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Wer spielt jetzt den Richard Strauss?

Pech für die Jesteburger Kammerspiele: Kurz vor der Uraufführung eines Theaterstücks über den Komponisten ist der Hauptdarsteller ausgefallen

Jesteburg. Ein Amateur soll er sein, aber dabei ein alter Hase, der sein Metier versteht. Sich viel merken können muss er auch. Er muss natürlich auch nett sein, darf aber gern auch eine knarrig-knorrige Art haben: Gesucht wird ein Mann, ein Hauptdarsteller. Ein solcher ist der fünfköpfigen Schauspielergruppe der Jesteburger Kammerspiele leider ganz kurzfristig abhanden gekommen. Zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn die Darsteller um Regisseurin Loretta Wollenberg sind mitten im Probenstress. Sie studieren das Stück „Die Reise oder:...und plötzlich ist es ein ständiges Abschiednehmen“ ein. Es erzählt die letzte Lebensphase des berühmten Komponisten Richard Strauss nach.

Loretta Wollenberg hat es schon vor zehn Jahren zu Papier gebracht, am 2. Oktober soll das Schauspiel bei den Chiemgauer Festspielen welturaufgeführt werden. Seit einem Jahr wird geprobt. Alles lief nach Plan, bis das Ensemble vor ein paar Wochen die Hiobsbotschaft erreichte: Der Hauptdarsteller in der Rolle des Richard Strauss ist so schwer erkrankt, dass er seinen Part abgeben muss.

Einmal in der Woche trifft sich die kleine Truppe im großen Saal des Gemeindehauses von St. Martin in Jesteburg. Auf den langen Tischen, an denen sonst Senioren bei Kaffee und Kuchen sitzen, liegt verstreut die Requisiten: eine bunte Mischung an Plastikblumensträußen, daneben leuchtet ein kleiner Strohhut flankiert von einem Korb mit Bauklötzen.

Die Absperrwände, die sonst die Bühne verdecken, sind weggeschoben und geben den Blick auf ein Zimmer frei. Drei Stühle stehen um einen Tisch herum, weiter hinten steht ein Sessel auf dem jetzt Karsten Wildeisen Platz nimmt. Der Herr mit dem weißen Haarkranz hat sich ganz in Weiß gekleidet, auf dem Kopf trägt er nonchalant einen großen Damenhut, dessen breite Krempe er keck zur Seite geknickt hat. In den Händen hält er einen eleganten Spazierstock und blickt durch ein Lorgnon immer wieder prüfend auf die Szene, die sich vor seinen Augen abspielt. Karsten Wildeisen gibt sehr überzeugend den Dichter Johann Wolfgang von Goethe, dessen Werk Richard Strauss sehr beeindruckt hat.

Die Regisseurin und Theaterleiterin Loretta Wollenberg hat sich in ihrem Stück auf die letzten vier Jahre im Leben des großen Komponisten konzentriert. Es beginnt 1948, einen Tag, nachdem Richard Strauss die Nachricht erhalten hat, dass er nicht länger zu den Haupttätern des Nazi-Regimes zählt. Zu diese Zeitpunkt vagabundiert Strauss mit seiner Frau Pauline schon seit drei Jahren durch die Hotels in der Schweiz. Der Aufenthalt in den Nobelherbergen dauert nie länger als acht bis zehn Wochen, dann hat seine Gattin das Personal derart gegen sich aufgebracht, dass der jeweilige Hoteldirektor das berühmte Paar zur Tür hinaus weisen muss. Der Entnazifizierungsbescheid, im Volksmund Persilschein genannt, ermöglicht dem Ehepaar Strauss die Rückkehr ins geliebte Garmisch-Patenkirchen. Richard Strauss bleibt dort nur noch wenig Zeit, er stirbt dort im September 1949. Sein Leben und seine Kunst haben die Regisseurin Loretta Wollenberg schon immer fasziniert: „Richard Strauss begleitet mich schon mein ganzes Leben lang“. Schon ihre Magisterarbeit im Fach Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Wien, behandelte das Werk des Komponisten. Danach arbeitete sie als Schauspielerin unter anderem war sie am Hamburger Schauspielhaus und am Thalia Theater engagiert. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schauspieler Gunther Malzacher, begann sie Mitte der 90er-Jahre Drehbücher zu entwickeln. Seit 1999 arbeitet sie als freie Lektorin für die Fernsehspielabteilung des NDR.

2003 gründete Loretta Wollenberg die Jesteburger Kammerspiele, mit denen sie eigene Theater - und Musikproduktionen realisierte. Genau so lange entwickelt sie als Autorin eigene Projekte. Der unglückliche Ausfall des Hauptdarstellers, der den Richard Strauss spielen sollte, ist nach der langen Vorbereitungszeit um so schmerzhafter. Bisher tragen Regisseurin und ihr kleines Ensemble es mit Fassung und improvisieren bei den Proben. Wegen des vielen Textes, den der Ersatzmann lernen muss, hat Loretta Wollenberg sich schon etwas einfallen lassen: „Es ist nicht schlimm, wenn der Nachfolger den nicht in der kurzen Zeit lernen kann. Teile davon könnte auch ein Erzähler wiedergeben“.

Für die 55-Jährige sind bei der Kandidatensuche andere Qualitäten entscheidender: „Ideal wäre jemand, der Lust auf Theater und Bühnenerfahrung hat und sich etwas zutraut. Aber er muss auch eine Sterbeszene am Ende des Stücks bewältigen und deshalb eine gewisse Sensibilität haben“. In ihren Augen wäre die Rolle eine Chance für jeden älteren Schauspieler, mal wieder auf der Bühne zu glänzen, „es ist Chance und Herausforderung zugleich“. Nach der Uraufführung will Loretta Wollenberg mit ihrer Inszenierung auf Tournee gehen. Und dort winken Ruhm und Ehre – und der Applaus des Publikums.