Harburg
Peine

Was Harburger von früher erinnern

Facebook-Gruppe „Du bist Harburger, wenn...“ hat schon 3000 Fans. Internet-Seite als kollektives Stadtteil-Gedächtnis

Harburg/Peine. „Du bist Harburger, wenn... ...Du auch mal zwischen den beiden Boxern gesessen hast“ Mit diesem Eintrag im Internet-Netzwerk Facebook trat Sven Dechau eine Welle los. Nur eine Woche, nachdem er die Facebook-Gruppe „Du bist Harburger, wenn...“ gegründet hatte, hat sie schon 3000 Mitglieder. Die meisten lesen nur mit, aber viele beteiligen sich auch aktiv und stellen ihre eigenen Thesen auf, welche Kindheits- und Jugenderinnerungen den Harburger und die Harburgerin prägen.

„Ich bin selbst völlig überrascht“, sagt Dechau. Der gebürtige Eißendorfer lebt verheiratet und als Vater zweier Kinder in Peine. „Meine Frau kommt aus Braunschweig und für ihre Heimatstadt gibt es so eine Facebook-Gruppe schon länger“, sagt er. Und weil Frau Dechau und ihre Freundinnen sich so prima über diese Seite amüsieren konnten, dachte sich Sven Dechau, dass es so etwas auch für Harburg geben sollte. Er guckte nach und fand eine entsprechende Seite nur für Hamburg. Aber das zählt ja für einen echten Harburger nicht.

Also setzte er sich hin und gründete selbst eine Facebook-Gruppe, Seine Frau half ihm. „Die kennt sich damit besser aus, als ich“, sagt er. Dechau dachte sich, dass er schon Erfolg hätte, wenn er mit der Gruppe ein paar Hundert Leute erreicht. Am Dienstag vor einer Woche startete er das Projekt. „Am Wochenende schnellte die Zahl dann auf 2000 hoch“, sagt Dechau.

Am Dienstag darauf waren es bereits über 3000 Facebook-Nutzer, die die Gruppe mit „Gefällt mir“ markiert hatten. Wer das getan hat, hat viel zu lesen: Alle zehn bis 20 Minuten kommen neue Einträge hinzu. Die meisten Erinnerungen stammen aus den 70er-und 80er-Jahren. Das deckt sich mit der Facebook-Demographie. Die meisten Nutzer des Netzwerks sind zwischen 35 und 55 Jahren alt sind.

„Du bist Harburger, wenn Du noch in der Harburger Schwimmhalle schwimmen konntest“, ist ein typischer Beitrag. Viele erinnern an Harburg vor seinem großen Umbau, oder die Zeit des Umbaus selbst, als Harburg zwischen dem Bahnhof und dem Rathaus eine riesige Baugrube war. Als danach die Fußgängerzone entstand, als man Musik noch im Keller von „Marquardt“ kaufte – und dabei tatsächlich beraten wurde, als man Currywurst noch in einer grünen Bretterbude kaufen konnte und an der Bremer Straße die Familie Lau Pionierarbeit in der Liefergastronomie leistete.

Gerne erinnern sich ältere Nutzer der Gruppe auch an die Straßenbahn. Einer hat sogar einen Film eingestellt, auf der eine Runde der Bahn von der Schloßmühlendamm-Kreuzung bis zur Endstation in Rönneburg und zurück dokumentiert wird. Diesen Film – samt Fahrgeräuschen – sollte man denen empfehlen, die Lärmschutz an der Jägerstraße fordern und gleichzeitig in einer Partei aktiv sind, die die Straßenbahn wieder einführen will.

Über die Gruppe haben sich in der kurzen Zeit auch schon Sandkastenfreunde wiedergefunden, die sich aus den Augen verloren hatten und „Generationen“ von Schülern über den einen oder anderen Lehrer an ihrer Schule ausgetauscht. Reine Wehmutsnostalgie kommt dabei selten auf. Der Harburger ist zu Selbstironie fähig: Du bist Harburger, wenn Du Scheiß gebaut hattest, nach Hause kamst und gleich an die Ohren kriegtest, weil Deine Mutter schon alles wusste“, schreibt Sven Dechau zum Beispiel in einem anderen Beitrag über die historische Fähigkeit der Harburger, sich auch ohne Smartphone zu vernetzen.

Ob der Fußballplatz am Postweg, die „Pimmelboxer“ an der Knoopstraße, oder der Ütschendiek – offiziell heißt er Lohmühlenteich – im Göhlbachtal: Einige Orte tauchen immer wieder auf und bilden quasi die Quintessenz des Harburgerseins: Die Hexenklause, der Renaissance-Club, die Schwimmhalle, die Plattenabteilung des HiFi-Geschäfts Marquardt, das Comic-Antiquariat an der Kalischerstraße, die Kinos Gloria und Kurbel und der Busbahnhof vor und eben nicht neben dem Bahnhof sind im kollektiven Bewusstsein fest verankert, weil sie für jeden auch mit Erlebnissen und Geschichten verbunden sind.

Eine Anhängerin der Gruppe hat Sven Dechau gefragt, ob er aus den Beiträgen nicht ein Buch machen möchte. „Ich glaube, das sollte ich machen“, sagt er. „Ich würde die Profite daraus einer wohltätigen Organisation spenden.“