Harburg

Harburg und die Zeichen der Zeit

Wer nur von zwölf bis Mittag denkt, fällt im Rathaus durchs Raster. Und andernorts haben die Uhren einfach keine Zeit

Harburg. „Hamburgs Zukunft liegt im Süden“ – Dieses Herbert-Weichmann-Zitat von 1969 ist seit damals nicht nur Bezirkspolitikermantra geworden, sondern wird im Harburger Rathaus auch mit Leben gefüllt. Immer wieder schafft es Harburg, nicht nur Hamburg, sondern auch ganz Mitteleuropa weit voraus zu sein. Ist es woanders noch fünf vor zwölf, ist man im Rathaus schon auf die Zeit nach High Noon eingestellt – und doch ist alles wie früher. Westernkenner wundert das nicht: Außer, dass der Marshall gekündigt hat, geht auch im Filmstädtchen Hadleyville nachmittags alles seinen gewohnten Gang. Nur die Uhr geht immer richtig – und da unterscheidet sich Hadleyville von Harburg.

Harburg nämlich schummelt sich in die Zukunft, zumindest im Rathaus: Die Uhr am Erker über dem Portal neigt zum Vorgehen. „Einmal pro Woche zieht unser Hausmeister die Uhr auf. Bei Bedarf stellt er sie auch neu“, sagt Bettina Maack, Pressesprecherin des Bezirksamtes. „Aufziehen“ ist dabei wörtlich zu nehmen. Das 1885 von der Turmuhrenfabrik Korfhage und Söhne hergestellte Uhrwerk wird von großen Gewichten angetrieben, die an Seilrollen vom Dachgebälk des Rathauses langsam nach unten sinken. Um die Uhr am Laufen zu halten, müssen die abgesunkenen Gewichte mit einer Handkurbel wieder nach oben befördert werden. Das Uhrwerk ist eigentlich präzise, aber der Antrieb ist anfällig für Getier, das sich auf den Dachboden schleicht oder verirrt.

Dass die Uhr nicht immer richtig geht, wissen zwar die meisten Rathaus-Mitarbeiter, aber trotzdem verwirrt es sie manchmal. „Gerade neulich habe ich selbst einen Riesenschreck gekriegt“, sagt Bettina Maack. „Ich kam über den Rathausplatz und hatte gleich einen Termin. Nach der Rathausuhr war ich viel zu spät. Als ich aber ankam, war ich die erste bei der Sitzung.“

Mit der vorgehenden Uhr ist das Harburger Rathaus eine Ausnahme: Vielerorts ist in Harburg die Zeit(-messung) schlicht stehen geblieben. Prominentestes Beispiel ist die Uhr über dem Geschäft des Juweliers Balhorn am Sand. Sie zeigt seit Jahren die gleiche Uhrzeit: 10 Minuten nach 10. Auch viele Uhren in der Auslage des Geschäfts stehen auf dieser Zeit. Wer dahinter eine anrührende, spannende oder sonstwie interessante Geschichte vermutet, sei hiermit enttäuscht. 10 nach 10 ist das „lächelnde Gesicht“ des Ziffernblattes. Uhrmacher stellen Zeiger auf diese Zeit, damit die Uhr sympathisch erscheint. Warum seine Werbeuhr immer nur lächelt und nur einmal am Tag die richtige Zeit anzeigt, will Uhrmachermeister Jürgen Balhorn nicht verraten: „Schreiben sie mal lieber, wenn sie geht“, sagt er. Wer genau hinsieht, erkennt das Problem auch ohne Erklärung: Stromkabel hängen neben der Uhr aus der Wand, statt hineinzuführen. Ohne Energie kann auch der beste Uhrmacher nichts machen.

Wenige Meter um die Ecke, über dem S-Bahn-Eingang Neue Straße der Station Harburg Rathaus, hat man sich nicht einmal die Mühe gemacht, die stehende Uhr zum Lächeln zu bringen. Zwei gekreuzte Klebebandsteifen über dem Uhrenglas erklären die angezeigte Zeit seit fünf Jahren für ungültig. „Wir bekommen keine Ersatzteile mehr für diese Uhr“, erklärt Egbert Meyer-Lovis, Regionalpressesprecher der DB AG, der S-Bahn, Bahnhof und Uhr gehören. „Deshalb haben unsere Techniker sie auch nicht repariert. Wir planen, die Uhr demnächst komplett zu ersetzen.“

An der Rosentreppe in Wilstorf starrt der Temporalorientierungssuchende ins Leere. Auch hier fehlen Teile. „Wir haben deshalb eine weiße Blende vor dem Ziffernblatt platziert, damit niemand von der falschen Zeit verwirrt ist“, sagt Jürgen Becker, Cheftechniker des Eisenbahn-Bauvereins. Zu dessen Wohnblocks zwischen Reeseberg und Winsener Straße gehört die Rosentreppe und der Uhrturm. Einst soll die Uhr den Schichtwechsel im Bahnausbesserungswerk angezeigt haben. Das Werk gibt es nicht mehr. Ob das Uhrwerk wiederkommt, wird die Zeit zeigen. Die Zukunft liegt jedenfalls hier, weiß man im Süden seit grauer Vorzeit.