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Einzigartig: Die Klasse mit der Kamera

Die Oberschule Jesteburg lässt Lüneburger Studenten den Unterricht per Video beobachten. Ziel ist die bessere Verzahnung von Theorie und Praxis

Lüneburg/Jesteburg. Als das Bild von der Leinwand verschwindet, ist der junge Mann am Laptop verwundert. Was er in der vergangenen Stunde beobachtet hat, hat er vorher nicht erwartet. „Die Schüler haben anders gearbeitet als gedacht“, sagt er und schiebt seine Mütze ein Stück von der Stirn weg. Tayfun Ören studiert für das Lehramt an der Sekundarstufe I – und besucht an der Leuphana Universität Lüneburg ein Seminar, wie es das kein zweites Mal gibt: Studierende können den Unterricht an einer Schule vorbereiten und per Videoschaltung beobachten, wie ein Lehrer ihre Ideen in die Tat umsetzt.

Und ob die Schüler tatsächlich so reagieren, wie die Studenten es sich am Schreibtisch überlegt haben.

„Bewertung und Feedback im kompetenzorientierten Mathematikunterricht der Sekundarstufe I“ heißt das Seminar von Dominik Leiss, 39. Leiss ist Professor für Mathematik und ihre Didaktik, er beschäftigt sich mit der Frage, wie Lehrende die grundlegenden Fragen des Fachs an ihre Schüler weitergeben können. Und da sich seiner Meinung im Fach Mathe in den vergangenen 20 Jahren zu wenig verändert hat, gründete der Dozent vor zwei Jahren mit Kollegen aus Wissenschaft und Praxis das Zukunftszentrum Lehrerbildung in Lüneburg.

Ziel der Zusammenarbeit ist auch die engere Verzahnung von Theorie und Praxis, der engere Kontakt zu den Kollegen an den Schulen.

Enger als zwischen Dominik Leiss und Andreas Bertow geht es wahrscheinlich nicht. Andreas Bertow lehrt Mathe an der Oberschule Jesteburg. Er ist der Pädagoge, der an diesem Morgen die Ideen der Studenten aus Lüneburg in seiner fünften Klasse ausprobiert hat.

Anstatt den Mädchen und Jungen ihre ein paar Tage vorher geschriebene Klassenarbeit einfach so zurückzugeben und vielleicht noch einmal die Aufgaben durchzugehen, hat er ihnen dieses Mal Musterlösungen ausgeteilt mit dem Auftrag, sie durchzugehen und in Gruppen die Aufgaben der Arbeit erneut zu lösen.

Wie der Lehrer das macht, und wie die Schüler darauf reagieren, das erleben die Studierenden in Echtzeit mit. Denn die Leuphana Universität Lüneburg und die Oberschule Jesteburg gehören zum Netzwerk Campus-Schulen, über ein Videokonferenzsystem sind sie miteinander verbunden.

„Theoretisch wissen wir, wie gutes Feedback aussehen sollte“, sagt Professor Leiss. Doch empirische Erkenntnisse und echter Unterricht sind zwei Welten, die nicht immer übereinstimmen. Für diesen Morgen haben die Studierenden eine nach der Theorie idealtypische Unterrichtsstunde entworfen und mit dem Lehrer Andreas Bertow besprochen, was beiden Seiten sinnvoll erscheint.

„Wir machen heute Gruppenarbeit, im Vordergrund steht die Rückgabe der Klassenarbeit“, sagt der Pädagoge auf dem Bildschirm zu seiner Klasse. „Eine Besonderheit dabei: Ihr bekommt die Musterlösung für alle Aufgaben.“

In Lüneburg schalten die Studenten das Licht im Seminarraum aus, Kamera und Mikros auch – damit die Schüler sie nach der ersten Begrüßung weder sehen noch hören: Zu groß wäre die Ablenkung.

Eine halbe Stunde später läutet Andreas Bertow das Ende der Gruppenarbeit ein und schaltet Lüneburg wieder dazu. „Habt ihr die Musterlösung beim erneuten Lösen der Aufgaben benutzt?“, wollen die Studis von den Fünfklässlern wissen. Sie heben die Hände, doch die meisten Daumen zeigen nach unten: nein.

Leif hat es vergessen, Bennett hatte nur kleine Fehler, und Merina reichte es, sie ganz am Anfang einmal anzusehen, erklären die Kinder. Andreas Bertow findet die Idee der Studierenden trotzdem gut. „Im Nachgang noch einmal an eine Klassenarbeit ranzugehen, ist gut. Es fehlt ein wenig die Routine, aber das Verteilen der Musterlösung ist im Prinzip eine gute Sache. Ich werde das öfter so machen.“

Lächeln in Lüneburg. Nach einem Winken und „tschüüüüß“ in beide Richtungen laufen die Kinder in Jesteburg auf den Pausenhof – und die Studierenden in Lüneburg besprechen ihre Eindrücke.

„In der Theorie hören wir selten, wie viel Flexibilität der Lehrerjob erfordert“, sagt Tayfun Örel. „Es heißt immer, alles muss gut strukturiert sein. Jetzt haben wir gesehen, dass Andreas Bertow gleich zu Beginn das Konzept modifiziert hat. Außerdem können wir die Schüler fragen, wie sie den Unterricht fanden – das ist selbst im Praktikum nicht möglich.“

Kommilitonin Maren Wiegel, 25, ist froh über die Verbindung zur Praxis. „Ich habe schon oft Stunden geplant, die ganz anders laufen, wenn man vor der Klasse steht. Hier können wir üben und Erfahrungen sammeln, wie Probleme zu lösen sind.“

Andreas Bertow, Dominik Leiss und die Leuphana Universität stehen in der deutschen Lehrerlandschaft sehr allein da mit ihrer Offenheit, ihrer Art der Kooperation. „Wir haben recherchiert und nichts Ähnliches gefunden“, sagt Dominik Leiss wissenschaftlich korrekt zu der Frage, wie einzigartig das Lüneburger Seminar an Hochschulen seines Wissens nach ist. Im Vorwege haben die Pädagogen das Konzept mit den Eltern der Schüler besprochen und eine wichtige Bedingung festgelegt: Die Unterrichtsstunden werden nicht aufgezeichnet.

Finanzieren kann die Leuphana Universität die kostspielige Technologie nur, weil die Hochschule gemeinsam mit zwei anderen deutschen Universitäten bei einer Ausschreibung des Stifterverbands gewonnen hat: 500.000 Euro gab es aus dem Fördertopf.