Harburg
50 Radler unterwegs

Amerikanische „Critical Mass“-Bewegung erreicht Harburg

Die „Critical Mass“ hat seit Freitag auch im Hamburger Süden einen ersten Ableger. Mehr als 50 Radfahrer folgten einem Aufruf im Internet und schwangen sich am Sonnabend in den Sattel, um sich für eine stärkere Beachtung der Interessen von Radfahrern im Stadtverkehr einzusetzen.

Harburg. Premiere in Harburg: Die „Critical Mass“ hat seit Freitag auch im Hamburger Süden einen ersten Ableger. Mehr als 50 Radfahrer folgten einem Aufruf im Internet und schwangen sich am Sonnabend in den Sattel, um sich für eine stärkere Beachtung der Interessen von Radfahrern im Hamburger Stadtverkehr einzusetzen.

„Um 17 Uhr, vor dem Harburger Rathaus, treffen sich Radfahrer zur gemeinsamen Radtour durch den Bezirk Harburg“ – so stand es seit Mittwoch vergangener Woche in einem Internetblog geschrieben. Es ist ein typischer Aufruf für eine „Critical-Mass“-Fahrradtour. Auch in Hamburg treffen sich monatlich bis zu 5000 Radler, um auf eine politisch motivierte Tour zu gehen. Und das schon seit dem Jahr 2011. Die Bewegung stammt aus den USA und findet weltweit Verbreitung.

Die Teilnehmerzahl fiel dabei in Harburg mit etwa 50 Velo-Piloten schon kleiner aus. „Es gibt in Harburg ja auch nicht so viele Radfahrer, wie in Hamburg. Wir haben hier ja wirklich schlechte Radwege“, sagt eine Teilnehmerin. Aus diesem Grund fährt die Critical Mass grundsätzlich auf der Straße. Das ist in diesem Fall durchaus zulässig. Wer in einer Gruppe mit mehr als 15 Radlern fährt, gilt nach der Straßenverkehrsordnung als Verband – und dementsprechend als ein einzelner Verkehrsteilnehmer.

Wie bei wohl jeder Premiere lief der Start zur polizeibegleiteten Harburger Auftakt-Tour noch etwas unkoordiniert. Als sich die Radler am Rathausplatz versammelt hatten, warteten am Straßenrand schon zwei Streifenwagen, ein Mannschaftswagen und drei Motorräder der Polizei. Einer der verantwortlichen Beamten mühte sich zunächst, den formellen Veranstalter der Versammlung ausfindig zu machen. Darauf gingen die Teilnehmer jedoch nicht ein. Ihre Begründung: Sobald sie losführen, seien sie schließlich keine Versammlung mehr.

In einem zweiten Versuch versuchten die Polizeibeamten, den Radlern eine Route vorzugeben. „Sie müssen doch wissen, dass wir sie damit absichern“, argumentierte der Einsatzleiter. Zwar legte in der Folge einer der Teilnehmer eine Route fest – eingehalten wurde sie jedoch nicht. Rechtlich musste sie das offenbar auch nicht. Einem „Verband“ wie der 50-köpfigen kritischen Radfahrergruppe kann nicht vorgeschrieben werden, wo lang er fährt, solange die Verkehrsregeln eingehalten werden. Und dies ist ein Grundsatz der Critical Mass.

Los ging es dann in Richtung Bremer Straße – und zwar nach einem ebenso einfachen wie unbürokratischen Prinzip: Da es keine fest definierte Strecke oder einen Verantwortlichen gibt, folgen die hinteren Radfahrer immer dem vorderen Feld. Quer durch den Stadtteil ging es vorbei am Phoenix-Center, durch Wohngebiete bis zum Harburger Binnenhafen. Die Polizei sicherte die Fahrradfahrer vor dem Autoverkehr. Mit flotten 15 Kilometern pro Stunde und vielen Richtungswechseln wurde der fließende Verkehr allerdings auch kaum gestört.

Viele Passanten schauten verwundert auf die Fahrradtour. Dies lag aber weniger an den Radlern, sondern eher an der Polizeibegleitung. Karin Sager vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Harburg erklärte auf der Fahrt noch einmal die Rechte, die ein jeder Fahrradfahrer habe: „Jeder Fahrradfahrer darf auf der Straße fahren, außer es gibt an einem Radweg ein blaues Schild mit einem Fahrrad, dann muss der Weg benutzt werden.“ Dies gelte natürlich nicht für Autobahnen oder Schnellstraßen.

Eine Schrecksekunde gab es auf der Fahrt für einen Motorradpolizisten: Er fuhr auf dem Mittelstreifen und sicherte die Tour zur Gegenfahrbahn ab. Dort fuhr in unverminderter Geschwindigkeit eine Autofahrerin auf ihn zu. Nur durch eine Vollbremsung rettete sich der Motorradfahrer vor einem Unfall.

Als die Radlergruppe nach eineinhalb Stunden wieder am Rathaus eintraf, gab es auch Applaus für die Begleitung der Polizei. Diese sah die Veranstaltung zum Ende hin immer gelassener. Fahrradfahrer Dominik Pöltl schloss den Tag mit einem Fazit ab: „Mit der ersten Critical Mass und der Ankündigung von Stadtradstationen ist klar, dass die Harburger mehr Fahrrad fahren wollen.“ Die Critical Mass Harburg soll ab sofort jeden Monat stattfinden. Orte und Zeiten werden auf www.criticalmassharburg.wordpress.com bekannt gegeben.