Harburg
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Binnenhafen wächst im Westen

Die Blohmstraße im Binnenhafen bietet eine spannende Mischung aus Tradition und Moderne. Und das Projekt Tower 5 will mit ihr hoch hinaus.

Sie steht oft im Schatten der Harburger Schloßstraße, ihrer größeren und älteren Schwester: Die Blohmstraße mausert sich allmählich zum begehrten Westend des Harburger Binnenhafens. Moderne Bürogebäude mit dem „Goldfisch“ als Aushängeschild stehen zwischen Gründerzeit-Villen aus dem späten 19. Jahrhundert und dem noch älteren Speicher am Kaufhauskanal.

Seit zwei Jahren residiert mit Becker Marine Systems einer der weltweit führenden Hersteller von Ruderanlagen an der Blohmstraße. Und spätestens wenn das Projekt Tower 5 von Arne Weber, Chef des Bauunternehmens HC Hagemann, Realität werden sollte, kommt die kleine Straße ganz groß raus.

In die Channel-Gebäude zogen Airbus-Entwickler und Ingenieurbüros ein

Den Anfang machten 2006 die Channel-Gebäude Nummer neun bis elf. Die modernen Bürohäuser aus dem Hause HC Hagemann sind – wie auch die Channel-Gebäude eins bis acht an der Harburger Schloßstraße und am Schellerdamm – Herzstücke der Entwicklung des Binnenhafens.

„Wir brauchten mehr Platz, vor allem für Airbus“, sagt Ingo Hadrych, Geschäftsführer bei HC Hagemann. „Als die drei Gebäude fertig waren, zogen die Ingenieure ein, die für den A380 die Kabinenelektrik entwickelten. Sie belegten etwa die Hälfte der Fläche. Die andere Hälfte nutzten Ingenieurbüros, die Airbus zuarbeiten.“

Die drei langgestreckten Channel-Gebäude an der Blohmstraße 10-14 ersetzten Hallen des Holz- und Kohlehändlers Max Brinckman. HC Hagemann hatte das Gelände bereits erworben, als Einstieg in die Entwicklung der Blohmstraße. Und machte nach Eröffnung des Bürokomplexes nebenan gleich weiter. Dieses Mal galt es, historische Bausubstanz in moderne Zeiten zu überführen.

An der Blohmstraße 18, auf dem hinteren Grundstücksteil zum Kaufhauskanal gelegen, steht der Backsteinbau einer ehemaligen Schmirgelpapier-Fabrik („Schmirgelfabrik“), erbaut im Jahr 1905. Das Fabrikgebäude ließ Arne Weber in den Jahren 2008/2009 aufwendig restaurieren und modernisieren, machte es zum Firmensitz von HC Hagemann.

Direkt an der Straßenfront desselben Grundstücks steht ein Schmuckstück der Blohmstraße: die Villa Lammerich, erbaut anno 1874. „Die Blohmstraße war Ende des 19. Jahrhunderts eine gehobene Wohngegend. Fabrikbesitzer bauten sich an der Ostseite repräsentative Villen. Sie waren von Gärten umgeben, die bis an den Kaufhauskanal heran reichten“, sagt die Historikerin Angelika Hillmer.

Sie arbeitet zum Binnenhafen und ist nicht zu verwechseln mit der Autorin dieses Artikels. Die Villa Lammerich ist eine von zwei Villen, die noch an der Blohmstraße stehen. Auch sie hat mit HC Hagemann den Sprung in die Moderne geschafft. Bis September 2015 residierte hier das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Derzeit werden für die über drei Geschosse verteilten 640 Quadratmeter Fläche ein (oder mehrere) Nachmieter gesucht.

Der „goldfisch im channel“ ist ein hochmodernes Bürogebäude

Die Experten des DLR zogen ein Haus weiter ins Goldstück der Straße: ein vierstöckiges, hochmodernes Bürogebäude mit gut 3000 Quadratmetern Nutzfläche, Teil der HC Hagemann-Immobilien. Das auffällige Gebäude trägt ein goldenes Schuppenkleid aus einer Kupfer-Aluminium-Zink-Legierung. Was zunächst nur als Arbeitstitel gedacht war, wurde zum offiziellen Namen: „goldfisch im channel“.

Der Goldfisch ist noch nicht ganz satt, es steht noch Bürofläche leer. Dort wird in einigen Monaten die Verwaltung der TuTech Innovation GmbH einziehen. Die TuTech fördert Firmengründungen von Absolventen der Technischen Universität. Die frei werdenden Räumlichkeiten des TuTech-Gebäudes an der Harburger Schloßstraße bieten dann Platz für Existenzgründer im Bereich der Umwelttechnologien unter dem Label ICGT (InnovationCampus Green Technologies).

Das Goldstück ist umgeben von historischen Gebäuden. Auf der einen Seite steht die Villa Lammerich, auf der anderen die Villa der Harburger Fabrikanten-Familie Lengemann. Der Enkel und ehemalige Procter & Gamble-Manager Rolf Lengemann, inzwischen gut 70 Jahre alt, hat die derzeit leer stehende Villa restauriert und sich nebenan einen Traum erfüllt: Hinter der Villa liegt ein alter Fachwerkspeicher aus dem Jahr 1827. Lengemann machte aus ihm eine Kultur- und Veranstaltungsstätte, in der Konzerte gegeben, Kongresse durchgeführt und sogar Hochzeiten abgehalten werden.

Der Speicher war Teil des einstigen Kaufhauses von 1826, das einige Meter weiter nördlich an der Neuen Straße/Buxtehuder Straße stand. 1881 musste es dem Eisenbahnbau weichen. Der Speicher blieb erhalten, wurde aber an seinen jetzigen Standort umgesiedelt. Nach Jahrzehnten des Verfalls und anschließender Renovierung begann am 30. Mai 2015 das zweite Leben des imposanten Fachwerk-Gebäudes.

Die Bilanz des ersten (Halb-)Jahres kann sich sehen lassen: 20 Kulturveranstaltungen sowie 30 Privatfeiern und Tagungen mit bis zu 400 Gästen sind nach Angaben von Speicher-Geschäftsführer Henry C. Brinker bereits abgehalten worden. Ein Drittel der Veranstaltungen seien ganz oder nahezu ausverkauft, ein Drittel etwa zur Hälfte ausgelastet gewesen.

Nur beim letzten Drittel kamen weniger als 100 Besucher. Anders als zunächst geplant, solle der Kulturspeicher von nun an ganzjährig betrieben werden, kündigt Brinker stolz an.

Die Blohmstraße hat einen ganzbesonderen „Wasseranschluss“

Ein weiterer Newcomer siedelt direkt gegenüber der Lengemannschen Villa: der Schiffbauausrüster Becker Marine Systems. Er gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Ruderanlagen und kaufte das 7000 Quadratmeter große Grundstück Blohmstraße 23 auf der westlichen Straßenseite.

Auch hier gibt es einen Wasseranschluss, und was für einen: Der Ziegelwiesenkanal ist der größte Kanal im Binnenhafen. „Becker Marine Systems ist ein weltweit tätiges Unternehmen mit 230 Mitarbeitern, davon mehr als 150 hier am Standort der Firmenzen­trale in der Blohmstraße“, sagt Geschäftsführer Dirk Lehmann.

Auf der Suche nach einem Bauplatz für einen Neubau des Hauptsitzes entschied sich das Unternehmen wegen der verkehrsgünstigen Lage zum Hamburger Hafen und der direkten Anbindung ans Elbwasser durch den Ziegelwiesenkanal für die Blohmstraße. „Die aktuelle Situation mit der stockenden Entwicklung des Reviers Harburger Binnenhafen und den erheblichen Beeinträchtigungen des Straßen- und Schiffsverkehrs sehen wir allerdings kritisch“, sagt Lehmann.

Der rund zehn Millionen Euro teure Firmensitz von Becker Marine Systems ist der erste große Neubau auf der Westseite der Straße. Doch nebenan deutet eine derzeit als Parkplatz genutzte Brachfläche an, dass hier die Entwicklung weitergehen könnte. Auch diese Fläche gehört HC Hagemann. Und hier hat deren Eigentümer Arne Weber im wahrsten Sinne des Wortes Großes vor: das Projekt Tower 5.

Es soll ein Bürokomplex mit drei- und viergeschossigen Gebäuden entstehen, die durch zwei imposante Türme ergänzt werden. Die 16- und 18-geschossigen Türme sollen zu neuen Landmarken werden und an die Getreidesilos des Futtermittelwerks Rami erinnern, die hier bis vor rund zehn Jahren noch standen.

„Etwa 20.000 Qua­dratmeter Bürofläche sollen im Tower 5 entstehen, dazu ein Parkhaus mit 1000 Stellplätzen in Richtung Seehafenbrücke. Noch suchen wir Mieter, um mit dem Bau beginnen zu können“, sagt Ingo Hadrych. Etwa 40 Prozent der Fläche müsse vorab vermietet sein, so der HC Hagemann-Geschäftsführer.

Der Hochhaus-Standort sei im Bebauungsplan verankert, so Hadrych. Der höhere der Türme wäre mit 65 Metern etwas niedriger als der Channel Tower am Schellerdamm (75 Meter). Wann der Turmbau an der Blohmstraße beginnen kann, steht noch nicht fest. Aber Weber betont immer wieder, dass die Entwicklung des Binnenhafens „noch längst nicht abgeschlossen, sondern weiterhin voll im Fluss“ sei.