Harburg

Mutter lässt Neugeborenes in Hamburger Klinik zurück

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Daniel Herder und André Zand-Vakili
Dr. Christopher Wenck ist seit Anfang 2015 ärztlicher Leiter des Mariahilf Klinikums. Er wollte sich nicht äußern

Dr. Christopher Wenck ist seit Anfang 2015 ärztlicher Leiter des Mariahilf Klinikums. Er wollte sich nicht äußern

Foto: Susanne Rahlf

Sollte das Kind an deutsche Eltern verkauft werden? Ukrainische Frau und „Dolmetscher“ verschwanden in der Nacht.

Hamburg. Ein neugeborener Junge ist von seiner leiblichen Mutter im Krankenhaus zurückgelassen worden. Kurz nach der Entbindung war die ukrainische Staatsbürgerin mit ihrem Begleiter abgetaucht. Der Junge, Georgy, wurde vom Jugendamt Harburg in Obhut genommen.

Die hochschwangere Ukrainerin war am 2. Juni in Begleitung eines „Dolmetschers“ in das Heimfelder Krankenhaus Mariahilf gekommen. Dort brachte sie ihren Sohn Georgy drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin anonym zur Welt. Da anonyme Geburten selten sind, wurde das Krankenhauspersonal hellhörig, zudem fiel auf, dass die Mutter wenig Interesse an ihrem Kind gezeigt hatte. Die Klinik zog eine Mitarbeiterin der Mütterberatungsstelle hinzu, die den „Dolmetscher“ im Zusammenhang mit einer vergleichbaren Geburt kannte.

Als der „Dolmetscher“ am Tag nach der Entbindung ankündigte, Mutter und Kind würden in einem Wohnmobil in Begleitung einer Ärztin in Richtung Ukraine gebracht werden, alarmierten die Klinikbeschäftigten den Kinder- und Jugendnotdienst.

„Sie hatten den starken Verdacht, dass mit dem Kind Handel getrieben werden soll“, erfuhr das Abendblatt aus Behördenkreisen. Bevor die Mutter und der „Dolmetscher“ befragt werden konnten, tauchten sie unter. Die Mutter verschwand noch in der Nacht von der Station. Den Säugling hat der Allgemeine Soziale Dienst Harburg vorläufig in einem Kinderschutzhaus untergebracht.

Die Polizei hat die Ermittlungen eingestellt: Anonyme Geburten würden in der Regel nicht verfolgt, sagen Ermittler, da kein Straftatbestand vorliegt – weder Kindesaussetzung, noch eine Verletzung der Fürsorgepflicht.

Insider gehen davon aus, dass das Kind bereits verkauft war. „Es kommt immer wieder vor, dass hier Frauen aus Ländern wie der Ukraine auftauchen, in denen Leihmutterschaft legal ist. Sie lassen sich in ihrer Heimat befruchtete Eizellen einsetzen und tragen das Kind aus. Zur Geburt kommen sie dann in das Land, in dem die zukünftigen Eltern des Kindes leben. Die bezahlen sämtliche Kosten wie Unterbringung, Untersuchungen und ähnliches und ein Honorar für die Leihmutter.“

Die Kinder selbst würden unmittelbar nach der Geburt an die Auftraggeber übergeben. Vorteil: Indem die neuen Eltern das Kind nicht im Ausland übernehmen, bleibt ihnen ein Grenzübertritt mit einem (fremden) Säugling erspart. Eine anonyme Geburt bewegt sich im Gegensatz zu einer „vertraulichen Geburt“ in einer rechtlichen Grauzone, wird aber in vielen Kliniken bei Frauen akzeptiert, die in „hilfloser Lage“ sind. Letztlich geht es darum, Kindstötungen und Kindesaussetzungen zu verhindern. Diese Regelung ist aber umstritten, unter anderem weil sie als potenzielles Einfallstor für Kinderhandel betrachtet wird – und die Kinder später keine Möglichkeit haben, ihre leibliche Mutter zu ermitteln.

Statt ein Neugeborenes in der Babyklappe abzugeben, findet die anonyme Geburt unter ärztlicher Aufsicht statt und ist somit für Baby und Mutter sicherer. Rund 130 Kliniken und Hebammenpraxen bieten in Deutschland eine anonyme Geburt an. Etwa 50 Fälle gibt es jährlich in Deutschland.

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