Embsen

Amok! Einsatzkräfte proben den Ernstfall

Polizei, Rettungsdienste und Feuerwehren haben am Wochenende eine Bedrohungslage am Schulzentrum Embsen durchgespielt

Embsen. Fünf Minuten dauert es, bis aus Übung Realität wird. Zehn Minuten, bis der Schweiß die Haut hinunterläuft. Und zwanzig Minuten, bis zum ersten Mal die Kräfte schwinden. Hans-Jürgen Felgentreu weiß, wovon er spricht. Der Leiter der Polizeiinspektion in Lüneburg hat selbst schon in der Situation gesteckt, die nur jemand nachvollziehen kann, der sie selbst erlebt hat: ein fiktiver Einsatz bei einem Amoklauf.

Zum ersten Mal hat die Polizeiinspektion Lüneburg/Lüchow-Dannenberg/Uelzen eine Bedrohungslage an einer Schule gemeinsam mit Rettungsdiensten und Feuerwehr geprobt: die erste praktische Vollübung in Nordostniedersachsen und nicht bloß einzelner Segmente und einzelner Einheiten. Vier Durchläufe haben die insgesamt rund 160 Einsatzkräfte am Sonnabend und Sonntag im Schulzentrum Embsen südlich von Lüneburg durchgespielt. Vier Mal greift ein Täter Schüler und Lehrer an. Vier Mal gibt es Dutzende Opfer.

Ziel ist, mehr Sicherheit im Handeln zu schaffen – besonders auch bei den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehren, von Deutschem Roten Kreuz (DRK) und Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). Auch wenn keine aktuelle Bedrohungslage vorliege und man keine Ängste schüren wolle, seien die Vorfälle von Winnenden und Emsdetten allen in Erinnerung, sagt Polizeidirektor Felgentreu zu den zahlreichen Gästen aus Verwaltung und Politik, die die Übung per Kameraübertragung an Bildschirmen in der Mensa verfolgten. „Die menschlichen Verrücktheiten sind nicht vorhersehbar. Aber sie sind Realität.“

Innerhalb der Übung lautet das Ziel: den Täter lokalisieren, handlungsunfähig machen und Sicherheitszonen schaffen. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen Rettungskräften: Denn ein Feuerwehrmann, der in einen Schussbereich tritt, ist ein toter Feuerwehrmann.

Verkehrsunfall am Schulzentrum Embsen, ein Verletzter: Das ist die Meldung, die die Einsatzleitstelle erreicht. Als die Beamten aus dem Streifenwagen steigen, sehen sie, dass die Verletzung gar nicht von einem Unfall herrührt: Das Opfer ist angeschossen.

Nach einem festen Drehbuch läuft die Übung ab, einem Drehbuch, das die wenigsten kennen. Irgendwann stellt sich heraus, dass ein ehemaliger Schüler, frustriert über seiner Meinung nach ungerechtfertigt schlechte Noten und damit versautes Leben, sich rächen will, mit Pistole und Sprengstoff in seine alte Schule zurückkehrt und mehrere Mitschüler und Lehrer verletzt und tötet.

Nach etwa einer Stunde ist der Täter in Embsen überwältigt, Polizisten sind angeschossen worden. Draußen vor der Schule läuft die Erstversorgung der Opfer. Zwischen 30 und 40 sind es. An den Wänden im Flur leuchten ein paar rote Kleckse: FX-Munition, besser bekannt als Paintball-Munition. Die verletzt nicht ernsthaft, macht aber blaue Flecken. Und zeigt dem Angeschossenen: Wäre das hier keine Übung, wäre ich jetzt tot.

„Die Kollegen kommen an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit“, sagt Polizeidirektor Felgentreu. Dabei ist die Situation am Wochenende – nur wenig fiktive Lehrer und Schüler laufen schreiend durch die Flure – noch wesentlich ruhiger als in einem Ernstfall, davon ist auszugehen.

Für Lehrer und Schulleiter gibt Polizeidirektor Roland Brauer mit auf den Weg: „Bitte alle Räume, die an Fluren liegen, mit Knäufen ausstatten anstelle von Klinken.“ Damit von außen nur Leute in die Klassen kommen, die einen Schlüssel haben. „Und bitte im Falle eines Falles in den Klassenräumen bleiben, auf den Boden setzen und von Türen und Fenstern fernhalten. Nicht irgendwo hinlaufen.“

Um Verständnis bitten die Beamten auch für ihre Kollegen, die im Einsatz martialisch wirken: Wenn im Ernstfall nach etwa 20 Minuten Journalisten, Eltern und Schaulustige beim Tatort auftauchen, können die Polizisten nicht unterscheiden – und werden erst einmal alle gleich rüde wegschicken, auch wenn sie ein berechtigtes Interesse haben sollten zu erfahren, was passiert ist. „Da hat keiner den Kopf frei, zu trennen“, erklärt Brauer.

Eins ist laut Polizeidirektor jedoch schon vor der Übung klar gewesen: „Wir können eine solche Situation nicht positiv gestalten. Wir können sie nur mir Anstand verlieren. Und das bedeutet, dass wir vorbeugen und Abläufe so gestalten, dass nicht mehr Schaden eintritt als unbedingt nötig.“