Hanstedt

Schmusi liebt Schäfer Garbers’ grünes Gras

Der ehemalige Hirte und passionierte Tierrechtler Günter Garbers rettet Rinder und Schafe vor der Schlachtung

Seevetal/Hanstedt. Die idyllisch in der Samtgemeinde Hanstedt gelegene Weide ist nur über einen Feldweg zu erreichen, der abrupt endet. Ein Mähdrescher tuckert über die goldgelben Felder. Hinter dem Gatter des von Brennnesseln gesäumten Verschlags wartet Schmusi an dem sonnigen Spätsommertag auf seinen Besitzer Günter Garbers – es ist Futterzeit. Zur Begrüßung leckt der 600 Kilogramm schwere schottische Highland-Bulle freudig erregt die ihm entgegen gestreckte Hand, Speichel tropft aus dem rosa Maul. „Er weiß genau, dass ich ihm das Leben gerettet habe“, ist sich der 61-jährige Mann mit dem Schäferhut sicher. Wie dem auch sei, klar ist: Ohne Garbers wäre Schmusi heute ein Steak.

Schmusi: Der Name für ein vierjähriges unkastriertes Hochlandrind ist natürlich eine Provokation. Kuscheln mit dem Bullen ist nicht angeraten. Deshalb warnt Garbers Besucher und Spaziergänger eindringlich, die Weide zu betreten, denn ein Hieb mit den spitzen Hörnern kann tödlich sein. Sein Vorbesitzer hatte die Kraft des Bullen brutal zu spüren bekommen, wurde lebensgefährlich verletzt. Und dies, obwohl er das Tier mit der Flasche groß gezogen hatte, weil es von der Mutter verstoßen worden war. Wegen der überraschenden Attacke sollte das Tier getötet werden, der Termin war schon anberaumt. Garbers hörte von der Geschichte und rettete den Bullen vor dem Bolzenschuss: „Als ich ihm in der Todeszelle in die Augen sah, wusste ich, dass er nicht böse ist. Er leckte mein Hand, als wollte er sagen: Günter, hol’ mich hier ’raus!“

Das war vor zwei Jahren. Heute lebt der zottelige Koloss am Nordostrand des Naturschutzgebiets Lüneburger Heide auf einem Grundstück, das sein neuer Halter einst von seinen Eltern geerbt hat. Dass Günter Garbers, ein in der Region bekanntes Unikum mit grünem Schlapphut, den Bullen vor der Schlachtbank bewahrt hat, hat einen Hintergrund. Denn der gelernte Schäfer und studierte Landschaftsgärtner hat eine Wandlung vom Saulus zum Paulus durchlaufen. Bis Mitte der 1980er-Jahre lebte der Hirte von seinen Tieren. Von der Wolle – und dem Fleisch. Lämmer töten, Hunderte, vielleicht Tausende, gehörte zu seinem Alltag, den er früher mit Alkohol zu verdrängen suchte. Dann lernte er eine Vegetarierin kennen. „Inga hat mein Bewusstsein im Umgang mit Tieren geschärft“, sagt Garbers. Einmal habe seine Freundin ihn gefragt, ob er sie mit seinen blutverschmierten Händen überhaupt noch anfassen möge – das hat bei Garbers gesessen.

Der knorrige Hirte gab seinen Beruf auf und lebt seitdem vom Verkauf von Obst und Biogemüse, das er an jedem Sonnabend auf dem Wochenmarkt in Barmbek anbietet. Garbers hörte vor fast 30 Jahren mit dem Fleischessen auf, wurde einer der Vorreiter der heute in der Mitte der Gesellschaft angekommenen vegetarischen Bewegung. Außerdem verzichtet der kauzige Typ aus der Nordheide auf jeden Luxus, schläft sommers wie winters in seinem alten Kombi, um „nah bei den Tieren zu sein“. Außer Schmusi gewährt er 48 Schafen und vier Ziegen das Gnadenbrot: „Sie sollen in Würde leben und alt werden“, so Garbers. Außer Günters Scherzeug brauchen die Tiere nichts zu fürchten.

Besonders Bauern und Jäger in der Region halten den Seevetaler für einen Spinner. Aber der ist Garbers, der sich als „Tierrechtler“ bezeichnet, gewiss nicht: „Ich mache keinen Unterschied zwischen Nutz- und Kuscheltieren. Alle sind gleich viel wert und haben das Recht zu leben.“ In seinem Engagement ist er eher Praktiker als Theoretiker. Doch neben der Versorgung verstoßener oder vor der Schlachtbank geretteter Tiere setzt sich der kauzige Bartträger auch für den Klimaschutz ein. Garbers verteilt an Info-Tischen Material gegen Massentierhaltung, schreibt in der Lokalzeitung Leserbriefe gegen das Schlachten und meldet sich in Radiodiskussionen zum „Klimakiller Methan“ zu Wort. Als wortgewaltiger Kronzeuge gegen „mordlustige Hobbyjäger“ führt er in Talkshows das Wort. Der NDR bezeichnete den Freund und Anwalt der Tiere kürzlich in einer Dokumentation als „rettenden Engel mit Rauschebart“.

Während andere Menschen sich in seinem Alter auf die Rente freuen, hat Garbers noch viel vor. Weil Rinder nun mal Herdentiere sind, soll Schmusi Gesellschaft bekommen. Seit einem Monat grasen die vor dem Metzgermesser bewahrten Kälber Knuffel, Teischen und Pinocchio auf der Nachbarwiese. Noch trennt die Vier ein Stacheldrahtzaun. Schmusi ist unter Menschen aufgewachsen und muss sich erst an seine Artgenossen gewöhnen. Doch noch interessiert sich der Bulle nicht für seine Freunde, schubbert lieber seinen Wuschelkopf am Metallgitter.

Weil Nutztiere keine Lobby haben, will Garbers mit Gleichgesinnten und Unterstützern den Verein Lebenshof am Mühlenweg gründen, der den Mittelpunkt auf seinem drei Hektar großen Grundstück in Seevetal haben soll. „Es ist Zeit für eine Ernährungswende“, ist der Veganer, der auch auf Milch und Käse verzichtet, überzeugt, „wenn alle Fleischproduzenten meinen Weg gehen würden, wären wir im Umweltschutz und bei der Vermeidung von Tierleid schon wesentlich weiter“.