Harburg

Sie sind jetzt ihre eigenen Chefinnen

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Jochen Gipp

Ruth Wegener und Lavinia Nagel sind Existenzgründerinnen. Mit ihrem Café „WattenbergAcht“ haben sie den Sprung ins kalte Wasser gewagt

Harburg. Nicht immer geht es bergauf im Leben. Diese Erfahrung hatte auch Lavinia Nagel machen müssen, als sie vor rund fünf Jahren als Bauzeichnerin arbeitslos wurde und trotz zahlreicher Bewerbungen keine neue Anstellung fand. „Bloß nicht in Langzeitarbeitslosigkeit und Hartz VI geraten“, hatte sich die gebürtige Rumänin gedacht. Siebenbürgen ist ihre Herkunftsregion. Ihr Vater war Deutscher.

In dieser Situation der Arbeitssuche freundete sie sich auch mit dem Gedanken an, sich beruflich selbstständig zu machen. Und wie man heute sehen kann, hat es mit der Selbstständigkeit geklappt. Das Café „WattenbergAcht“ in der Wattenbergstraße 8 in Heimfeld, hat sich seit seiner Eröffnung im Herbst 2010 prächtig entwickelt. Es bietet neben Speisen und Getränken auch ein regelmäßiges Kulturprogramm. Die Zahl der Gäste steigt beständig. Und inzwischen kann an Wochenenden sogar schon eine Teilzeitkraft beschäftigt werden. Aber: Hinter dem Erfolg steckt viel Fleiß -und ebenso eine gehörige Portion Glück.

Wäre da nicht eine gemeinsame Freundin gewesen, so hätte Lavinia Nagel nicht ihre heutige Geschäftspartnerin Ruth Wegener kennen gelernt. Beide Frauen sind Anfang 50. Und auch Ruth Wegener, die früher als Zahntechnikerin selbstständig gearbeitet hatte, wollte noch einmal beruflich durchstarten. Ihr Mann Gerhard, von Beruf Maschinenbauingenieur, hatte das Mehrfamilienhaus in der Wattenbergstraße 8 als Geldanlage gekauft. Und dann drehte sich plötzlich alles um die Frage, wie die Ladenräume im Erdgeschoss künftig genutzt werden sollten. Ein Schuster hatte dort viele Jahrzehnte zuvor Schuhe besohlt.

Ruth Wegener hatte die Idee mit dem Café. „Ich backe gern Kuchen“, sagt sie. Über die gemeinsame Freundin erfuhr Lavinia Nagel von der Idee und schon setzten sich beide Frauen zusammen, um aus ersten Gedanken gemeinsam Pläne zu schmieden und konkrete Inhalte zu schaffen. Dass die Immobilie in Eigenbesitz ist und Gerhard Wegener seine Frau nach Kräften unterstützte, ist schon die halbe Miete und eine Teilabsicherung des Erfolgs.

„Da bin ich mir ganz sicher“, sagt Lavinia Nagel, „alleine hätte ich mich im Gastronomiegewerbe nicht selbstständig machen können.“ Sie erinnert sich an die Gespräche mit ihrer Vermitlerin bei der Agentur für Arbeit in Harburg, an Informationsabende für Existenzgründer bei der Handelskammer in Hamburg, an Beratungsgespräche bei der Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Migranten (ASM) und nicht zuletzt an ihren Businessplan, der von Beratern der Hamburger Lawaetz Stiftung geprüft und als förderungswürdig eingestuft worden war. So bekam Lavinia Nagel von der Agentur für Arbeit statt des Arbeitslosengeldes sechs Monate lang einen monatlichen Gründungszuschuss plus 300 Euro für die soziale Absicherung. Und wegen der positiven Beurteilung des Businessplans durch die Lawaetz Stiftung erhielt sie auch einen Kredit aus dem Wirtschaftsprogramm der Hamburger Wirtschaftsbehörde. „Bis 2015 muss ich noch jeden Monat gut 230 Euro zurück zahlen“, sagt Lavinia Nagel. Der Gründungszuschuss hat dazu beigetragen, dass die Existenzgründerin ihre monatlichen Kosten decken konnte. Der Kredit half ihr, den eigenen Anteil für die Einrichtung des Cafés beizusteuern.

Es sind sehr viele Beratungsgespräche erforderlich, sehr viele Behördengänge, und es sind sehr viele amtliche Genehmigungen erforderlich, bevor ein solcher Gastronomiebetrieb gestartet werden kann. „Wir sind sehr gut beraten worden, auch von den Mitarbeitern des Harburger Bezirksamts“, sagt Ruth Wegener, „sonst hätten wir als Anfänger sicherlich Fehler gemacht.“

Ulf Fock, Dienststellenleiter der Agentur für Arbeit, bestätigt, dass die Beratung einer der wichtigsten Bausteine vor der Existenzgründung ist. Es reiche nicht, sich einen Wirtschaftsplan vom Steuerberater absegnen zu lassen.

Fock: „Unter www.arbeitsagentur.de gibt es viele Informationen zur Existenzgründung im Internet. Zudem haben wir einmal pro Monat in unserem Haupthaus in der Kurt-Schumacher-Allee kostenlose Gruppeninformationsveranstaltungen.“ In Hamburg sind dieses Jahr bereits 900 Existenzgründer ins Förderprogramm aufgenommen worden. Nach den Worten von Fock sind die Agenturen für Arbeit in erster Linie bemüht, arbeitssuchende Menschen wieder in eine sozialversicherungspflichtige Anstellung zu vermitteln.

Wer sich für Existenzgründung interessiert, wird deshalb nicht abgewiesen. Es komme immer auf die Einzelfallprüfung an. Noch vor drei Jahren war es für die Agentur für Arbeit verpflichtend, Existenzgründer zu unterstützen, die ein von fachkundiger Stelle geprüftes Konzept vorlegten. Seit 2012 gibt es eine Ermessensleistung.

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