Harburg
Bostelbek

Gutachten erschüttert Bostelbeker

Nachbarn des Daimler-Werkes klagen über Schwingungen. Ein Gutachten gibt ihnen Recht, bremst sie aber gleichzeitig aus

Bostelbek . Jetzt hat es die Familie Busies – ebenso wie die Nachbarn an der Hoffstraße neben dem Daimler Benz-Werk in Bostelbek – schriftlich. Die ständigen Erschütterungen im Erdreich, die sie Tag und Nacht über sich ergehen lassen müssen, stammen von sechs neuen Pressen, die seit mehr als einem Jahr in der Werkshalle arbeiten. Wie berichtet beklagen die Anwohner an der Hoffstraße, dass ständige Erschütterungen ihren Häusern zusetzen und ihre Nachtruhe stören. Seitdem das Phänomen auftrat, hatten sie vermutet, dass die Ursache im nahen Daimler-Werk zu finden sein müsse. Am Dienstag war es wieder mal soweit: „Die Bücher flogen aus dem Regal im Zimmer meiner ältesten Tochter“, sagt Ralf Busies.

Der Nachbar von gegenüber, Ernst-Wilhelm Heitmann, beklagt sich darüber, dass die Gläser in den Schränken klappern und seine Dachpfannen durch die dauernden Erschütterungen Schaden genommen hätten. Die Wände an Busies Haus sind übersät mit Gipsmarken, anhand derer sichtbar wird, wie schnell die Risse in seinen Hauswänden wachsen. In der vergangenen Woche habe er kaum einschlafen können, so Ralf Busies, weil die Wände gewackelt hätten. Er habe alle Bilder von den Wänden abhängen müssen, sagt der Bostelbeker. „Neulich wäre fast das Haus abgebrannt. Unser Sicherungskasten war richtig warm. Als ich ihn aufmachte, sah ich, dass die Verschraubung des Kupferdrahtes, der den Zähler mit den Verteilungssicherungen verbindet, locker war. Und es hatte sich eine Funkenstrecke gebildet“, so Busies. Der Elektriker habe ihm bestätigt, dass die Ursache für den Fehler wohl Erschütterungen seien. Inzwischen habe die Hamburger Feuerkasse seinenVertrag gekündigt.

Bislang hatten Verantwortliche des Daimler-Werk laut der Anwohner stets beteuert, die Erschütterungen entstünden nicht in der Werkshalle, die direkt hinter den Häusern steht. „Die wollten uns doch glatt erzählen, die Erschütterungen stammten von den Bauarbeiten für das Moorburger Kraftwerk. Die wollten uns für dumm verkaufen“, sagt Heitmann. Jetzt aber hat Ralf Busies die Ursache schwarz auf weiß. Daimler Benz hat, nachdem die Nachbarn keine Ruhe gegeben hatten, ein Gutachten bei dem Hamburger Gutachterbüro Müller- BBM in Auftrag gegeben. Und dieses Gutachten kommt zu dem Schluss, dass sechs Pressen im Daimler-Werk die Ursache für die dauernden Erschütterungen setzen. Die Intensität der Erschütterungen, so das Gutachten, das dem Abendblatt vorliegt, liege über dem zulässigen Wert.

„Das bestätigte natürlich, was wir die ganze Zeit vermutet haben, was Daimler aber bis dahin immer abgestritten hatte“, sagt Busies. Die Freude über die Bestätigung dafür, dass sie mit der Vermutung Recht hatten, dauerte bei Ralf Busies und seiner Frau Sonja dennoch nicht lange an. Denn in dem Gutachten steht auch, dass die Erschütterungen nicht verantwortlich für die Schäden an den Häusern seien. „Wir fühlen uns im Regen stehen gelassen, von Daimler, aber auch von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Man hält uns zum Narren“, ärgern sich Heitmann und Busies.

Im Stuttgarter Stammwerk von Daimler Benz sieht man das nachbarschaftliche Verhältnis mit den Anwohnern an der Hoffstraße unter einem besseren Stern. „Für uns ist es selbstverständlich und sehr wichtig, dass die Belange der Anwohner ernst genommen werden. Wir sprechen mit den Anwohnern“, sagt die Daimler-Sprecherin Vivien Weiß in Stuttgart. Die Untersuchung, so Weiß, habe ergeben, dass das Werk Am Radeland die Immissionswerte einhalte.

Es hätten sich lediglich „Überschreitungen bei den Werten für die Schwingungen für Mischgebiet, also Wohnen und Industrie, ergeben“. Das Wort Erschütterung will die Sprecherin des Autobauers nicht in den Mund nehmen. Schwingungen würden im Harburger Werk erzeugt, aber keine Erschütterungen. Und diese Schwingungen seien nicht für Risse in benachbarten Häusern verantwortlich.

Mit „pneumatischen Dämpfungselementen", die unter die Pressen gelegt worden seien, habe Daimler bereits Maßnahmen generiert, sagt die Sprecherin, um die Schwingungen weiter zu dämpfen. Aus Sicht der Nachbarn hat sich dadurch jedoch nichts geändert. „Die Leute von der Behörde stehen vor mir und können uns nicht helfen“, sagt Ralf Busies.