Harburg

Die halbe Stadt singt mit

Bei der „Carmina Burana“ von Carl Orff stehen 150 Leute auf der Bühne. Vier Chöre singen zusammen am Theater

Momamomamomamomamo. Süsisüsisüsisüsisü. Die Muskeln müssen warm werden, die Lippen geschmeidig, die Artikulation klar. Und zum klassischen Gesang gehört natürlich das rollende R: warrrum warrrum warrrum warrrum. Es ist noch nicht 19 Uhr, der Dirigent steht mit seinen Sängern im Zuschauerraum des Theaters Lüneburg. Heute ist keine Vorstellung, heute ist Probe. Probe für das gewaltigste Projekt, das das Haus in den vergangenen Jahren erlebt hat. Die „Carmina Burana“ mit 150 Männern, Frauen und Kindern auf der Bühne.

Noch hat Henning Voss nur eine leichte Röte im Gesicht. Nach dem ersten Durchlauf werden dem Kantor von Lüneburgs Altstadtkirche St. Michaelis Schweißtropfen über die Stirn perlen. Es ist das erste Mal, dass der Kirchenmusiker mit seiner Kantorei im Theater singt. Und das erste Mal, dass er einen Chor mit Orchester und Ballett auf einer Theaterbühne dirigiert.

„Ich lerne hier jedes Mal dazu“, sagt der hochgewachsene Mann in der kurzen Pause zwischen Einsingen und Start des ersten Durchlaufs. „Das ist für alle Beteiligten toll: Unsere Sänger erleben eine szenische Aufführung auf der Bühne und bekommen ein Gefühl von Präsenz, und das Theater bekommt einen richtig großen Chor zusammen.“

80 Frauen und Männer plus 15 Kinder aus Theaterchor, Extrachor, Michaeliskantorei, Johanniskantorei und Musikschule singen im Chor für das 1937 uraufgeführte Stück von Carl Orff – plus drei Solisten. So viel Wucht war nie im Theater Lüneburg: Die Sänger haben Bühnenmeister und Musikchef auf ein Gerüst über dem ebenfalls auf der Bühne sitzenden Orchester gestellt – auch das mit 15 Gästen und Schlagwerk auf 45 Mann gewachsen: Das hat richtig Wumms im kleinen Haus mit seinen knapp 550 Plätzen.

Damit die Balletttänzer überhaupt noch Platz finden auf der Bühne, hat der Orchestergraben einen Deckel mit rutschfestem Tanzboden bekommen: Rot-weißes Absperrband hat die Inspizientin während der ersten Proben um den kostbaren Belag gespannt, damit die Gastsänger nicht ständig mit Straßenschuhen vom Zuschauerraum über die Tanzfläche auf die Bühne und zurück laufen.

Doris Pfeiffer heißt die Frau, die alles im Blick hat bei der Burana. Die weiß, wer wann wo zu sein hat, die jeden Solisten fünf Minuten vor seinem Auftritt anruft – falls die Uhr stehen geblieben ist oder die Gedanken gerade woanders. Und die auch bei jeder Probe mit Headset, zwei Bildschirmen und Regiebuch im Dunklen neben der Bühne sitzt, einhundertprozentig konzentriert. Hinter der Rückwand liegt eine junge Frau auf dem Boden, die rechten Zehen nach vorne, die linken nach hinten gespreizt: Ewelina Kukuschkina dehnt die Bänder in den kurzen Pausen zwischen ihren Auftritten. „Es ist spannend, mit so vielen Leuten wie sonst nie auf der Bühne zu sein“, sagt die Tänzerin und blickt erschreckt auf, als sie den Bariton auf der Bühne einsetzen hört. „Moment, ich glaube“, flüstert sie und springt auf, „ich muss da mal eben hin.“

Oben auf dem Gerüst sitzen die Herren von Theaterchor, Extrachor und Kantoreien. Sitzen, weil sie gerade nichts zu singen haben. Da ist auch ein Lächeln für den neugierigen Gast drin: Was denn da liege neben dem Knie? Spickzettel, lautet die verschmitzte Antwort. Auswendig singen müssen die Kollegen der Kantoreien schließlich sonst nie.

„Das ist schon eine Herausforderung“, sagt Karlheinz Follert in der Pause, als er zwischen den Stuhlreihen im Zuschauerraum steht. Der Rentner aus Salzhausen singt seit 1999 an St. Johannis. Anders sieht die Herausforderung bei Susanne und Arne Laudien aus Lüneburg aus: „Wir singen beide mit und haben eine kleine Tochter“, erzählt Susanne, während ihr Mann in sein Abendbrötchen beißt. „Und parallel zu den Proben hier übt der Rest unsere Chores für unsere eigenen aktuellen Stücke für Ostern und Juni.“ Kerstin Schmeitzner aus Lüneburg muss die Probenzeiten mit dem Pendeln unter einen Hut bekommen. „Dass es so aufwendig wird, damit haben wir wohl alle nicht gerechnet.“ Rentnerin Erika Tipke kommt für die Proben jedes Mal 20 Kilometer aus Bleckede hergefahren. „Es ist total spannend und macht richtig Spaß, egal mit welchem Dirigenten“, sagt sie. Und darin sind sich alle einig: Spaß und Bereicherung wiegen Zeitaufwand und Stress auf. „Wir bekommen Einblicke in die Arbeit anderer Chöre, das ist interessant“, sagt Hauke Papenberg. Susanne Laudien merkt, dass sich zwischen den Menschen etwas ändert: „Die eigene Chorgemeinschaft wächst enger zusammen.“

Wilhelm Bartels, 75, hat sich für einen Moment auf einen der roten Zuschauersitze fallen lassen. Seit 50 Jahren singt er in der Johanniskantorei. „1969 haben wir die Carmina Burana schon einmal gesungen“, erinnert er sich. „Das durften wir damals in der Kirche nicht und mussten Spenden sammeln, damit wir es in der Nordlandhalle aufführen konnten.“

1969 war Nane noch nicht einmal geplant. Die Zehnjährige aus Reppenstedt singt im Grundschulchor und wird von ihrer Mutter zu den Proben nach Lüneburg gefahren. „Das bringt Spaß hier“, sagt das blonde Mädchen, „ich habe die Carmina Burana auch schon einmal in Bad Bevensen gesungen.“

Wir treffen auf Thomas Dorsch, seit dieser Saison neuer Musikdirektor am Theater Lüneburg. Er wechselt sich mit den Kollegen Henning Voss und Joachim Vogelsänger von den Kantoreien Michaelis und Johannis beim Dirigieren ab. „Beides sind klasse Kirchenmusiker“, sagt Dorsch, „ich wollte sie persönlich kennenlernen und möglichst viele Fäden in die Stadt spinnen.“

Und so war es auch nicht das Stück, das zuerst da war und für das eine Aufführungslösung her musste, sondern die Idee des Bürgertheaters, die zuerst da war und für die Stück gesucht wurde. Das Konzept des Intendanten Hajo Fouquet, seit er am Lüneburger Haus ist. „Dein, mein, unser Theater lautet das Motto dieser Spielzeit“, sagt er im ausnahmsweise verwaisten Pausensaal am Stehtisch. „Bei diesem Projekt vereinen wir richtig viele Menschen. Die Carmina Burana emotionalisiert und braucht ein großes Volumen. Die enge und professionelle Zusammenarbeit ist fruchtbar und macht Freude, manchmal gehen wir nach der Probe noch mit 60 Leuten einen Wein trinken.“

Gleichzeitig kommen die beiden Neuen am Haus – Musikdirektor Thomas Dorsch und Ballettchef Olaf Schmidt – mit dem Mammutgemeinschaftsprojekt richtig an in Lüneburg – im Theater und in der Stadt. Premiere feiert „Carmina Burana“ am Sonnabend, 8. März. Der Termin ist ausverkauft. Weitere elf Vorstellungen stehen bis Juni im Spielplan, bei hoher Nachfrage sind Zusatztermine möglich. Informationen und Karten gibt es an der Theaterkasse unter Telefon 04131/ 4 21 00.

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