Harburg

1914, als der Krieg ausbrach

Im Museum: Wie die Wilhelmsburger Zeitung vor 100 Jahren über die Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg berichtete

Im Juli vor 100 Jahren, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Ein nicht mit Namen genannter Autor der Wilhelmsburger Zeitung sagt in einer präzisen geopolitischen Analyse den Weltenbrand voraus – druckreif wie für die späteren Geschichtsbücher geschaffen. An dem Tag, als das Deutsche Reich in den Krieg eintritt, stehen die Menschen in Wilhelmsburg erregt auf der Straße. Die örtliche Zeitung appelliert an die Leser, auf Hamstereinkäufe zu verzichten. Und das Lokal O. Sohre lädt zum Sommervergnügen mit Scherztombola ein.

Das Museum Elbinsel Wilhelmsburg zeigt ab dem 1. August – auf den Tag genau vor 100 Jahren trat das Deutsche Reich in den Krieg ein – Zeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg von Kindern der Schule an der Fährstraße und 100 Jahre alte Ausgaben der Wilhelmsburger Zeitung. Das Abendblatt dokumentiert, wie die Wilhelmsburger Zeitung über die Julikrise 1914 und den Ausbruch des Ersten Weltkriegs berichtet hat. Und welche Geschehnisse auf der Elbinsel der Zeitung damals eine Nachricht wert waren.

„Der österreichisch-serbische Konflikt“ titelt die Wilhelmsburger Zeitung nüchtern am 27. Juli 1914. Der Leitartikel, der keine Autorenzeile trägt, ist eine präzise Analyse dessen, wie Europas Staatenwelt, geknebelt von militärischen Beistandspakten, auf die später so genannte „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ zusteuert.

In kluger Weitsicht sieht der Journalist die Gefahr, dass ein Krieg zwischen Österreich und Serbien auch „unser Haus“, also das deutsche Kaiserreich, bedrohen und sogar ein Weltenbrand emporlodern könne. Österreich mit Serbien im Kriege, vielleicht im Rücken von dem rachsüchtigen Bulgarien bedrängt, bedinge die Unterstützung von Seiten Russlands, das wiederum Frankreich und vielleicht England an seiner Seite habe, schreibt die Wilhelmsburger Zeitung. In diesem Fall rufe die Bündnispflicht Deutschland an Österreichs Seite.

Ruhig stünden nur noch die skandinavischen Reiche, Holland, Belgien, Spanien, Portugal und vielleicht Italien. „Europa starrt in Waffen“, sagt der Journalist in einem prophetischen Satz „Ströme des Blutes“ voraus. „Ein trübes, trauriges Zukunftsbild“, endet der Autor meinungsstark seinen Leitartikel. Von Kriegsbegeisterung ist bei ihm keine Spur.

Das Extrablatt vom 31. Juli 1914 besteht aus einer einzigen Seite. In Großbuchstaben verkündet der kommandierende General des X. Armeekorps, ein Name ist nicht genannt, so nüchtern wie ein Abwasserzweckverband das Ergebnis seiner Vorstandswahl die „Erklärung des Kriegszustandes“. Durch kaiserliche Verordnung sei der Bezirk des X. Armeekorps in den Kriegszustand versetzt.

Das Militär hat jetzt das Sagen auf der Elbinsel: „Die vollziehende Gewalt inmitten des Korpsbezirks geht infolgedessen an uns über“, verkündet der General in der Zeitung. Die Zivilverwaltung verbleibe zwar in ihrem Amt, habe aber den Aufträgen des Armeekorps Folge zu leisten. In wenigen, aber groß gedruckten Sätzen ist die zivile Gesellschaft im Kaiserreich entmachtet. Einen Tag später am 1. August 1914, dem offiziellen Datum des Kriegseintritts Deutschlands, erscheint in der Wilhelmsburger Zeitung ein Leitartikel mit der Überschrift „Das gezückte deutsche Schwert“ – ein vor Kriegseifer und Pathos triefendes Bekenntnis. Der mit Namen nicht genannte Autor ist den Lesern wohl bestens bekannt und wird offenbar selbst als Soldat an die Front gehen: „Der dies schreibt, hat schon oft an dieser Stelle zu den Lesern gesprochen und muss – nein, darf – jetzt auch mit hinaus“, schreibt er. Und weiter: Er bedauere nur eines, „dass seine sechs Kinder noch zu jung seien, um auch dem Vaterlande sich stellen zu können.“

Am Sitz der Zeitung, in Wilhelmsburg, herrscht offenbar weniger Kriegsbegeisterung. An demselben Tag berichtet das Blatt unter „Kommunales“, von einer ungeheuren Aufregung in unserem Orte“. Erregte Menschen hätten in Gruppen auf den Straßen gestanden und den Gang der Ereignisse besprochen. Das Gespenst des Krieges gehe immer sichtbarer herum. „Kein Wunder“, schreibt ein Journalist, „dass in den Familien, in denen ein Militärpflichtiger ist, die blasse Angst umgeht.“

„Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe“, appelliert die Wilhelmsburger Zeitung an die Bevölkerung, nicht die Sparkassen zu stürmen und die „ziemlich zwecklosen Einkäufe von Vorräten“ zu unterlassen. Würden die Lebensmittel etwas knapp, so könne sich dieser Zustand nur auf einige Tage erstrecken. Dann würde Abhilfe kommen. Spätestens der sogenannte Kohlrübenwinter 1916/17 wird zeigen, wie sehr sich der Autor geirrt hatte. Er stellt noch die „unverschämten Preistreiber“ an den Pranger. Gemeint sind Nahrungsmittelhändler, die mit der Furcht der Leute Geschäfte machen.

Der Kriegsausbruch lähmt nicht das gesellschaftliche Leben, wie vor allem gewerbliche Anzeigen in der Wilhelmsburger Zeitung deutlich machen: Der humoristische Klub „Reginia“ lädt zum großen Sommervergnügen in das Lokal O. Sohre ein – mit Scherztombola und Theateraufführung.

Die Überschriften in der Zeitung bringen die Nachrichten kurz und knapp auf den Punkt: „Es geht los! Krieg in Rußland“ steht am 3. August 1914 auf der Titelseite. Erste Auswirkungen auf die Bevölkerung in Wilhelmsburg bescheint ein weniger auffälliger und weiter hinten versteckter Artikel in der Rubrik „Kommunales“: Die Straßenbahn verkehrt nur noch eingeschränkt. Der Grund: Für die Mobilmachung seien der Straßen-Eisenbahngesellschaft bis zu 60 Prozent ihres Betriebspersonals entzogen worden.

Am 16. November 1914, überraschend spät, druckt die Wilhelmsburger Zeitung eine Bekanntmachung ab, wonach „feindliche Ausländer“ sich zu melden hätten. Die Angehörigen feindlicher Staaten, die sich in Wilhelmsburg aufhalten, müssen sich innerhalb 24 Stunden auf der Gendarmeriestation einfinden. Der Krieg spart keinen gesellschaftlichen Zweig mehr aus. An demselben Tag lädt der örtliche Verein der Geflügelzüchter zu einer Vorführung mit Lichtbildern ein. Das Vortragsthema: „Der Krieg und sein Einfluss auf die Geflügelzucht.“