Harburg
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Traditionelle Spielmannszüge sterben langsam aus

Spielmannszug Turnerschaft Harburg

Spielmannszug Turnerschaft Harburg

Foto: Spielmannszug Turnerschaft Harburg / HA

Vor allem in der Stadt haben Trommler- und Pfeiferkorps große Nachwuchssorgen: Kinder haben heute zu wenig Zeit und Interesse.

Harburg. Die Zeit der Laternenumzüge ist noch weit, doch Kindergärten und andere Einrichtungen, die dabei von Musik begleitet werden möchten, könnten bei der Suche nach einem Spielmannszug Schwierigkeiten bekommen. Denn immer weniger Kinder und Jugendliche haben Lust und Zeit, in einem Trommler- und Pfeiferkorps mitzumachen. „Wir sind vom Aussterben bedroht“, so drastisch formuliert es Holger Peters, seit 43 Jahren Mitglied und seit 16 Jahren musikalischer Leiter des Spielmannszugs der Turnerschaft Harburg. Vor zwei Jahren feierte der Musikzug sein 140-jähriges Bestehen und gilt als Deutschlands ältester Turner-Spielmannszug.

Sein Musikzug besteht nur noch aus 13 aktiven Spielern

Damit könnte es in nicht allzu ferner Zeit vorbei sein, fürchtet Peters. Denn sein Musikzug besteht nur noch aus 13 aktiven Spielern. „Ich weiß bald nicht mehr, was ich noch machen soll“, sagt Peters resigniert. 5000 Menschen seien beim Harburger Laternenumzug 2014 mit marschiert, „und kein einziges Kind hat das animiert, in einem Spielmannszug mitzumachen“. Auch ein Tag der offenen Tür in Zusammenarbeit mit der GSH habe nur ein interessiertes Kind hervorgebracht – das zudem nach kurzer Zeit fortzog.

Holger Peters sieht die Ursache vor allem darin, dass sich junge Menschen immer weniger von einer Sache begeistern lassen und vor allem dabei bleiben. „Das fängt schon damit an, auch mal stehen zu bleiben und zuzuhören, wenn wir auftreten. Beim Außenmühlenfest habe ich im Gespräch mit einem Musicalsänger, der dort auch auftrat, erfahren, dass es ihm genauso geht. Die Leute gehen einfach vorbei, wenn Musik gespielt wird.“

Musik kann auch eine therapeutische Wirkung haben

Ob man Spielmannszüge mag oder nicht, ist Geschmackssache, eine musikalische Grundlage bietet die Ausbildung dort in jedem Fall. Das Musizieren kann auch therapeutische Wirkung haben. So berichtet Holger Peters von einer Mutter, die dankbar für die musikalische Ausbildung ihres Sohnes im Spielmannszug war: Der Junge habe fortan kein Ritalin mehr gebraucht.

Doch offenbar zieht ein Spielmannszug bei den jungen Leuten heute nicht mehr. Das bestätigt auch Andreas Kloock, Vorsitzender des Trommler- und Pfeiferkorpsverbands (TPK) Hamburg. Er nennt zwei Gründe, warum es nicht mehr läuft: „Kinder und Jugendliche sind nicht mehr bereit, Zeit zu investieren. Wenn ein Zug umstellen möchte auf modernere Musik, müssen sie auch in Instrumente investieren. Dazu ist nicht jeder Verein in der Lage.“ Die Zahl der Mitglieder im Landesverband habe sich in 15 Jahren halbiert, heute sind noch rund 700 Spielleute in 25 Vereinen aktiv. Auf der Auftraggeberseite aber wachse die Nachfrage nach Spielmannszugauftritten. „Das ist paradox“, meint Kloock. „Wir hatten 2014 500 Anfragen für Laternenumzüge und konnten nur 300 annehmen.“

Die Kinder haben heute weniger Freizeit

Juliane Groth, Beauftragte für Spielmannszüge beim Niedersächsischen Turnerbund, sieht eine der Ursachen für den Mitgliederrückgang in der knapper werdenden Freizeit der Kinder. Aber auch die typische Spielmannszuginstrumente seien wenig attraktiv: Sie können aufgrund ihrer Stimmung in keinen anderen Gruppierungen eingesetzt werden, auch das musikalische Angebot sei begrenzt.

Auffällig ist, dass die Situation in den Spielmannszügen umso angespannter ist, je weiter man in städtische Regionen blickt. Innerhalb des TPK Hamburg haben Vereine wie Finkenwerder, Harburg, Eimsbüttel oder Eidelstedt keine 20 Aktiven mehr. In Randgebieten und Umland dagegen ist (noch) alles in Ordnung, „in Ahrensburg ist die Tendenz sogar steigend“, sagt Kloock.

Ausbildungszentrum in Tostedt

Bei den Schützen teilt man die Sorge um die Zukunft der Spielmannszüge bisher nicht. Im Kreisverband Nordheide-Elbmarsch legt man Wert auf gute Ausbildung. „Wir haben das Ausbildungszentrum in Tostedt, das sehr gut angenommen wird“, sagt Kreispräsident Reinhard Pape. Zahlreiche Schützen-Spielleute hätten sich Anfang Mai beim Bundesschützentag in Hamburg hervorragend mit einem Konzert im Hamburger Michel präsentiert.

Auch Holger Peters vom Spielmannszug der Harburger Turnerschaft setzt auf Öffentlichkeitsarbeit. Mit Abteilungsleiterin Christina Owczarzewicz ist er am 16. Juni in der NDR-Sendung „Musikbox“ (15 Uhr, 90,3) zu Gast, um für Nachwuchs zu werben. Zwei Tage später wird der Spielmannszug die Harburger Schützengilde begleiten – wie seit 112 Jahren. „Das ist ein Stück deutscher Kultur, die nicht aussterben darf“, appelliert Peters.

Infos und Kontakt: holgerspassvogel@t-online.de