Harburg
Tag der Arbeit

Was bedeutet Harburgern Arbeit heute noch?

Die Skulptur „Der Eisengießer“ erinnert an Harburgs Industriegeschichte

Die Skulptur „Der Eisengießer“ erinnert an Harburgs Industriegeschichte

Foto: Lars Hansen

Zum Tag der Arbeit gibt es auch in Harburg traditionell eine Kundgebung – sie ist aktueller denn je, sagen drei Experten.

Harburg. „Bet’ und arbeit’ ruft die Welt. Bete kurz, denn Zeit ist Geld! An die Türe pocht die Not. Bete kurz, denn Zeit ist Brot“, heißt es im „Bundeslied“, dem Lied, zu dem sich in Deutschland die Arbeiterbewegung gründete. Zu dem Kongress 1863 in Leipzig hatte auch der Arbeiterverein Harburg/Elbe eine Delegation entsandt. Aus dem Allgemeinen. Deutsche Arbeiterverein (ADAV) von damals ging die SPD hervor. Nach dem Gründer des ADAV ist die Harburger Lasallestraße benannt.

Auch morgen werden Harburger Sozialdemokraten in der ersten Reihe mitmarschieren, wenn die Gewerkschaften am Tag der Arbeit zur Kundgebung aufrufen. Wenn im Rieckhof die Reden gehalten werden, sitzen sie in der ersten Reihe.

Ob sie ihr Bundeslied von einst noch kennen, kann man bezweifeln. Selbst den 12 Zeilen kurzen Text des Arbeiterliedes „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ müssen Harburgs Chefsozis jedes Jahr aufs Neue vom Blatt ablesen.

Die Industrie, einst Harburgs größter Arbeitgeber hat in den letzten drei Jahrzehnten massiv Arbeitsplätze abgebaut . Schmutz, Schweiß und Schweres Gerät prägen die Stadt längst nicht mehr so wie einst. Das Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer scheint der Verunsicherung gewichen zu sein.

Ist der erste Mai nur noch ein Ritual? Was bedeuten Arbeit und Gewerkschaft heute noch für Harburger? Drei, die sich jeden Tag damit beschäftigen, versuchen zu antworten.

Und du ackerst und du säst, und du nietest und du nähst, und du hämmerst und du spinnst; „sag’ o Volk, was du gewinnst!“

Heike Riemann ist beim kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt Expertin für prekäre Arbeit. Ihr Büro hat die studierte Betriebswirtin beim Kirchenkreis Harburg. „Arbeit hat in unserer Gesellschaft immer noch einen sehr hohen Stellenwert“, sagt sie.

„Wer keine oder keine sichere Arbeit hat, engagiert sich seltener in Vereinen, in der Gemeinde oder im Stadtteil. Das können wir beobachten. Durch die vielen Befristungen reicht die Verunsicherung bis weit in die Mittelschicht hinein. Ganz schlecht sieht es für ungelernte Arbeitnehmer aus. Einfache Arbeit wird immer weniger. Und auch diese Stellen werden bevorzugt mit gelernten Kräften besetzt.“

Bei einer Fachtagung forderte Riemann unlängst eine Rückkehr zu „“vernünftiger staatlich geförderter Arbeit“, für Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt schlechte Chancen haben. „Ein-Euro Jobs lösen keine Armutsprobleme und geben kein Gefühl der Anerkennung. So wird das Gefühl der Perspektivlosigkeit verstärkt.“

Alles ist dein Werk!, o sprich, alles, aber nichts für dich!“ Detlef Baade ist Vorsitzender des DGB-Ortsvereins Harburg. „Dass wir in Deutschland jetzt den Mindestlohn haben, ist eine ganz große Errungenschaft“, sagt der gelernte Seegüterkontrolleur. „Und es ist den Gewerkschaften zu verdanken, die bei den Parteien dicke Bretter gebohrt haben. Obwohl wir ja eigentlich mehr wollten, als jetzt Gesetz ist.“

Die Arbeitswelt sieht Baade in einem extremen Wandel. Digitalisierung und Vernetzung führten zu einer nie für möglich gehaltenen Automatisierung von Arbeitsprozessen“, sagt er.

„In Rotterdam und in China fahren sogar die Containerbrücken jetzt ferngesteuert. Das kommt auch nach Hamburg. Da müssen wir sehen, wie wir Arbeitsplätze erhalten können. Arbeitnehmer werden überall nicht darum herumkommen, sich ständig weiterzuqualifizieren.“

Menschenbienen, die Natur – gab sie euch den Honig nur? Seht die Drohnen um euch her! Habt ihr keinen Stachel mehr?“

Niels Mauch ist Gewerkschafter seit er bei der Phoenix seine Lehre machte. Seit 1998 ist er Betriebsrat, seit über 10 Jahren Betriebsratsvorsitzender, seit der Werksübernahme bei Contitech Harburg. Er kennt alle Formen des Stachelzeigens vom klassischen Arbeitskampf bis zum Co-Management. Mit Kooperation erreicht man meistens mehr, allerdings nur; wenn man auch ernsthaft mit der Konfrontation drohen kann“, sagt er.

Als Mauch bei der Phoenix anfing, gab es dort gut 2400 Beschäftigte. Bei Contitech Harburg sind es noch 800, dazu kommen noch einmal 800 bei anderen Phoenix-Nachfolge-Betrieben. „Es sind nicht nur weniger Arbeitsplätze geworden“, sagt er.

„Sie haben sich auch verändert, vor allem in der Produktion. Die geistigen Anforderungen sind höher geworden, Viele begrüßen das, aber dadurch steigt auch der Stress, vor allem, wenn die dicht getakteten Prozesse mal nicht nach Plan laufen.“

Veränderungsprozesse bringen Gewerkschaften manchmal Mitglieder, mit denen sie nicht gerechnet hätten. „Im Angestelltenbereich haben viele Leute lange gedacht, als Einzelkämpfer besser abzuschneiden, als wenn sie Gewerkschaften und Betriebsräte für sich verhandeln lassen,“ sagt Mauch.

„Das hat sich in dem Moment geändert, als auch ihre Arbeitsplätze in Gefahr waren. Allerdings haben es die Kollegen in der Teppichetage immer noch lieber, beraten zu werden, als vertreten.“

Die Maikundgebung im Rieckhof beginnt um 11 Uhr. Davor, 10 Uhr am Sand, startet der Demonstrationszug.