Harburg

Als Harburgs Hafen boomte

Eine hundert Jahre alte Postkarte lässt Freizeitschiffer Stefan Arndt an Harburgs Hafenentwicklung zweifeln

Eine Nachbarin hat ihm die alte Postkarte geschenkt, auf der eine Ansicht des Kanalplatzes vor gut hundert Jahren zu sehen ist. Und Stefan Arndt, Besitzer der alten Barkasse „Orka“ und früherer Hafenmeister im Östlichen Bahnhofskanal, ist total begeistert von der Abbildung, weil der Harburger Binnenhafen damals so voller Leben steckte – im Gegensatz zu heute, wie er meint. „Für die heutigen Hafennutzer“, sagt er, „geht es nun um weitere Einschränkungen. Harburg baut für viele Millionen Euro eine Drehbrücke über den Lotsekanal und behindert damit den gewerblichen wie auch privaten Schiffsverkehr. Die Drehbrücke ist von keinem der Hafennutzer gewollt. Es hat am Kanalplatz auch früher keine Brücke zur Schloßinsel gegeben, wie auf der Postkarte zu sehen ist.“

Die Postkarte zeigt geschäftiges Treiben auf dem mit Pferdefuhrwerken vollgestellten Kanalplatz, davor mit Fässern beladene Schuten. Arndt: „Ein herrlicher Anblick. Ich kann mich daran kaum satt sehen. Da sind auch noch die beiden Ausbuchtungen am Kanalplatz zu erkennen, wo Schiffe zur Abfertigung durch den Zoll festgemacht wurden.“ Aber auch die Rückseite der Ansichtskarte hat ihren geschichtlichen Wert. Die Karte ist am 3. September 1918 vom Sanitäts-Sergeanten Lorenz Schmalstieg aus Harburg geschrieben und per Feldpost abgeschickt worden. Was zu der Zeit noch keiner wusste: Der Erste Weltkrieg stand nach vierjährigen Kämpfen kurz vor dem Ende, das am 11. November 1918 besiegelt wurde.

Lorenz Schmalstieg, der im heutigen Rang eines Stabsunteroffiziers im Militärdienst war, hatte seinem Freund Leo Becours in Altenwerder b/ Hamburg eine Nachricht zukommen lassen. Der teilweise in Sütterlin verfasste Text ist inzwischen von Dr. Rüdiger Articus, dem im Ruhestand lebenden früheren Museumspädagogen des Archäologischen Museums Hamburg, in heute lesbare Schrift übertragen worden. Articus schreibt, dass er den Text folgendermaßen liest: „Mein lieber Leo! Deine Karte vom 28./8. erhalten. Bin auf Urlaub und sorge für mein Magenheil. Werde am Donnerstag mit Mutter mal rüber kommen. Wenn du es möglich machen könntest und für uns eine Portion Fisch, Aale oder Butt zurücklegen lassen, würden wir sehr dankbar sein. Mit frdl. Grüßen auch von Mutter Dein Lorenz Abs.: Sani Sergt. Schmalstieg, Harburg“.

Rüdiger Articus, der auch im Ruhestand gelegentlich und ehrenamtlich für das Archäologische Museum Hamburg tätig ist und auch in Eigenregie noch Heimatforschung betreibt, liefert zu der Karte noch weitere Erklärungen: „Die Karte stammt vom Buchdrucker, Buchbinder, Papier- und Schreibwarenhändler sowie Postkartenverleger John Feindt (1869-1930), der seit 1896 in der 1. Wilstorfer Straße 5, später Wilstorfer Straße 16, seinen Betrieb hatte. Fotograf war wahrscheinlich Harburg-Photograph Carl Timm (1862-1945).“ Zum Kartenmotiv schreibt Articus: „Die Fotografie zeigt einen Blick über den Kanalplatz auf den Binnenhafen und Lotsekanal mit der darüber hinweg führenden Brücke. Die Fässer auf dem einen beladenen Schiff enthalten wahrscheinlich Öl oder Petroleum.“ Und zum Schreiber der historischen Postkarte, Lorenz Schmalstieg, stellt der heutige Seniorchef des 1963 gegründeten Harburger Firma Heinrich Schmalstieg, Tankwagentransporte und Spedition GmbH, fest: „Ja, Lorenz Schmalstieg ist weitläufig mit unserer Familie verwandt.“ Für den Postkartenbesitzer Stefan Arndt ist es nicht wichtig, die Karte für sich zu behalten. Er will sie Dr. Melanie Leonhard, Leiterin der Abteilung Harburger Stadtgeschichte im Archäologischen Museum Hamburg, zur Verfügung stellen.

Die Entwicklung des Kanalplatzes ist von der Harburger Stadtplanerin Birgit Caumanns und der Geschichtsforscherin Angelika Hilmer bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt und in einem 226 Seiten zählenden Buch mit dem Titel „Der Kanalplatz im Harburger Binnenhafen – Zwischen Schloßinsel und der Stadt“ beschrieben und bebildert worden. In der Einleitung heißt es: „Dieser Platz inmitten des Harburger Binnenhafens hat nicht nur eine lange hafenbezogene Tradition, sondern war in räumlicher und funktionaler Hinsicht Jahrhunderte lang Übergangsbereich zwischen Schloßinsel und der Stadt Harburg.

Über die Zeit des Ersten Weltkriegs ist zu lesen: „Der Erste Weltkrieg bildete in mehrfacher Hinsicht eine deutliche Zäsur für Harburg: Die Einwohnerzahl fiel nach einem bis dahin stetigen Zuwachs von mehr als 70.000 im Jahr 1913 auf etwa 63.000 bei Kriegsende 1918. Engpässe bei der Versorgung mit überseeischen Rohstoffen beeinträchtigten die Arbeit fast aller Harburger Industrie- und Gewerbebetriebe, obwohl die einzelnen Branchen unterschiedlich betroffen waren. Deutlich wird der wirtschaftliche Einbruch auch an den rückläufigen Zahlen beim Schiffsaufkommen und beim Güterumschlag, die erst in den 1920er-Jahren wieder Vorkriegsniveau erreichten.“