Junge Mimen lieben das Theater

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Thomas Sulzyc

An der „kleinen bühne“ spielen gleich fünf neue junge Schauspieler mit. Die Regisseure sichten Talente an Schulen

Zu bescheiden klingt heute der Name „die kleine bühne“. Denn bereits seit 1979 macht die freie Theatergruppe großartiges Theater in Harburg und bei Gastspielen in mehr als 70 Orten. Und vieles spricht dafür, dass sie auch in den nächsten drei Jahrzehnten Hamburgs Theaterlandschaft bereichern wird. Gleich fünf junge neue Schauspieler, 19 bis 22 Jahre alt, sind zu dem Ensemble gestoßen und bilden ein Faustpfand für die Zukunft. Zum ersten Mal zusammen sind die fünf neuen Darsteller zurzeit in der aktuellen Produktion „Hotel zu den zwei Welten“ im Harburger Rieckhof zu sehen.

Regisseur und Schauspieler Torsten Tiedemann, 49, kennt noch die Zeit, als seine Theatergruppe vergeblich auf der Internetseite nach Neuzugängen suchte. Mittlerweile haben offenbar Amateurtheater an Attraktivität bei der Jugend gewonnen – und dazu trägt ausgerechnet das Fernsehen bei. „Seit die verschiedenen Casting-Shows laufen, schreiben uns junge Leute E-Mails und fragen, ob sie bei uns spielen dürfen“, sagt Tiedemann.

Von Experimenten mit ihm unbekannten Mimen hält der Regisseur aber nicht viel. Torsten Tiedemann spricht lieber Talente an, die ihm aufgefallen sind. Dazu beobachtet er intensiv die Schultheater in Harburg und dem Umland. Gleich vier der fünf jungen Bühnenkünstler stammen von der Theatergruppe des Luhe Gymnasiums in Tiedemanns Wohnort Winsen. Der Theaterchef akquiriert die gesichteten Talente, wo er sie trifft. Dem 21 Jahre alten Lukas Stoppel hat er das Schauspiel bei der „kleinen bühne“ in der Eisdiele schmackhaft gemacht.

Die Neuen haben sich am Gymnasium in das Theaterspiel verliebt

Die 19 Jahre alte Nina Zabiensky, Sina Meyer, 22, und René Hußmann, 21 – sie alle haben sich am Luhe Gymnasium in das Theater verliebt. Nina Zabiensky hat professionelle Ambitionen und bewirbt sich zurzeit an staatlichen Schauspielschulen. Sina Meyer lässt sich auch von ihrem Studium in Suderburg nicht vom Bühnenspiel abhalten. Sie liebe das Theater und das Spiel mache ihr den Kopf vom Studium frei, sagt sie. René Hußmann, Logistik-Student an der Technischen Universität in Harburg, hat sich in der Schule mit dem Theatervirus infiziert. Er besetzt eine Hauptrolle in der aktuellen Produktion. Aufgefallen am Schultheater, allerdings in Harburg, ist auch Philipp Gillner. Der 19 Jahre alte Heimfelder wohnt in der Nachbarschaft von Regisseurin und Schauspielerin Ulrike Niß und wurde auf der Straße für die Bühne engagiert.

Insgesamt 20 Schauspieler zählen zum Pool der „kleinen bühne“. Dass Torsten Tiedemann gleich fünf Rollen mit dem Nachwuchs besetzt hat, ist ungewöhnlich. Als Affront gegen etablierte Ensemblemitglieder ist das nicht zu werten. „Wir brauchen unsere bewährten Schauspieler“, betont Torsten Tiedemann, „das Publikum will bekannte Gesichter sehen.“

Ein Personalwechsel in der Geschichte hätte möglicherweise das Ende der „kleinen bühne“ bedeuten können. Als der Gründer, Darsteller und Autor Frank Pinkus ins Profifach wechselte und der Übervater „sein“ Theater verließ, füllten Torsten Tiedemann und Ulrike Niß gemeinsam diese Lücke. Die beiden führen abwechselnd Regie und entscheiden gemeinsam, was auf den Spielplan kommt. „Demokratie bei uns am Theater ist, das Ulrike und ich das Stück auswählen“, sagt Torsten Tiedemann und schmunzelt. Bei 20 Ensemblemitgliedern käme man ja sonst nie zu einer Entscheidung. Das philosophische Stück „Hotel zu den zwei Welten“ des Romanciers und Dramatikers Eric-Emmanuel Schmitt ist nicht typisch für „die kleine bühne“. Das Theater hat sich einen Ruf als Komödien-Spezialist gemacht. „Wir spielen zeitgemäße neue Stücke“, nennt Torsten Tiedemann die Nische, die er in der Theaterlandschaft erspäht hat. Klassiker, die „die kleine Bühne früher auf dem Spielplan hatte, würden die Profitheater und die Schultheater oft genug aufführen. Als Frühjahrsproduktion 2014 kann sich Tiedemann eine Komödie von Frank Pinkus vorstellen. Komödien des früheren Harburgers ( „Allein in der Sauna“, „Mein Mann wird Mutter“) hatten an Theatern in ganz Deutschland großen Erfolg.

Die Schauspieler kleben den Teppich und bauen die Kulissen auf

Die Schauspieler der „kleinen bühne“ beherrschen das gesamte Handwerk am Theater: Sie kleben den Teppich auf der Bühne, bauen die Kulissen auf oder diesen an der Garderobe. Eine halbe Stunde vor der Aufführung tanzt sich Sina Meyer in ihre Rolle ein, um dann abrupt abzubrechen und in Richtung Saaleingang zu laufen: „Ich muss ja noch die Kasse machen“, ruft sie.

„Hotel zu den zwei Welten“ von Eric-Emmanuel Schmitt, „die kleine Bühne“; Donnerstag, 7., und Freitag, 8. November, jeweils 20 Uhr, Rieckhof in Harburg, Eintritt: 10 Euro.

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