretten weniger Verbrennungsgifte enthalten seien als in konventionellen Zigaretten. „E-Zigaretten zu rauchen ist aber deutlich schlechter, als gar nicht zu rauchen“, sagt er. Ursprünglich ist die E-Zigarette entwickelt worden, um Raucher „sanft“ vom Tabakkonsum zu entwöhnen. Hersteller würden das gerne betonen. Dr. Wiest lässt das Argument nicht gelten: „Es gibt keinen Beleg dafür, dass jemand durch E-Rauchen vom Rauchen abgebracht wird“, sagt er.

Tatjana Elwert von der Mobilen Suchtberatung Harburg-Süderelbe mit Sitz in Neugraben hat es zunehmend mit anderen „modernen Drogen“ zu tun. Sogenannte „Legal Highs“ bereiten Medizinern und Drogenberatern immense Sorgen. Das sind psychoaktive Substanzen in Form von Kräutermischungen, sogenannte „Badesalze“ mit stimulierender Wirkung und Forschungschemikalien. Sie sind spielend einfach im Internet erhältlich. Skrupellose Hersteller würden bewusst falsche Inhaltsstoffe angeben, sagt Tatjana Elwert. „Legal Highs“ versprechen „volle Dröhnung“. Wie das enden kann, berichtet die Suchtberaterin von einem ihrer Klienten: Der habe 18 Stunden lang im Bett gelegen und tanzende Pinguine an der Decke beobachtet.

Wie man den Reiz am Konsum moderner Drogen brechen könne, sagt der Vater zweier Töchter am Ende der Gesundheitskonferenz: „Schule muss wieder einen Tick cooler werden, damit wir unsere Kinder begeistern können“, sagt er. Die nächste Harburger Gesundheitskonferenz am 19. September beschäftigt sich mit etwas, das Jugendliche in Verzweiflung treibt: Cybermobbing ist dann das Thema.