Harburg
Adolphsens Einsichten

Ein Hoch auf die einzige schwimmende Kirche Deutschlands!

Am Reiherstieg in Wilhelmsburg soll die evangelische Paul-Gerhardt-Kirche abgerissen werden.

Die Kosten für die zwei Kirchen und Gemeindehäuser kann die Gemeinde nicht mehr aufbringen. Sieben Jahre hat sie gerungen. Jetzt ist entschieden. Aber die Kirche steht unter Denkmalschutz. Der Denkmalrat sucht nach einer alternativen Nutzung. Die endgültige Entscheidung liegt bei ihm. Angst und Trauer bei den Gemeindegliedern.

Ebenfalls in Wilhelmsburg in der Krieterstraße steht die katholische Maximilian-Kolbe-Kirche. Noch. Ein architektonisch beachtlicher Bau von 1973-74. Auch ihr droht der Bagger. Die Verantwortlichen des Erzbistums sehen finanziell und personell keine Chance. Die Menschen der Gemeinde trifft das hart. Aber auch hier hat der Denkmalrat zu entscheiden.

Beinah wäre es der einzigen schwimmenden Kirche Deutschlands auch so ergangen. 2007 wollte der evangelische Kirchenkreis Hamburg-Ost das Juwel aufgeben und die halbe Pfarrstelle abziehen. Damit wäre eine 140-jährige Geschichte der Binnenschifferseelsorge in Hamburg gestorben. Und der genau 100 Jahre alte Weserküstenleichter, 1906 zur schwimmenden Kirche auf der Norderwerft umgebaut, wäre verschrottet worden. Aber der Förderverein ließ sich das nicht gefallen: „Unsere Flusi muss bleiben!“ Er bot an, die Kirche ehrenamtlich und ohne festen Pastor weiterzuführen. Rechtlich unmöglich.

Denn nur ein Kirchenvorstand kann eine Gemeinde leiten, kein privater Verein. Oh Wunder, die offizielle Kirche sprang über ihren Schatten und entschied sich für die charmante und fast urchristliche Lösung. Nicht Recht, Verfassung und Bürokratie dominierten, sondern Vertrauen in kirchenbegeisterte Menschen.

Der Vorstand des Vereins machte mich zum Schirmherrn. Ich sagte gern zu, weil ich das Modell einer Kirche von unten und mit großem bürgerschaftlichen Engagement in meiner Zeit als Präsident des Ev. Kirchbautages propagiert habe. In Mecklenburg und Brandenburg habe ich erlebt, dass Hunderte von Dorfkirchen gerettet wurden.

Nicht durch die Kirchengemeinden. Die hatten die Ruinen z.T. längst aufgegeben. Dorfbewohner, mehrheitlich Nichtchristen, gründeten Fördervereine und machten Dampf und Druck. Wo alles verschwunden war, Schule, Arzt, Apotheke, Geschäfte, die jungen Leute, da hieß es überall: „Unsere alte Kirche bleibt!“ Mich hat diese beglückende Erfahrung provoziert zu dem vielzitierten Satz: „Es gibt nicht zu viele Kirchen, sondern zu wenig Ideen.“

Auch die Flussschifferkirche und –seelsorge hat eine lange Tradition in den Häfen unseres Landes. In Hamburg hat Johann Hinrich Wichern, Gründer des „Rauhen Hauses“ in Horn, 1873 den ersten Hafenmissionar auf einem kleinen Boot zu den Binnenschiffern geschickt. 1905 wurde für sie eine eigene Gemeinde geschaffen. Bis 2005 lag die Flusi an der Billwerder Bucht. Ein Jahr später wurde sie in den Sportboothafen am Kajen verlegt.

Als der Förderverein sie übernahm, blühte das Leben auf. Nicht durch die Binnenschiffer. Die sind inzwischen dauernd unterwegs auf den Flüssen Europas. Sie leben z.T. mit ihren Familien an Bord, kämpfen um Aufträge und ihre Existenz. Zu den Gemeindegliedern gehören nur noch wenige ältere Fahrensleute oder deren Angehörige. Viele Hamburger entdeckten diesen attraktiven kirchlichen Ort für sich.

Die Zahl der Gottesdienstbesucher und der Gemeindeabende stieg sprunghaft. Jeden Sonntag findet der Gottesdienst um 15.00 Uhr statt. Und das immer mit wechselnden Pastoren und Diakonen vom Rauhen Haus. Ehrenamtlich. Ich habe selten einen Kirchenraum erlebt, in dem die Verbundenheit und das Gefühl, geborgen und zu Haus zu sein, so tief zu spüren ist. Viele Taufen und Trauungen finden statt.

Regelmäßig gibt es Konzerte. Die Flusi beteiligt sich an den Lesetagen, beim Hafengeburtstag und bei der „Nacht der Kirchen“. Wie vor 140 Jahren fährt die Barkasse „Johann Hinrich Wichern“ zweimal wöchentlich mit einem ehrenamtlichen Team zu den Liegeplätzen der Binnenschiffe. Sie sind Ohr für die Sorgen der Schiffer, bringen Zeitungen und kleine Aufmerksamkeiten mit. Mit Unterstützung der Stadt konnte ein Neubau der Gemeinde- und Büroräume auf dem Ponton neben dem Kirchenschiff errichtet werden. Johann Hinrich Wichern kehrte mit dem Café „Eine Welt“ in den Hafen zurück. Unter Anleitung werden dort psychisch belastete Menschen, die im Rauhen Haus gefördert werden, wieder in den Arbeitsprozess integriert.

Zurzeit ruht die Gemeindearbeit. Das Café ist geschlossen. In den Ponton müssen aus Sicherheitsgründen Schwimmkammern eingebaut werden. Danach wird die Flusi zum TÜV in die Werft geschleppt. Das Geld dafür muss der Verein aufbringen. Anfang Mai, so hoffen wir, kehrt die Flusi zum Hafengeburtstag zurück. Sie wird mit Hallo und Freude empfangen werden. Ihr Beitrag für Solidarität und Menschlichkeit, lebensnotwendige Qualitäten für Stadt und Hafen, wird weitergehen.

Helge Adolphsen war bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2005 Hauptpastor am Hamburger Michel. Alle 14 Tage schreibt er im Hamburger Abendblatt unter dem Titel „Adolphsens Einsichten“ seine Gedanken auf.