Harburg

Ein Albtraum direkt aus Neugraben

Der in Fischbek produzierte Animationsfilm „Reverie“ findet auf Kurzfilmfestivals international viel Beachtung

Ein in Neugraben-Fischbek produzierter Animationsfilm erhält in der Branche national wie international viel Beachtung. Mehr als 70 Kurzfilmfestivals haben den Zeichentrickfilm „Reverie“ inzwischen gezeigt. Zwei Jahre Arbeit haben die beiden Studenten Valentin Gagarin und Robert Wincierz zusammen mit der Kommunikationsdesignerin Shujun Wong in den zwölf Minuten langen Streifen gesteckt. Ihre Filmkunst hat ihnen in diesem Jahr sogar eine Einladung zu den Filmfestspielen in Cannes eingebracht. „Mit Kurzfilmen kann man kein Geld verdienen, aber man kann damit herumkommen“, sagt der 24 Jahre alte Filmstudent Valentin Gagarin.

German Films, die Marketingagentur für den weltweiten Export deutscher Filme mit Sitz in München, hat „Reverie“ als einen deutschen Beitrag für die Filmfestspiele in Cannes ausgewählt – und damit drei junge Leute aus Neugraben auf den berühmtem roten Teppich eines der bedeutendsten Filmfestivals Europas gebracht. „Abendgarderobe war Pflicht“, sagt Valentin Gagarin. Die Neugrabener erhielten Einladungen zu exklusiven Partys. Nur bei bedeutenden Filmfestivals übernehmen die Veranstalter die Kosten für Flug und Hotel. In der Regel reisen Kurzfilmproduzenten auf eigene Kosten. Das Animationsfestival in Bukarest vom 7. bis 12. Oktober wird „Reverie“ zeigen. In der rumänischen Hauptstadt werden Valentin Gagarin und Shujun Wong das tun, was bei solchen Branchentreffen üblich ist: im Kinosaal Fragen zu ihrer Produktion beantworten und Kontakte knüpfen.

„Reverie“ (deutsch: Träumerei) ist eine Hommage an den Disneyfilm Mitte des 20. Jahrhunderts und an den Naturalismus des französischen Trickfilms. In einer ambitionierten Detailtreue haben die drei Filmemacher aus Neugraben recherchiert, wie Kühlschränke, Toaster und andere Alltagsgegenstände in den 1950er-Jahren ausgesehen haben – um diese liebevoll aufgebaute Kulisse gleich wieder zu zerstören, in dem sie eine Hamburger S-Bahn durch ein amerikanisches Büro rasen zu lassen. „Salvatore Dali ist mein Vorbild gewesen“, erklärt Valentin Gagarin diese Vorliebe für das Absurde.

Zwölf Bilder pro Sekunde bringen Bewegung in die gezeichneten Figuren. Aus etwa 10.000 einzeln gezeichneten Bildern setzt sich der zwölf Minuten lange Film zusammen. In dem Zeitraum von zwei Jahren haben die drei Freunde die Filmszenen papierlos auf digitalen Zeichenflächen am Computer entwickelt. Nur das Gesicht ihres tragischen Protagonisten, eines namenlosen Mannes, hat stets Valentin Gagarin gezeichnet, damit bei der Hauptfigur keine stilistischen Unterschiede auftreten.

„Reverie“ beschreibt einen Albtraum, der sich langsam in eine Vorstadtidylle einschleicht. Ein Selbstmord auf den Schienen eines Bahnhofs, den der Filmprotagonist auf dem Weg ins Büro beobachtet, wirft ihn aus der Bahn. Wegen seiner Träumereien verliert der Mann erst den Job, dann die Ehefrau. Die drei Neugrabener zeichnen seinen sozialen Abstieg in kafkaesken Szenen. Am Ende hat er sein ganzes Leben verloren und steht selbst vor den Gleisen.

Die „Träumerei“ ist ein Animationsfilm für Erwachsene und damit eine Kunstform, die in Deutschland unterrepräsentiert ist. Der Markt in Deutschland konzentriert sich vor allem auf Kinderfilme. Der Animationsfilm in Deutschland genießt im Gegensatz zu Frankreich nicht den größten Stellenwert. Der Anteil deutscher Trickfilme im Fernsehen beträgt sechs Prozent, so der Filmkritiker Lars Meyer in einem Beitrag für das Goethe Institut. Nach Angaben des Branchenverbandes AG Animationsfilm sei der Output an deutschem Fernseh-Animationsfilm in dem Zeitraum 2005 bis 2011 immer weiter gesunken. Sogar Luxemburg würde mehr Trickfilme produzieren als Deutschland. „Eine kommerzielle Verwertung war nie unser Anspruch“, sagt Robert Wincierz, „wir machen zwölf Minuten Unterhaltung auf hohem qualitativen Niveau, um es der Welt zu präsentieren.“ Mit mehr als 70 Festivalnominierungen ist ihnen das gelungen. Ein Trickfilm, sagt Valentin Gagarin, sei die Entscheidung für die künstlerische Freiheit auf Kosten eines ungeheuren Aufwandes.

3500 Euro für die Filmproduktion haben die drei Neugrabener mit Hilfe des Croudfoundings, die Kapitalbeschaffung von Kleinförderern im Internet, eingeworben. Zusätzlich mit Preisgeldern und 500 Euro Unterstützung der Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft steg Hamburg habe das Trio den Film ohne Verluste produzieren können. Würde man die Arbeitsstunden und Kosten aufrechnen, sagt Valentin Gagarin, wäre ein Budget von 50.000 bis 70.000 Euro nötig gewesen. Für den Filmstudenten sei die Produktion eine Referenz, eine „Art Visitenkarte“.

Die drei Kreativen haben sich während ihrer Schulzeit am Gymnasium Süderelbe kennengelernt. Valentin Gagarin, 24, studiert heute Film an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Robert Wincierz, 26, steht unmittelbar vor dem Abschluss eines Managementstudiums mit Schwerpunkt Marketing an der Leuphana Universität in Lüneburg. Shujun Wong, 25, arbeitet freiberuflich als Kommunikationsdesignerin. Einer ihrer Auftraggeber ist ein Hamburger Verlag, der Mangas, die japanische Form des Comics, herausgibt.

Die Kreativszene in Neugraben-Fischbek ist überschaubar. Valentin Gagarin bezeichnet den Stadtteil im Hamburger Süden als „Dorf“, der geografisch „ultraschlecht“ angebunden sei. „Wir sind hier die einzige Terrorzelle von Filmemachern“, scherzt er. Die düstere Großstadtepisode in „Reverie“ spiegele auch sein Verhältnis zur Großstadt wider. Der junge Filmemacher kann der kulturellen Diaspora Positives abgewinnen: „Dort, wo wenig ist, kann man auch mehr machen.“ Valentin Gagarin selbst gibt Filmkurse für Jugendliche aus dem Stadttteil.

Der Animationsfilm „Reverie“ ist zurzeit noch nicht im Internet zu sehen. Das würde die Chancen senken, auf Festivals gezeigt zu werden, erklärt Valentin Gagarin. Die Veranstalter legen Wert auf die Exklusivität der Filme. Wer will, kann eine DVD auf der Homepage der Filmproduzenten aus Neugraben-Fischbek bestellen: www.fricklerhandwerk.de